• Projekt in Potsdam für mehr Zivilcourage

Projekt für mehr Zivilcourage : In jedem steckt ein „Mopfer“

In der Da-Vinci-Schule präsentierten Schüler Rollenspiele zum Thema Zivilcourage. Mit dabei war auch ein Promi.

Naima Wolfsperger
Der TV-Schauspieler Robert Schupp mit Siebtklässlern der Da-Vinci-Schule.
Der TV-Schauspieler Robert Schupp mit Siebtklässlern der Da-Vinci-Schule.Foto: Andreas Klaer/PNN

Potsdam - Auf die Frage, warum sie einer Mitschülerin das Kopftuch von den Haaren gezogen habe, antwortet die Siebtklässlerin: „Weil es mir Spaß gemacht hat.“ Dabei handelt es sich um eine gestellte Situation, um ein Rollenspiel, das Schüler der Da-Vinci-Gesamtschule am gestrigen Dienstag aufgeführt haben. Sie habe sich in Wahrheit ganz und gar nicht gut gefühlt, sagt sie in der anschließenden Besprechung des Stücks. „Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das jemandem Spaß macht.“

Im Rahmen des Projekts Störungsmelder on tour des Vereins „Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland e.V.“, das sich gegen Rechtsextremismus und für mehr Zivilcourage an Schulen einsetzt, gab es gestern einen Projekttag in der Potsdamer Gesamtschule. Am Vormittag übten die Schüler der 7. Klasse Rollenspiele ein und diskutierten unter anderem mit dem TV-Schauspieler Robert Schupp („Schloss Einstein“) über die Fragen, ob und wann man sich einsetzt, wenn man Zeuge von Unrecht oder gar Gewalt wird.

"War denn von euch schon mal jemand gemein?"

„Fühlt man sich also nicht gut, wenn man gemein ist?“, fragt Schupp. „Auch nicht, um cool zu sein? War denn von euch schon mal jemand gemein, um gut anzukommen?“ Als mehr oder weniger betretenes Schweigen herrscht, gesteht der Schauspieler: „Ich schon. Ich war mal gemein, weil ich beeindrucken wollte.“ Das könne doch jedem Mal passieren, murmeln einige der Schüler im Kanon. „Ich habe das auch schon mal gemacht“, bekennt einer. „Ich auch“, eine andere. Auch der Rest der Klasse nickt jetzt verständnisvoll. „Eben“, ruft Schupp, „wir sind alle ein bisschen ‚Mopfer’. Jeder ist mal Täter und jeder mal Opfer. Interessant ist doch, dass man sich als Täter gar nicht unbedingt gut fühlt.“

Der Schauspieler Robert Schupp an der Da-Vinci-Schule.
Der Schauspieler Robert Schupp an der Da-Vinci-Schule.Foto: Andreas Klaer/PNN

An zwölf Schulen in ganz Deutschland hat die Projektleiterin für das Jahr 2019, Türkiz Talay, solche Tage organisiert. Immer mit dabei ist eine Person des öffentlichen Lebens, so wie Schauspieler Robert Schupp an der Da-Vinci-Schule. 

"Mir geht es nicht um richtiges oder falsches Verhalten"

Schupp engagiert sich seit vier Jahren bei den Störungsmeldern on tour. „Ich glaube, es gibt eine schweigende Mehrheit von zwischenmenschlich anständigen Menschen“, sagt Schupp. Seine Motivation sei, bei dem Formulieren der eigenen Meinung zu helfen. „Mir geht es dabei nicht so sehr darum, ein richtiges oder falsches Verhalten zu vermitteln.“ Vielmehr hoffe er auf eine Selbsterfahrung der Schüler. Sie sollten spüren, wie man sich in konkreten Situationen fühle und daraus eine eigene Meinung ableiten.

„Den Bösen zu spielen ist immer am schwersten“, sagt Schupp. „Das Rollenspiel ist ein guter Weg, um Situationen und Menschen zu verstehen. Erst dann ist auch ein Gespräch möglich.“ Auch berichteten die Jugendlichen an den Projekttagen oft über persönliche Erlebnisse, sagt der Schauspieler. „Das ist essenziell. Es ist leichter, Empathie für jemanden zu empfinden, den man kennt.“

Manche Ideen entstammten dem Schulalltag

Die Siebtklässler der Potsdamer Gesamtschule gaben die Inhalte für die Rollenspiele gestern selbst vor. Manche Ideen kamen aus dem Schulalltag. So wurde in einer Aufführung ein lernender Junge als Streber gemobbt. Ein weiterer Junge sah scheinbar unbeteiligt zu. Andere boten den übergriffigen Schülern schließlich Einhalt. Wie in der Aufführung mit dem Mädchen, dessen Kopftuch abgezogen wird, fühlte sich hierbei einer der Schüler besonders unwohl. Als Beistehender hatte er das Gefühl, zum Mittäter geworden zu sein. In einem dritten Stück blickten die Schüler hingegen über ihre persönliche Betroffenheit hinaus. So stahlen in ihrer Aufführung Männer zwei Obdachlosen die Spenden. Ein Unbeteiligter beobachtete die Szene und sprach einen nahestehenden Polizisten an, der sich der Situation annahm. „Ein Weg, sich zu beteiligen, ohne sich selbst zu gefährden“, lobt Projektleiterin Talay die Aufführung.

In der anschließenden Diskussion ging es nicht nur um die Fragen, wie sich die Schüler in den Rollen fühlten, sondern auch darum, ob sie sich selbst als wichtigen Teil der Gesellschaft verstehen und ob sie eingreifen würden, wenn in der Bahn jemand angegriffen wird. Die meisten Schüler wählten „nein“ als Antwort auf die Frage, wichtig zu sein. Es gebe so viele Menschen, sagte einer, „wie kann ich da so wichtig sein?“ Talay widerspricht: Jeder Mensch trage zu einer guten Gesellschaft bei. Auch im Kleinen.


Die Da-Vinci-Gesamtschule zeigt demnächst auch eine Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel „Demokratie stärken – Rassismus bekämpfen“. Die Eröffnung ist am Montag um 10 Uhr.