Potsdam : PRO & Contra

Foto: Edgar Herbst /Haus Hohenzollern

Natürlich muss der Landessender RBB die Potsdamer Preußen-Hochzeit übertragen. Wer anderes behauptet, negiert Realitäten, geriert sich provinziell – und bedient plumpe Vorurteile. Wie auch immer man dazu stehen mag, Fakt ist: Potsdam und Preußen sind miteinander verbunden, aus der Historie heraus untrennbar. Mit dem Adel ist es ähnlich: Selbstverständlich ist der Adelsstand abgeschafft. Trotzdem sind die Familien, die Jahrhunderte die Geschicke lenkten – ob gut, ob schlecht – nicht ausgelöscht. Das Heute lässt sich eben nicht nach Belieben abtrennen vom Gestern und Vorgestern. Gleichzeitig gilt: Wer sich die Prinz-und-Prinzessinnen-Hochzeit im Fernsehen anguckt, ist in den allermeisten Fällen kein glühender Preußen-Verehrer – genauso, wie die Millionen Menschen weltweit, die bei Kate und William einschalteten, dies wohl nicht taten, um der britischen Krone zu huldigen. Sie waren einfach neugierig, sie wollten zugucken. Daran ist nichts Verwerfliches. Ob Hollywood-Star, Schlager-König oder Preußen-Prinz: Menschen interessieren sich für Menschen – oft besonders für jene, deren Leben ganz anders verläuft als „normal“. Dem Rechnung zu tragen, ist auch Aufgabe der Medien, des RBB. Die Politiker der rot-roten brandenburgischen Regierungskoalition unterstellen nun „Adels-Kult“, spielen Vorurteile aus gegen den öffentlichen Auftrag, den der Sender ihrer Meinung nach nicht zur Zufriedenheit erfüllt. Die indirekt transportierten Gleichsetzungen – wer überträgt, gar wer einschaltet, huldige der Monarchie – sind unlauter. Was bleibt? Ob’s gefällt oder nicht: Die Preußen-Hochzeit ist ein gesellschaftliches Ereignis. Den Kritikern sei zum Trost gesagt: Kate und William, Albert und Charléne, Georg Friedrich und Sophie – Demokratien haben wahrlich andere Feinde. Sabine Schicketanz

Der RBB hat sich also die Ehre verschafft und überträgt die Hochzeit von Nachfahren von ehemals Adligen. Live. Mit Seelmann-Eggebrecht. Nach dem Kleinen Einmaleins der öffentlichen Erregung ergeben die Zutaten „Adel“, „Hochzeit“, „Übertragung“, „öffentlich-rechtlich“ und „live“ hierzulande immer: „Aufregung!“. Dabei muss man in diesem Fall keiner der Leicht-Entflammbaren sein, die sich auf ewig an alten Stammbäumen reiben – und die ja zu Recht darauf verweisen, dass es keinen deutschen Adel gibt, dass von und zu, Gräfin, Prinz etc.pp. nur noch Namenszierat sind. Man könnte also den Ex-Adel ruhig mal wieder Adel spielen lassen im TV: Populärkultur und Preußen-Schlager. Wat für’t Herz eben.

Könnte man – ginge es nicht um den RBB. Die Kritiker haben recht, soweit sie die Prioritätenfrage beim Funkhaus stellen. Denn es gäbe keine nennenswerte Debatte, leistete der RBB die Grundversorgung, berichtete er im TV noch relevant auch aus Landesecken. Stattdessen: Ein gebührenfinanzierter Sender, der sich zwar Polizeiruf und Tatort leistet, sich sogenannte Volksmusiker auf einem Dampfer und anachronistische SFB- ORB-Moderatorenduos hält, aber am Informieren aus ganz Brandenburg scheitert. Ein Sender, im TV dümpelnd im Nirgendwo zwischen MDR und Garnichtsmehr, bei dem im Informationsbereich ein Heer von Nicht- Festangestellten programmprägend ist; Freie, die aus Angst vor Scheinselbstständigkeit alle sechs Jahre zu einer monatelangen Zwangspause verdonnert werden.

Dieser Sender kann diesen Aufwand nicht guten Gewissens betreiben. Dafür können das Hochzeitspaar nichts und auch kein adliger Urahn und erst recht nicht die, für die Hochzeitgucken Grundversorgung ist. Aber die Senderleitung. Wer sonst nur über über das Land schleichen lässt, hier aber den Achtspänner rausholt, gehört gebremst. Peter Tiede

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

Autor