• Prävention: Kinder brauchen eine "Pippi-Langstrumpf-Haltung"

Prävention : Kinder brauchen eine "Pippi-Langstrumpf-Haltung"

Nach dem Missbrauchsverdacht in Potsdam: Expertin erklärt, wie Eltern ihre Kinder gegen Missbrauch stark machen können, welche Kinder öfter Opfer werden und wie man im Fall der Fälle reagieren sollte.

Foto: Patrick Pleul/dpa

Frau Freund, was können Eltern präventiv tun, um ihre Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen?
Ulli Freund: Schon seit Jahrzehnten warnen Eltern ihre Kindern davor, mit Fremden mitzugehen. Warnungen alleine machen aber schwach, weil sie Ängste und Misstrauen schüren. Stattdessen sollten Eltern lieber ruhig mit ihren Kinder sprechen. Sie können ihnen sagen, dass es manchmal Menschen gibt, die ein Kind mitnehmen oder eklig anfassen wollen. Nur in zehn Prozent der Missbrauchsfälle sind Fremde die Täter, häufig sind es Vertrauenspersonen. Eltern können ihren Kindern also auch sagen, dass das jemand sein kann, den man gerne mag.

Wie können Eltern an das Thema herangehen?
Am wichtigsten ist es, dass Kinder wissen, dass sie selbst keine Schuld trifft. Die Kinder sollen wissen, dass die Erwachsenen in diesem Fall schuld sind. Das fällt vielen Erwachsenen nicht leicht, das so zu sagen. Eltern können ihrem Kind sagen: Es gibt Erwachsene oder Jugendliche, die sind gemein. Sie sind sonst eigentlich nett, aber dann legen sie die Kinder rein, nutzen sie aus, indem sie sie bestechen mit einem tollen Spielzeug, Reitunterricht oder Geld. Sie wollen Kinder eklig küssen, am Penis oder an der Scheide anfassen, und manchmal machen sie sogar Fotos davon. Das ist verboten und das wissen alle Erwachsenen.

Präventionsexpertin Ulli Freund.
Präventionsexpertin Ulli Freund.Foto: PROMO

Was sollten Eltern ihren Kindern raten?
Die Kinder sollen Bescheid sagen. Genau dafür ist es wichtig, dass sie sich nicht schuldig fühlen. Sie müssen wissen, dass sie keinen Ärger bekommen, wenn sie Bescheid sagen. Um das zu vermitteln, ist auch das Verhalten der Eltern im Alltag zentral. Sie müssen Respekt zeigen vor ihren Kindern, deren Rechte achten. Wenn ein Kind nicht kuscheln will, nicht angefasst werden möchte, ist das in Ordnung. Das sind manchmal Details, die einem gar nicht so bewusst sind: Wenn eine Mutter sagt, „Mama ist aber traurig, wenn du ihr keinen Gute-Nacht-Kuss gibst“, dann baut das emotionalen Druck auf.

Im Fall des in Potsdam am Samstag verschwundenen Mädchens, das mutmaßlich vor einem Möbelhaus entführt und sexuell missbraucht wurde, war der Täter nach derzeitigem Stand ein Fremder. Wie können Eltern ihren Kindern die richtige Reaktion vermitteln?
Ganz wichtig ist auch hier, dass sie ihre Rechte kennen – aber als „du darfst“ und nicht „du musst“. Zu sagen: Wenn dich jemand in sein Auto ziehen will oder dich am Arm packt, um dich mitzunehmen – dann darfst du schreien, du darfst kratzen, du darfst spucken. Gewissermaßen eine Pippi-Langstrumpf-Haltung, ein Recht auf Unhöflichkeit. Diese Lizenz zum Schreien darf aber kein Zwang sein, sonst können Kinder Schuldgefühle entwickeln, wenn sie das nicht tun. Man kann dem Kind auch sagen, es soll auf seine Gefühle hören. Also: Wenn dir etwas komisch vorkommt, halte Abstand. Und wenn du dich unsicher fühlst, darfst du wegrennen, dann musst du dich nicht erklären und auch nicht brav bleiben.

Sind Kinder in bestimmten Milieus gefährdeter für Missbrauch, als andere?
Nein. Sexueller Missbrauch zieht sich durch alle Milieus. Es gibt keine Schieflage nach sozialer Herkunft. Allerdings ist es so, dass in Familien, deren Kinder ohnehin beobachtet werden, weil sie zum Beispiel auffällig sind, ein Missbrauch leichter bemerkt wird. Tatsächlich bleiben Missbrauchsfälle an Kindern aus scheinbar behüteten Familien oft länger unentdeckt.

Sind trotzdem bestimmte Kinder häufiger Opfer als andere?
Mädchen und Jungen mit Behinderung werden überdurchschnittlich oft Opfer sexuellen Missbrauchs. Zudem sind Kinder verletzlicher, deren Eltern ihnen wenig Zeit und Aufmerksamkeit widmen oder widmen können. Das ist aber völlig unabhängig von der Bildungsschicht oder finanziellem Hintergrund.

Welchen Beitrag kann die Schule zur Prävention leisten?
Es gibt eine ganze Reihe von Präventionsprojekten in Schulen, wenn auch leider bundesweit noch nicht flächendeckend. Lehrer können mit ihren Klassen etwa Theaterstücke oder Ausstellungen zu dem Thema besuchen. Oder aber sie holen sich Vereine in die Schule, die dann Projekte mit den Klassen durchführen. Da würde ich aber unbedingt dazu raten, sich an Anbieter zu wenden, die Qualitätsstandards einhalten. Leider gibt es auch viele kommerzielle Anbieter, deren fachliche Kompetenz fragwürdig ist. Vor allem aber besteht die Rolle der Schule in einer präventiven Erziehungshaltung.

Was meinen Sie damit?
Präventionsprojekte helfen wenig, wenn die Kinder im Alltag kein Recht auf ein Nein haben. Prävention muss versuchen, den Tätern ihre Strategien zu nehmen. Dazu zählt, dass viele Täter ihren Opfern sagen, das sei ein Geheimnis, das sie niemandem verraten dürfen. Lehrer oder Erzieher können vermitteln, dass man Geheimnisse dann verraten darf, wenn sie sich nicht gut anfühlen. Dass es in Ordnung ist, Hilfe zu holen, und die Kinder dann keine Petzen oder Verräter sind.

Vor etwa einem Jahr startete in Brandenburg die Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“. Was hilft das?
Damit geben sich Schulen ein Schutzkonzept. Dieses umfasst zum einen Vereinbarungen oder Maßnahmen, um Gelegenheiten zu reduzieren, die Täter ausnutzen können, um an Kinder heranzukommen, Abhängigkeiten oder Geheimhaltung aufbauen zu können. Zum anderen aber geht es um Wissensvermittlung. Schule soll ein Kompetenzort sein. Im Kollegium sollte jeder wissen, wie er im Notfall reagieren muss, wenn ein Kind sich ihm anvertraut.

Wie sollten Lehrer denn reagieren?
Man sollte dem Kind für sein Vertrauen danken und vermitteln, dass es alles richtig gemacht hat. Lehrkräfte sollten sich auch mit zu emotionalen Reaktionen zurückhalten, damit die Kinder nicht zurückrudern, um ihre Vertrauensperson zu schonen. Man sollte vermitteln, dass das Kind nicht allein mit dieser schweren Erfahrung ist und dass man sich darum kümmern wird. Wie genau, weiß man im ersten Moment oft nicht, deshalb sollte man gemeinsam mit der Schulleitung die ersten Schritte überlegen, die im Notfallplan des Schutzkonzepts beschrieben sind.

Wie können denn Eltern reagieren, wenn ihr Kind ihnen erzählt, dass ein Erwachsener sie angefasst hat?
Die meisten erschrecken erst einmal. Das ist normal. Dann aber sollten sie besonnen reagieren, ihrem Kind signalisieren, dass sie froh sind, dass es sich anvertraut hat. Es loben, ihm sagen, dass man ihm glaubt und erst einmal trösten. Und ihm erklären, dass es keine Schuld trifft. Dann sollte man zusammen überlegen, ob das Kind Hilfe braucht und von wem. Ein guter Ansprechpartner sind hier die Fachberatungsstellen oder auch das Hilfetelefon sexueller Missbrauch.

(Ulli Freund, 56, ist Präventionsexpertin im Arbeitsstab des Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Die Diplompädagogin hat selbst lange in Schulen und Kindergärten gearbeitet.)
 

Hilfe bei Missbrauch
Unter der Telefonnummer (0800) 2255530 bietet das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch Opfern oder auch Eltern kostenfrei und anonym Hilfe an. Die Hotline ist ein Angebot des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. Informationen für Betroffene, Angehörige oder Fachkräfte gibt es auch auf der Homepage www.hilfeportal-missbrauch.de. Für Schulen, Kitas, Vereine oder Kirchengemeinden werden auf der Internetseite www.kein-raum-fuer-missbrauch.de zudem kostenlos Flyer und Informationsmaterialien zum Download angeboten.