• Potsdams Stadthaus: Ganz unten und ganz oben

Potsdams Stadthaus : Ganz unten und ganz oben

Ein Haus zum Verirren: Das Stadthaus ist ein Monumentalbau mit 478 Räumen. Eine Tour dahin, wo nicht jeder hin kann – und auch nicht unbedingt will

Guido Berg Text Fotos
„Hier ist immer was kaputt.“ Chefhausmeister Frank Oberländer (o.r.) arbeitet seit 1987 im Stadthaus. Er kennt die Ecken, in die sonst niemand kommt. Auf dem früheren Kohlenhof parken heute Verwaltungsmitarbeiter ihre Autos, im ehemaligen Tresorraum der DDR-Staatsbank stehen heute Fahrräder. Die Kellerräume wurden seit Erbauung des Hauses nicht renoviert – an den Wänden haftet noch der Kohleruß des vergangenen Jahrhunderts. Dort unten befindet sich auch das Archiv der Verwaltung mit Aktenregalen. In Abstellräumen lagern Utensilien der Demokratie – Wahlurnen zum Beispiel. Der Denkmalschutz bewahrt dort Fundstücke auf. Die Kellerräume sollen nach der geplanten Sanierung als Büros genutzt werden.Weitere Bilder anzeigen
10.01.2014 21:10„Hier ist immer was kaputt.“ Chefhausmeister Frank Oberländer (o.r.) arbeitet seit 1987 im Stadthaus. Er kennt die Ecken, in die...

Frank Oberländer arbeitet seit 1987 in dem Haus. Wenn er über den Innenhof geht, dort entlang, wo jetzt die Autos der Mitarbeiter parken und früher die Braunkohle zum Heizen lag – wobei Blumenerde oft die bessere Bezeichnung war – dann wird er an sein erstes Arbeitsjahr im Potsdamer Stadthaus erinnert. Weil die Kohle, die in den alten Kesseln im Keller verbrannt wurde, oft bröckelte, musste der Untergrund im Innenhof betoniert werden, um die Kohle vom Mutterboden unterscheiden zu können. Und wer hat diese Arbeit erledigt? Frank Oberländer. Eigenhändig hat der Mann die Jahreszahl „1987“ in den frischen Beton geritzt. Was er denkt, wenn er nun neben der noch gut lesbaren Jahreszahl steht? Ach, sagt der gelernte Maschinist für Wärmekraftanlagen, aus seiner Sicht war es eine gute Entscheidung, bei der Potsdamer Stadtverwaltung anzufangen. Langweilig war es für ihn im Stadthaus mit seinen 478 Räumen nie: „Hier ist immer etwas kaputt.“

Oberländer führt durch das Gebäude, ein zwischen 1902 und 1908 errichteter Wilhelminischer Bau, in dem sich selbst in den offiziell zugänglichen Fluren zu verlaufen keine Schande ist. Gebaut wurde der Monumentalbau nach Plänen des Architekten Paul Kieschke. Der Klotz, heute Sitz von Stadtverwaltung und Stadtverordnetenversammlung, diente zunächst als Amtssitz des preußischen Regierungspräsidiums. Das Haus sollte beeindrucken, sollte groß und übermächtig wirken. Das Wirrwarr aus Treppenhäusern und Fluren ist vom menschlichen Orientierungssinn kaum zu erfassen. Wie muss es da erst in den Kellern, Gängen und Dachböden zugehen, dort also, wohin sich außer Frank Oberländer und seinen Kollegen niemand sonst verirren sollte? Der Chef des Hausservice-Teams führt zunächst in den Keller. Die Gänge dort sind seit der Bauzeit nicht mehr gestrichen worden, an den Decken haftet der Kohleruß des vergangenen Jahrhunderts. In der Zeit, als mit Kohle geheizt wurde, hat die Entlüftung nie richtig funktioniert, erzählt Oberländer. Dort, wo im Stadthaus ganz unten ist, im Keller, stehen nun keine Öfen mehr, sondern eine Fernwärmeanlage.

Eine weitere Station dieser Stadthaus-Tour liegt hinter einer Tür, auf die jemand vor Jahrzehnten mit Kreide „H2O“ geschrieben hat. Axel Pötsch, der in Oberländers Team für die Schlüssel zuständig ist, öffnet sie, doch dahinter findet sich kein Wasser und das ist auch gut so, denn hier befinden sich Teile des städtischen Archivs. Oberländer hat ein wenig Sorge, dass das alles, was er zeigen kann, am Ende gar nicht so spektakulär ist. „So schlimm sieht’s hier gar nicht aus – oder wir haben uns daran gewöhnt.“ In der Tat sind die Wände und Decken in diesem Bereich frisch gestrichen, ordentlich reiht sich Aktenregal an Aktenregal. Auf einer Akte steht „Groß Klienicke“, was lustig ist, denn der Ort ist außerhalb des Stadthauses bekannt als Groß Glienicke. Für das ungewohnte Auge ist allein die Dicke der Wände spektakulär. Die meterdicken Pfeilerkonstruktionen lassen die Last erahnen, die auf ihnen ruhen. Das große, kupferbeschlagene Kuppeldach über dem Plenarsaal gehört neben den Kirchtürmen zu den Landmarken der Stadt Potsdam. Dorthin will Oberländer mit seinem Besuch, auf die Turmspitze, die aus der Kuppel ragt. Auf dem Weg dorthin geht es an einem als Abstellkammer genutzten Raum vorbei, an dessen Tür noch ein Schildchen hängt mit der Aufschrift „Ruheraum für Elektriker“; die Buchstaben wurden „mit viel Liebe und sehr viel Zeit“ in das Brettchen geschnitzt. Zeugnisse der DDR-Zeit finden sich auch im Arbeitsraum des Glasers, ein Stern-Radio „Prominent duo“ und ein Rekorder „SKR 700“.

Dann zeigt Oberländer den alten Tresorraum der DDR-Staatsbank, in dem heute das Fundbüro residiert. Dutzende Fahrräder stehen dort und warten auf alte oder neue Besitzer. „Zu DDR-Zeiten hat da richtig viel Geld gelegen“, erinnert sich Oberländer. Die dicken Sicherungswände des Tresorraums wurden nach der Wende mit riesigen Kreissteinsägen rausgeschnitten. Wir gehen weiter und der Orientierungssinn hat längst seinen Geist aufgegeben, doch der 47-Jährige weiß, wo er ist: „Hier sind wir jetzt unter dem Bürgerservice.“ Noch in diesem Jahr wird mit der Sanierung der Kellerräume begonnen, erklärt Oberländer, künftig sollen sie als Büros genutzt werden. Noch dienen sie jedoch als Lager für die Utensilien der Demokratie. Es stapeln sich Wahlurnen aus Kunststoff, doch in einem Gang steht noch eine aus Metall. Die Urne mag bei ersten Wahlgängen im Einsatz gewesen sein, gleich nach 1945 oder in der Weimarer Republik.

Es geht aufwärts, zunächst mit einem 1992 eingebauten Fahrstuhl, dann über diverse Treppen. Durch eine unscheinbare Tür betreten wir den Dachboden, vor uns gähnt eine riesige Fläche. Hier und da lagern aufgetürmte, restliche Dachziegel. Eine große ovale Fläche ist die Oberseite der Decke des Plenarsaals. Stählerne, angerostete Seilwinden stehen dort. Sie sind noch in Betrieb, mit ihnen lassen die Haushandwerker die Kronleuchter herab, wenn mal eine Glühlampe ausgetauscht werden muss. Eine schmale Treppe führt auf eine weitere Zwischenebene und noch eine weitere Treppe dorthin, wo es beim Stadthaus nicht höher hinaus geht. So muss es sein, auf hoher See die Luke eines U-Bootes zu verlassen. Die Öffnung ist schmal und draußen fegt ein erbarmungsloser Wind. Kaum draußen, ist es kein U-Boot mehr, sondern ein Hubschrauber, denn wir sind über allen Dächern der Innenstadt, in Augenhöhe von Nikolaikirche und St. Peter und Paul. Selbst Oberländer betritt diese Stelle „eigentlich nie“. Das Kuppeltürmchen ist vollends mit Kupferblechen beschlagen, die mit Grünspan überzogen sind. „Nicht an das Geländer fassen“, rät Oberländer, „die Garantie ist abgelaufen.“

Oben geblieben ist noch keiner, heißt es. Das mag fürs Fliegen gelten, nicht aber für die Dachböden des Stadthauses. „Zu DDR-Zeiten“, erinnert sich Oberländer, „hat mal einer am Fenster gestanden und rausgeschrien wie am Spieß, weil er die richtige Tür nicht mehr gefunden hat.“

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