• Potsdams Rathaus legt Konzept vor: Neue Hotline für mehr Kinderschutz

Potsdams Rathaus legt Konzept vor : Neue Hotline für mehr Kinderschutz

Die Stadtverwaltung will verstärkt gegen Gewalt und Vernachlässigung in Familien vorgehen. Dafür soll Kindeswohlgefährdung besser gemeldet werden können.

(Symbolbild)
(Symbolbild)Foto: Patrick Pleul/dpa

Potsdam - Für Bürger, die mutmaßliche Gefährdungen von Kindern melden wollen, hat die Stadt Potsdam eine neue Telefon-Hotline eingerichtet. Diese Notrufnummer (0331) 289 3030 ist bereits seit Anfang des Jahres zu erreichen. Das hat das Jugendamt unter Dezernentin Noosha Aubel (parteilos) nun im neuen Rahmenkonzept Kinderschutz bekannt gegeben, das die Stadtverordneten ab Mai debattieren und im Juni beschließen sollen.

Die neue Rufbereitschaft ist dabei ein wichtiger Baustein, sie ist demnach die ganze Woche über tagsüber erreichbar und wird in der Nacht auf die Rettungsstelle unter 112 umgeleitet. Sie dürfe ausschließlich genutzt werden von „Kindern und Jugendlichen in Not- und Konfliktlagen“ sowie von Bürgern, die mögliche Gefährdungen anzeigen wollen, heißt es in dem Konzept. Bisher hatte die Stadtverwaltung diese Nummer noch nicht in größerem Rahmen kommuniziert.

Corona brachte einen Anstieg der Fallzahlen

Es geht um einen besseren Schutz von rund 32 500 Kindern und Jugendlichen, dies sind rund 17,5 Prozent der Potsdamer. Insbesondere im ersten Jahr der Corona-Pandemie 2020 hatte es laut dem Konzept eine „überdurchschnittliche Anzahl von bestätigten Kindeswohlgefährdungen“ gegeben, nämlich 109. Im Jahr zuvor waren es laut Statistik 64 Fälle gewesen, 2021 noch 80. Dabei sei Vernachlässigung „die häufigste bestätigte Form“ einer solchen Gefährdung gewesen. In den Corona-Jahren sei aber auch die psychische Gewalt deutlich gestiegen. „Formen von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind im Rahmen einer Statistik kaum realistisch darstellbar, was an einer geringen Aufdeckungsquote liegt“, heißt es in dem Bericht weiter.

280 Seiten 

Damit in dem sensiblen Bereich mehr Aufklärung und auch Prävention möglich ist, stellt die Stadtverwaltung in dem mehr als 280 Seiten umfassenden Konzept einen ganzen Kanon an Maßnahmen vor. So sollen im Jugendamt mindestens zwei zusätzliche Stellen geschaffen werden – wie berichtet hatte es hier in der Belegschaft auch in der jüngeren Vergangenheit bereits Hilferufe wegen Überlastung gegeben, insbesondere wegen der Rufbereitschaft. Insgesamt sind für die Umsetzung des Konzeptes in den kommenden Jahren bis 2026 mehr als 750 000 Euro geplant.

Bildungsdezernentin Noosha Aubel (parteilos)
Bildungsdezernentin Noosha Aubel (parteilos)Foto: Ottmar Winter

Zu den damit finanzierten Maßnahmen gehört unter anderem eine bessere Zusammenarbeit mit zum Beispiel Kinderärzten, Hebammen und anderen Heilberufen, damit auch dort Informationsmaterial zum Thema verteilt werden kann. Für den Beratungsbedarf vor Ort sollen im Jugendamt selbst eine kindgerechte Beschilderung und ein Wegeleitsystem umgesetzt werden. Auch von diversen Weiterbildungsangeboten für die Kinderschützer im Jugendamt ist in dem Konzept die Rede: Etwa von Fallwerkstätten, in denen Einzelfälle in Sachen Kinderschutz analysiert werden sollen. Auch ein Fachaustausch mit der Justiz und Ermittlern zum Thema Menschenhandel ist im nächsten Jahr vorgesehen. Und in Schulen mit mehr als 30 Mitarbeitenden solle zum Beispiel mindestens ein Kinderschutzspezialist benannt werden, empfiehlt die Stadtverwaltung.

Angebot für Familien mit psychisch erkrankten Eltern

50 000 Euro pro Jahr sind vorgesehen für Maßnahmen und Angebote „zum Entgegenwirken von Folgen von suchtkranken und psychisch erkrankten werdenden Eltern und Familien mit Kindern bis zu drei Jahren“. Denn hier gebe es Handlungsbedarf. In Potsdam gehe es derzeit um rund 300 Familien mit einem solchen Hintergrund, schätzt das Dezernat. Laut Experten würden über 50 Prozent der Kinder von psychisch erkrankten Eltern auch selbst Störungen entwickeln, zum Beispiel fehlendes Einfühlungsvermögen oder aggressives Verhalten.

Es gebe den gesetzlichen und auch gesellschaftlichen Anspruch, Kinder und Jugendliche vor allen Formen der Gewalt und auch Vernachlässigung zu schützen, erklärt Aubel die Notwendigkeit solcher Ausgaben: „Dort, wo es nicht gelingt ein Umfeld zu schaffen, in dem Kinder und Jugendliche liebevoll erzogen und gefördert werden, ist es unser Auftrag, zu helfen und zu unterstützen.“ Dafür sei es notwendig, dass alle Akteure, die mit Kindern, Jugendlichen und Familien im Kontakt stehen, „multiprofessionell und kompetent zusammenarbeiten“, so die Beigeordnete, die auch von einer Verantwortungsgemeinschaft spricht. So wolle man regelmäßig prüfen, ob die Angebote, die in der Stadt vorgehalten werden, „im Sinne des Schutzes von Kindern und Jugendlichen ausreichend sind“, heißt es im Konzept.

Weiterer Service: Potsdams "Nummer gegen Kummer"

Unter dem Motto „Nummer gegen Kummer“ steht Kindern und Jugendlichen bereits deutschlandweit die 116 111 zur Verfügung. Dort können sie sich zum Beispiel zu Konflikten in der Familie, Mobbing oder Liebeskummer beraten lassen. Diese Nummer wird von 76 Standorten aus betrieben, einer davon ist Potsdam. Anrufen kann man montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr. Das Angebot ist kostenlos. Die Beratung erfolgt anonym, es werden weder Name noch Telefonnummer gespeichert. Zudem besteht die Möglichkeit, eine Online-Beratung, eine Beratung per E-Mail oder im Chat wahrzunehmen – unter www.nummergegenkummer.de. Das Angebot in Potsdam wird von der Hoffbauer-Stiftung betrieben, Grundlage ist ehrenamtliches Engagement. Finanzielle Unterstützung kommt von Bund, Land und Stadt.

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