• Potsdams Kreiswahlleiter geht in den Ruhestand: Von der Königsberger Oma rechnen gelernt

Potsdams Kreiswahlleiter geht in den Ruhestand : Von der Königsberger Oma rechnen gelernt

Herr der Zahlen wurde er genannt – wegen seiner Leidenschaft für Statistiken. Jetzt geht Kreiswahlleiter Matthias Förster in den Ruhestand.

Findet Zahlen gar nicht trocken. Matthias Förster, noch bis 28. Februar Kreiswahlleiter in Potsdam, an seinem Schreibtisch.
Findet Zahlen gar nicht trocken. Matthias Förster, noch bis 28. Februar Kreiswahlleiter in Potsdam, an seinem Schreibtisch.Foto: A. Klaer

Potsdam - Wer zu Matthias Förster will, muss entgegen aller Instinkte zunächst einen der letzten unsanierten Altbauten auf dem Campus der Stadtverwaltung betreten und im dritten Obergeschoss eine Sicherheitsschleuse passieren. Einen Code eingeben und warten, dass einen jemand an der Tür abholt. „Das ist Datenschutz“, sagt Förster freundlich. Gesetzlich vorgeschrieben. In seinem Büro ist dann alles ganz entspannt. Hier wächst ein halber Dschungel, ein großer Hibiskus blüht – Förster hat offensichtlich einen grünen Daumen. An diesem ersten Vorfrühlingstag reißt er das Fenster weit auf.

Matthias Förster, Kreiswahlleiter und stellvertretender Leiter Bereich Statistik und Wahlen der Landeshauptstadt seit 1996, ist am Packen. Ende Februar geht der 65-Jährige in den Ruhestand, nach 21 Jahren in der Stadtverwaltung, nach 28 Wahlen und Volksentscheiden, die er vorbereitete und durchführte, nach zahlreichen statistischen Jahrbüchern, die er mit Material fütterte. Nach Analysen und Prognosen und einer engen Zusammenarbeit mit den anderen Bereichen der Stadtverwaltung.

Ohne Daten kann keine Verwaltung vernünftig planen

Wenn er über seine Arbeit spricht, dann stets mit Begeisterung. Bevölkerungsdaten durchrechnen, wer wann und wo wie viele Kinder bekommt, in welchem Stadtteil in welchem Alter gestorben wird, das Wanderungsverhalten in der Stadt – das sind seine Themen. Ohne Daten kann keine Verwaltung vernünftig planen, sagt er. „Aufgrund meiner Prognose wurden vor einigen Jahren jene 160 Millionen für weitere Schulen in die Hand genommen.“ Aber dann kam der Flüchtlingszuwachs – unplanbar. Wenn auf politischer Ebene etwas Außergewöhnliches passiert, „da nützen einem Prognosen gar nichts“.

Die Oma ist der Grund, dass Förster so gut mit Zahlen umgehen kann. 1920 wollte die Großmutter in Königsberg Mathematikerin werden. Für ein Mädchen damals allerdings unmöglich, sie durfte Mathematik, Chemie und Physik nur auf Lehramt studieren. Mit dieser Oma rechnete der Schüler Matthias später zu Hause in Rangsdorf auch Aufgaben, die nicht zu den Hausaufgaben gehörten, und sie schickte ihn zu vielen Matheolympiaden. Er machte sein Abitur mit Berufsausbildung zum Facharbeiter für Elektrotechnik an einer Spezialschule in Potsdam. Bald merkte er, die Praxis lag ihm nicht: „Beim Löten hatten meine Stellen immer eine Nase, die anderen haben das ohne Nasen hingekriegt.“ Also studieren.

Atomphysik war sein Wunschfach. Aber dazu hätte er für fünf Jahre in die Sowjetunion gehen müssen, das war ihm dann doch zu weit. Lieber schrieb er sich an der TU Dresden für Mathematik ein und landete 1977 in der Zentralverwaltung Statistik. Weitere Stationen waren die Akademie der Wissenschaften und die Hochschule für Ökonomie, bis diese im Zuge der Wende abgewickelt wurde. 1991 ging er an das Brandenburgische Wirtschaftsinstitut und 1995 nach Potsdam. Die Verwaltung suchte damals zunächst jemanden für eine Gebäude- und Wohnungszählung. „Das konnte ich“, sagt Förster. Erfahrungen hatte er schon bei der großen Volkszählung der DDR 1981 gesammelt. Ein Unterschied zu heute: Zu DDR-Zeiten waren Einzeldaten zu konkreten Personen längst nicht so geschützt wie jetzt, während Zahlen zur Volkswirtschaft streng geheim waren. „Heute ist der Umgang mit Datenmaterial genau umgekehrt“, sagt Förster. „Zusammengefasste Daten bekommt man immer.“

Man kann doch nicht nur zählen, man muss auch zuhören können

In Potsdams Stadtverwaltung gefiel es ihm gut. Die Arbeit im Amt für Statistik reiche in alle Lebensbereiche hinein. „Da lernt man eine Stadt gründlich kennen.“ Wenn sich Abweichungen zwischen zwei Statistiken ergeben, muss er forschen: Wo ist der Fehler? „So was macht mir Spaß“, sagt Förster. Zuletzt arbeitete er am Städtevergleich, da stehe Potsdam ganz gut da. Aber das seien eben nur abgebildete Fakten. Wie die Menschen ihre Stadt gefühlt wahrnehmen, ist noch etwas ganz anderes. Man kann doch nicht nur zählen, man muss auch zuhören können. Hinschauen, findet er. Für Potsdam wünscht er sich zum Beispiel einen verantwortungsvolleren Umgang mit Volksbegehren, mit dem Bürgerwillen. Zu viel von dem, was da manchmal beschlossen wird, verlaufe still im Sande und der Bürger hört nie wieder was davon. Daher der Erfolg für die rechten Parteien, die dann eines Tages auch bei ihm im Büro stehen und Wahlvorschläge einreichen. „Da muss man natürlich trotz aller Vorbehalte höflich und korrekt sein.“

Für die Bundestagswahl im September ist er jetzt nicht mehr zuständig. Seine erste Bundestagswahl fand 1998 statt, zeitgleich mit der Kommunalwahl – ein riesiger Aufwand. In Erinnerung blieb auch der Bürgermeister-Wahlkrimi von 2002. Während der Auszählung lag lange Zeit Hans-Jürgen Scharfenberg vor. Dann aber holte Jann Jakobs auf und gewann, mit 124 Stimmen. So was Spannendes – „dieser Jubel nach der Totenstille bei den Sozialdemokraten!“ – das hatte Förster noch nicht erlebt.

Als Ehrenamtler will er die nächsten Wahlen unterstützen

Als Kreiswahlleiter genoss Förster hohes Ansehen. Er schaffte es auch immer wieder, genügend freiwillige Wahlhelfer zu mobilisieren. Dass jetzt das Erfrischungsgeld für Helfer verdoppelt wurde, findet er gut. Als Ehrenamtler will auch er bei den nächsten Wahlen mitmachen, vielleicht im Orga-Büro. „Ich kenne mich doch aus, wenn die mit kniffeligen Fragen anrufen“, sagt er. Ansonsten freut er sich, dass er endlich mehr Zeit für seine alten Eltern haben wird. Er möchte die Familiengeschichte aufschreiben, er muss Fotos digitalisieren, seine Frau und er wollen viel reisen, es gibt Arbeit in Haus und Garten. Und dann sind da noch die vielen historischen Rechenmaschinen, die er im Laufe der Jahre gesammelt hat und die bei ihm im Büro standen. Er will sie wieder gängig machen. Einen Lötkolben hat er selbstverständlich zu Hause.