• Potsdams kleines Silicon Valley: Fabrik für smarte Geschäftsideen 

Potsdams kleines Silicon Valley : Fabrik für smarte Geschäftsideen 

Ab September soll der Think Campus am Jungfernsee im Potsdamer Norden Start-ups und etablierte Unternehmen zusammenbringen. Die ersten Mieter stehen fest. Ein Rundgang. 

Der Think Campus, ein Forschungs- und Entwicklungszentrum, soll im September eröffnen.
Der Think Campus, ein Forschungs- und Entwicklungszentrum, soll im September eröffnen.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Vom Dach des Rohbaus lässt Toğrul Gönden den Blick über die Umgebung streifen. Die Baustelle am Konrad-Zuse-Ring ist umgeben von Brachflächen. Doch die werden bald verschwinden, sagt der Geschäftsführer des Berliner Immobilieninvestors Driven. Es werde ein geschäftiges Gewerbegebiet aus dem Boden wachsen. In der Nauener Vorstadt am Jungfernfernsee entstehe ein Hotspot für Forschung und Entwicklung, ein “kleines Silicon Valley” . In dessen Zentrum: der Think Campus, den Driven im September eröffnen will.  

Togrul Gönden.
Togrul Gönden.Foto: Andreas Klaer

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Der vom Berliner Architektenbüro Bollinger und Fehlig entworfene Komplex besteht aus zwei Gebäuden mit insgesamt 12.200 Quadratmetern Baugrundfläche, die hauptsächlich in Form von Büros vermietet werden sollen. Elf Bauunternehmen sind laut der Architekten am Projekt beteiligt. Über 1000 Tonnen Bewehrungsstahl wurden verbaut, etwa 60 Kilometer Kabel verlegt. 

Rund 60 Kilometer Kabel wurden verlegt
Rund 60 Kilometer Kabel wurden verlegtFoto: Andreas Klaer


Nicht zufällig befindet sich die Baustelle unmittelbar gegenüber des SAP-Innovationszentrums, in dem der Softwarehersteller an Zukunftstechnologien wie Künstlicher Intelligenz und Blockchain tüftelt. SAP-Mitbegründer Hasso Plattner hatte gewissermaßen den Grundstein für den Technologiestandort gelegt.  

Raum für Innovationen: Auf rund 12.000 Quadratmetern sollen sowohl Geschäftsgründer als auch etablierte Unternehmen gemeinsam arbeiten.
Raum für Innovationen: Auf rund 12.000 Quadratmetern sollen sowohl Geschäftsgründer als auch etablierte Unternehmen gemeinsam...Foto: Andreas Klaer


Beim Rundgang durch die oberen Etagen zeigt Gönden auf die nackte Betondecke. “Das lassen wir so”, sagt er. Im Gegensatz zum klassischen Bürostil werde es keine Trockenbaudecken geben, sondern Sichtbeton wie in einem Industriegebäude. Gönden hat in Berlin und Sevilla Architektur studiert und war für global agierende Immobilienfirmen viele Jahre im Ausland tätig. 2019 wurde er Geschäftsführer bei Driven. Das Berliner Unternehmen hat bisher vor allem Logistikzentren in verschiedenen deutschen Orten errichtet. 

Eine steinerne Tribüne im Atrium

Den Mittelpunkt des viergeschossigen “WorkHub 1” bildet ein so genanntes Atrium. Der hohe Raum wird durch Deckenfenster beleuchtet. “Hier wird es eine Leinwand geben für Präsentationen und Vorträge”, erläutert Gönden. Auf einer steinernen Tribüne, die an ein antikes Theater erinnert oder auch an einen Vorlesungssaal, wird das Publikum Platz nehmen. Wenn gerade kein Event stattfinde, solle der Raum ein offener Bereich sein, in dem sich Nutzer und Gäste miteinander austauschen können, sagt Gönden. 

Alles ist offen und hell.
Alles ist offen und hell.Foto: Andreas Klaer


Der erste Mieter steht bereits fest. Im Erdgeschoss wird das Berliner Unternehmen Simplioffice einen Co-Working-Space einrichten, zum Beispiel für Start-ups oder Freelancer aus der Technologiebranche.  Simplioffice wird außerdem eine Gastronomie im Erdgeschoss betreiben. “Potsdam hat großes Potenzial”, sagt Dirk Griesinger, Geschäftsführer und Gründer von Simplioffice. Damit meint er vor allem die Absolventen von Universität, Hasso-Plattner-Institut (HPI) und Fachhochschule. Unter ihnen gäbe es viele angehende Gründer mit smarten Ideen, doch momentan würden die meisten nach Berlin abwandern. 

Das Haus steht in direkter Nachbarschaft zum SAP-Innovationszentrum am Jungfernsee (nicht im Bild).
Das Haus steht in direkter Nachbarschaft zum SAP-Innovationszentrum am Jungfernsee (nicht im Bild).Foto: Andreas Klaer


Simplioffice unterhält bereits ähnliche Co-Working-Spaces in Berlin und Leipzig. Dort kann man zum Beispiel “flexible Plätze” bereits ab 99 Euro im Monat mieten. Das Angebot richte sich an “digitale Nomaden”, erklärt Griesinger, die sich mit ihrem Laptop einfach dort aufstellten, wo gerade Platz sei. Feste Plätze sind ab 350 Euro monatlich erhältlich. In Potsdam werde es auch einen teureren Premiumbereich geben, mit zusätzlichen Services wie einer Textilreinigung.  

Offene Atmosphäre. Die Räume im Think Campus sollen auch zwischen den einzelnen Firmen zu Kommunikation und Austausch einladen.
Offene Atmosphäre. Die Räume im Think Campus sollen auch zwischen den einzelnen Firmen zu Kommunikation und Austausch einladen.Foto: Andreas Klaer


Von anderen Anbietern möchte sich Simplioffice vor allem durch einen “ganzheitlichen Ansatz” unterschieden. Neben der bloßen Bürofläche erhalten die Nutzer auch Sportangebote. Sie sollen Street Soccer spielen und sich in einem Workout-Raum auspowern können, wenn sie möchten. Griesinger sieht darin nicht weniger als die Zukunft der Arbeitswelt. Bevor er sein Unternehmen 2017 gründete, war der Diplom-Betriebswirt im Bereich Personalmanagement und Human Ressources (HR) tätig. 

Schallsichere Schlafkabinen für Programmierer

“Weil wir aus dem HR-Bereich kommen, haben wir viel Erfahrung darin, Mitarbeiter zu hohen Leistungen zu motivieren”, sagt er über sein Unternehmen.  Es werde auch einen Raum für Videospiele geben und sogar schallsichere Schlafkabinen, in denen sich gestresste Programmierer für ein paar Stunden ausruhen könnten. “In der Softwareentwicklung gibt es zum Teil heiße Phasen, in denen die Leute gar nicht nach Hause gehen wollen”, sagt Griesinger. 

Simplioffice möchte jungen Gründern aber auch durch die Vermittlung wichtiger Kontakte in die Wirtschaft zum Erfolg verhelfen. Das sind vor allem Investoren, ohne die die meisten kostspieligen Entwicklungen gar nicht möglich sind.  Neben Wagniskapitalgebern spielen Konzerne und auch Mittelständler eine wachsende Rolle bei der Finanzierung innovationsgetriebener Geschäftsmodelle. 

Dass der Think Campus die jungen Wilden mit traditionelleren Unternehmen zusammenbringen möchte, spiegelt sich auch in der Architektur wieder. Im Gegensatz zum teilweise verspielten “Workhub Nummer 1” wirkt “Nummer 2” schon eher wie das klassische Bürogebäude eines Mittelständlers. "Manche unserer Kunden haben eben einen etwas konservativeren Geschmack”, sagt Gönden.


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