Potsdam : Potsdams Innenstadt im Ausnahmezustand

Polizei und Staatsschutz suchen bis zum späten Abend nach Spuren des Absenders des gefährlichen Pakets. Besucher feiern derweil weiter

Innenstadt - Wenn eines an diesem Abend in Potsdam klar ist, dann das: Der Apotheker ist der Held des Tages. Dem Filialleiter der Königin-Luise-Apotheke an der Dortustraße Ecke Brandenburger Straße war ein am frühen Nachmittag angeliefertes Paket verdächtig vorgekommen. Es hätten „da so komische Drähte herausgeguckt“. Deswegen habe er das Paket sofort aus der Apotheke auf die Straße getragen und die Polizei alarmiert. Potsdams Polizeichef Peter Meyritz sagte: „Er hat alles richtig gemacht.“

Denn dann ging alles ganz schnell: Um 14.32 Uhr begann die Polizei, einen Teil des vielbesuchten Weihnachtsmarkts in der Brandenburger Straße zu sperren. Zwischen der Lindenstraße und dem H&M-Laden galt für die Einkaufsstraße: Betreten verboten. Alle Geschäfte und Restaurants, auch in großen Teilen der benachbarten Dortustraße, mussten schließen, ebenso einige Dutzend Buden des Weihnachtsmarkts.

Mit Flatterband sperrten die Sicherheitskräfte den Bereich, Polizisten mit Maschinenpistolen wiesen Besucher an, möglichst über die anliegenden Gutenberg- oder Charlottenstraße auszuweichen. Anwohner wurden aufgefordert, den Bereich zu verlassen oder sich zumindest im hinteren Bereich ihrer Wohnungen aufzuhalten. Auch einige Krankenwagen standen bereit, für den Ernstfall. Derweil zog die Polizei – wie für solche Ausnahmesituationen geplant – Spezialkräfte zusammen, die Sprengstoffexperten der Bundespolizei kamen zum Einsatz.

„Ich bin hierher gekommen, und da war alles gesperrt“, sagte die 54 Jahre alte Anwohnerin Jeanette Dittrich. Für die Absperrung hatte sie volles Verständnis. Angst habe man immer etwas in solchen Situationen – aber sie hoffe, dass alles gut gehe.

Bis klar war, ob es gut geht, dauerte es. Immer wieder mussten Polizisten auf die Fragen von Anwohnern und Passanten, wie lange noch abgesperrt sein werde, mit Schulterzucken und der Bitte um Verständnis antworten. Derweil ging der Betrieb auf dem anderen Teil der Brandenburger Straße wie gewohnt weiter: Glühwein, Bratwurst, festliche Beleuchtung, auf dem nahen Luisenplatz wurde auf der Märchenbühne ab 17 Uhr „Hans im Glück“ gezeigt.

Hinter dem Flatterband herrschte dagegen gespenstische Ruhe. Zu der Zeit arbeiteten die Sicherheitskräfte weiter fieberhaft daran, das verdächtige Päckchen vor der Apotheke zu entschärfen. Schließlich kam laut Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) ein Roboter zum Einsatz, der den Gegenstand mit einem scharfen Wasserstrahl unschädlich machte. Zu hören war auch ein leiser Knall. „Das war so laut wie ein Böller, mehr nicht“, sagte Charly Jacob, Betreiber des Standes „Der singende Elch“, der an einer Absperrung an der Ecke Dortu-/ Charlottenstraße für Stunden ausharren musste.

Dorthin kamen kurz nachdem das Paket unschädlich gemacht war auch Innenminister Schröter, Polizeichef Meyritz und Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD), um bei einer improvisierten Pressekonferenz erste Fragen von zu diesem Zeitpunk gut einem Dutzend Journalisten zu beantworten. Die Ermittlungen stünden noch ganz am Anfang, betonte Schröter. Klar sei, dass in der Büchse Nägel gewesen seien. Man prüfe jetzt auch mit Hochdruck, ob ähnliche Pakete anderswo in der Innenstadt angeliefert worden seien. Auch der Tatort werde jetzt untersucht, ergänzte Meyritz. Jakobs lobte das professionelle Agieren der Einsatzkräfte. Nach dieser Erklärung begab sich Schröter direkt zum Tatort – der zunächst großflächig abgesperrt blieb.

Konditormeister Erich Schröter gleich um die Ecke öffnete am Abend seinen Laden für Anwohner, die nun warteten. „Wir trauen uns jetzt keinen rauszujagen in die Kälte“, sagt er. In der Bäckerei warteten einige Anwohner. Der Konditormeister wollte geöffnet lassen, „bis der letzte raus ist“. Dazu verkaufte er Tee und heiße Schokolade.

Den Abend über wurden weitere Details bekannt – etwa dass in der Dose auch ein Polenböller gefunden wurde. Allerdings bestätigte die Polizei auch, dass bisher kein Zünder gefunden wurde, das Paket also wohl nicht sprengfähig war. Oberbürgermeister Jakobs, der die Dose gesehen hatte, erzählte, diese sei „randvoll mit Dachpappenägeln“ gefüllt gewesen.

Zugleich kamen rund um die Brandenburger Straße immer mehr Fernseh-Teams zum Einsatz. Dagegen wollten gerade Laden-Inhaber nach mehreren Stunden in der Kälte nur noch in ihre Geschäfte zurück. So etwa Christiano Zanotto, der Besitzer des Restaurants Zanotto in der Dortustraße. „Hoffentlich machen die bald auf: Ich muss aufmachen, mein Restaurant ist heute Abend komplett ausgebucht.“

Auch Weihnachtsmarkt-Manager Eberhard Heieck meinte, vor allem die Händler würden unter der Situation leiden – gerade der Freitagnachmittag gilt als umsatzstark. Für den heutigen Samstag gehe er von einem normalen Weiterbetrieb ein, natürlich mit erhöhte Sicherheitsvorkehrungen: „Aber es muss ja irgendwie weitergehen.“

Auch Oberbürgermeister Jakobs sagte, es gebe noch keinen konkreten Anlass, etwas zu ändern. Schon vor dem Weihnachtsmarkt hatte die Polizei – auch unter dem Eindruck islamistischer Terroranschläge – die Sicherheitsmaßnahmen auf den Weihnachtsmärkten verschärft, auch in Potsdam. Unter anderem hatte die Polizei angekündigt, auf der Brandenburger Straße zeitlich begrenzt eine Videoüberwachung zu installieren. Damit soll nicht nur gegen die Terrorgefahr vorgegangen werden, sondern auch gegen Alltagskriminalität wie Diebstahl und Körperverletzungsdelikte. (mit dpa)

Bis zum späten Abend blieb der Umkreis der Apotheke abgesperrt. Davon ließen sich die meisten Weihnachtsmarktbesucher nicht abschrecken. Denn rund um die Absperrungen war die Brandenburger Straße am Abend so voll wie sonst immer an einem Freitagabend nach Feierabend.

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