• Potsdams Corona-Strategie und der Handel: „Wir können nur noch 28 Tage öffnen”

Potsdams Corona-Strategie und der Handel : „Wir können nur noch 28 Tage öffnen”

Geteiltes Echo der Potsdamer Einzelhändler auf die neuen Corona-Pläne der Stadt. Hält ein Pflicht-Schnelltest die Kunden zurück?

Einkauf nur noch mit App und Schnelltest? Ob die Corona-Strategie Potsdams kommt, ist noch ungewiss.
Einkauf nur noch mit App und Schnelltest? Ob die Corona-Strategie Potsdams kommt, ist noch ungewiss.Foto: Ottmar Winter PNN

Potsdam - Die neuen Maßnahmen der Stadt gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie stoßen unter Kaufleuten auf ein geteiltes Echo. Viele befürchten, dass die von der Stadt bestellte Corona-App Luca eine zu hohe Hürde insbesondere für Ältere ist, die kein Smartphone besitzen. Viele Händler rechnen mit weiteren verheerenden Umsatzeinbußen, falls ein negativer Schnelltest – zwei gibt es in Potsdam pro Woche kostenfrei – die alleinige Eintrittskarte für den Besuch von Läden ist.

Das Textile-Team Antje Gühne-Poprawa und Peter Poprawa bangt vor einem neuen Lockdown.
Das Textile-Team Antje Gühne-Poprawa und Peter Poprawa bangt vor einem neuen Lockdown.Foto: Andreas Klaer

Die vom Corona-Krisenstab beschlossenen Maßnahmen würden „zu einer Katastrophe für den Einzelhandel” werden, warnt Antje Gühne-Poprawa, die in ihrer Textile GmbH an der Jägerstraße mit Stoffen und Nähmaschinen handelt und Nähkurse anbietet. Die Kunden würden wieder „massenweise im Netz statt wie zuletzt vor Ort einkaufen”, heißt es in einer Mail, die sie am gestrigen Donnerstag gegen 15 Uhr an Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) sandte. Mit ihrem Ehemann hat sie seit Mittwoch eine Blitzumfrage durchgeführt, um herauszufinden, wie viele ihrer Kunden sich einem Schnelltest unterziehen würden, um einkaufen zu gehen. „Mehr als 90 Prozent lehnen das ab”, sagte Peter Poprawa den PNN. Die Textile GmbH habe seit März 2020 einen Gewinnrückgang von mehr als 100.000 Euro eingefahren und habe noch Reserven von 28.000Euro: „Wenn wir weiterhin pro Tag bis zu 1000 Euro Verlust machen, können wir das Geschäft nur noch 28 Tage öffnen.”

Furcht: Schnelltest mache Einkauf "noch komplizierter"

Patrick Großmann, der die Espressionisten in der Gutenbergstraße betreibt und Sprecher der Einzelhandelsgemeinschaft „ici! Potsdam” ist, bewertet das Konzept der Stadt mit App und Schnelltests vor dem Einkauf als „bürokratische Ausgeburt”. Ein solcher Schnelltest mache den Einkauf vor Ort „noch komplizierter”, zumal es nicht gesichert sei, „dass der Einzelhandel die Infektionszahlen hochtreibt”. Auch Konditormeister Gregor Thomas, Chef des Ladens Süße Schwestern an der Dortustraße, hält die Schnelltests für „schwer umsetzbar”. Er lehnt zudem „die dauerhafte Kontrolle” durch die App ab. In seinem Geschäft bediene er „ein bis zwei Kunden gleichzeitig, da reicht es doch aus, wenn die Masken tragen”.

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Über ein „Super-Geschäft” seit dem Ende des Lockdowns am 8. März freut sich Hermann Köhler, Inhaber des Babelsberger Haushaltswarengeschäfts an der Karl-Liebknecht-Straße: „Vor allem kauften die Kunden den Gewinner der Pandemie: die Bratpfanne.” Die App Luca, die auch das Ergebnis von Schnelltests speichern soll, hält er „für eine tolle Sache, aber schwer zu realisieren“. Die Angst vieler Älterer, ein Geschäft aufzusuchen, werde zunehmen, weil viele („meine Mutter auch”) kein Handy hätten.

Guido Baar, Inhaber der Läden "Schuh Baar Potsdam" wagt eine düstere Prognose.
Guido Baar, Inhaber der Läden "Schuh Baar Potsdam" wagt eine düstere Prognose.Foto: Andreas Klaer

Guido Baar, Inhaber von drei Schuhgeschäften in der Brandenburger Straße und einem für Kinderschuhe Am Kanal, wagt eine düstere Prognose: Eine Woche noch, dann werde auch in Potsdam die Inzidenz von 100 erreicht sein – und ein neuer Lockdown drohen. Baar fehlt jedes Verständnis dafür, „dass wir in unseren Laden für Naturschuhe auf 60 Quadratmeter nur eineinhalb Kunden hineinlassen dürfen und die Menschen in den Pflanzenabteilungen der Baumärkte eng an eng stehen”. Die App Luca ist für ihn „nur eine Krücke. Wenn man uns nicht öffnen lässt, ist das Geld irgendwann alle”. In vier Wochen müsse er einen sechsstelligen Betrag für Ware aufbringen. „Das kann ich nicht bezahlen. Keine Überbrückungshilfe in Sicht, ich bin 50 Jahre alt geworden und werde keinen großen Kredit mehr aufnehmen. Dann ist Schicht im Schacht”, sagte Baar am Donnerstag den PNN.

„Aber was wäre denn die Alternative zum neuen Pandemie-Konzept der Stadt?“, fragt Carsten Paul, Centermanager für die 60 Läden der Bahnhofspassagen. Er hat die Antwort parat: „Ab Inzidenz 100 alle Geschäfte schließen.” Klick-and-meet, der Einkauf per Vorbestellung, funktioniere in den Passagen gut, wenn die Luca-App verbreitet werde und die Schnelltests vor dem Einkauf üblich seien, „dann kaufen wir uns alle ein Stück Sicherheit”.

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