Potsdamer Tafel : Leider wichtig

Die Potsdamer Tafel versorgt immer mehr Menschen. Das bringt auch Probleme mit sich.

Anne-Kathrin Fischer
Geschenke in der Tafel. Sozialdezernent Mike Schubert packte mit an. 
Geschenke in der Tafel. Sozialdezernent Mike Schubert packte mit an. Foto: J. Bergmann

Potsdam - Der Zeitpunkt für die Geschenketüte hätte für Sebastian Katzaniak nicht passender sein können: Heute wird er zehn Jahre alt, am Freitag begleitete er seine Mutter zur Potsdamer Tafel in der Drewitzer Straße und bekam ein Kinderbuch, Stifte, Schokolade und ein Plüschtier. „Die Kinder lieben die Süßigkeiten hier“, freut sich Mutter Natalia. Seit zehn Jahren geht die Potsdamerin, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen ist, zur Tafel. Dass ausgerechnet gestern Geschenke verteilt wurden, hatte einen Grund: Der Sozialdezernent der Stadt, Mike Schubert (SPD), kam am Nachmittag vorbei, um sich die Abläufe der Tafel anzusehen. Dabei war auch Daniel Wetzel, Projektkoordinator der Potsdamer Hilfsplattform Helpto. 3000 solcher aus Spenden finanzierter Geschenke für Kinder verteilt Helpto derzeit im ganzen Land Brandenburg.

Als Schubert in der Ausgabestelle ankam, begann seine Runde sozusagen hinter den Kulissen: In einem großen Raum hinter dem Ausgaberaum werden die Lebensmittel sortiert. Es riecht nicht appetitlich. Das kann Imke Eisenblätter, seit zwei Jahren Geschäftsführerin der Potsdamer Tafel, erklären: Zum Ende des Tages sind zwei große Tonnen mit jenen Lebensmitteln, die wirklich nicht mehr weiterverwendet werden können, bis zum Rand gefüllt.

Nicht mehr brauchbare Tafel-Lebensmittel gehen an Bauern

Das Konzept der Tafel – nicht mehr supermarkttaugliche Lebensmittel einzusammeln und an Bedürftige abzugeben – reicht soweit, dass sogar die für die Tafel nicht mehr brauchbaren Lebensmittel an Bauern abgegeben werden, die damit ihre Tiere füttern. Nur wirklich Verdorbenes – an diesem Tag vor allem angeschimmelte Mandarinen – darf in den Müll. „Heute liegen fast nur Zitrusfrüchte in der Tonne“, konstatiert Eisenblätter. „Die wollen selbst die Schweine nicht.“ Appetitlicher wird es dann schon in den beiden angrenzenden Verwahrungsräumen: Gerade gab es eine Großspende bayerischer Semmelknödel sowie zwei Paletten voll Tiefkühlpizza. „Vor allem freut uns, dass es so viele vegetarische Pizzen sind“, erklärt Eisenblätter dem Beigeordneten, als er in die begehbare Tiefkühltruhe der Tafel blickt. „Unseren Helfern blutet oft das Herz, wenn sie Vegetariern nichts anbieten können.“

Wann die Arbeit in der Einrichtung anfange, wollte Schubert zunächst wissen. Die Autos, die die Lebensmittel bei Supermärkten abholen, starten gegen sieben Uhr morgens, erklärte die Tafelchefin. Die Ehrenamtlichen kämen dann ab elf Uhr und machten sich ans Sortieren. „Im Schnitt helfen uns pro Tag 15 Ehrenamtliche“, sagte sie. Die Ausgabe ende gegen 19 Uhr, erst um 20 Uhr, wenn alles geputzt ist, sei Feierabend.

Die Tafel öffnet häufiger - und es kommen mehr Menschen

Die Zahl der Leute, die zur Tafel kommen, habe in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, sagte Eisenblätter, die schon vor ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin fünf Jahre lang für die Tafel arbeitete. „Am Anfang hatten wir hier in der Drewitzer Straße nur an einem Tag pro Woche offen.“ Mittlerweile findet die Ausgabe mittwochs, donnerstags und freitags statt, jedes Mal kämen rund 150 Kunden. Dienstags wird die Ausgabe in der Schopenhauerstraße bedient, samstags wird die Tür für Bedürftige aus Teltow geöffnet. Auch der Flüchtlingsstrom habe sich ausgewirkt. Nach der regulären Ausgabe werden weitere 50 Geflüchtete bedient.

Nach dem Rundgang ging es zur Ausgabestelle. In der Mitte des Raumes stehen Dinge, die sich jeder nach Bedarf mitnehmen kann: Kräutertöpfe oder kleine Handpizzen. Bei den Helfern kann dann nach besonderen Wünschen gefragt werden: Ananas, Weiß- oder Schwarzbrot, Aufstriche. Schon 20 Leute drängen sich durch die Reihe, die Schlange vor dem Eingang wächst weiter. Eisenblätter nimmt einen älteren Herrn, der gerade ein Brot in seinem Rollwagen legt, in dem Arm, sagt: „Schön, dass wir uns vor Weihnachten nochmal sehen, mein Lieber.“ Dann wendet sie sich wieder an Schubert. Anfangs sei man auch bei den Tafeln der Meinung gewesen, dass es schön wäre, wenn sie eines Tages wieder überflüssig würden. Mittlerweile denke man anders, erklärt sie. „Es hat sich gezeigt: Wir werden gebraucht. Wir sind auch Sprachrohr für die Leute.“ Dass immer mehr Rentner die Leistung in Anspruch nehmen, sei ein Beispiel dafür.

Schubert von vielen Ehrenamtlichen beeindruckt

Was sie sich für die Zukunft der Tafel wünsche, wollte Schubert nach der Führung wissen. Eisenblätter erklärt, dass man dringend einen Eingang an der Vorderseite des Gebäudes benötige. Denn die große Schlange von Menschen stehe immer dicht an der Einfahrt der benachbarten Tiefbaufirma. „Das ist teilweise schweres Gerät, das hier langfährt“, erklärt sie. Die Pläne für eine zweite Tür seien bereits fertig, Schubert verspricht, in der kommenden Woche mit Vertretern der Bauverwaltung zu sprechen.

„Ich bin tief bewegt“, sagte er zum Abschluss. Man denke in der Weihnachtszeit zu recht an Bedürftige wie jene, die bei der Tafel Essen und seelische Unterstützung bekommen. „Was mich jedoch ebenso beeindruckt, sind die vielen Ehrenamtlichen, die hier mit viel Herzblut in ihrer freien Zeit arbeiten.“

 

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