• Potsdamer Stadtleben: Verdauungstipps auf Textilbrei

Potsdamer Stadtleben : Verdauungstipps auf Textilbrei

Die Stadt- und Landesbibliothek lässt zwei historische Bücher restaurieren. Für das „Diaeticon“ von 1715 gibt es bereits einen Paten, für das „Land-Recht“ von 1688 wird noch einer gesucht.

Speisen aus Erdgewächsen. In seinem „Diaeticon“ schreibt der Botaniker Johann Sigismund Elsholtz schon 1682 auch über Südfrüchte. Die zweite Auflage aus dem Jahr 1715 gehört jetzt zum Bestand der Bibliothek und wird mit Hilfe einer Spende des Buchpaten Günter Duwe aus Teltow restauriert.Foto: Andreas Klaer
Speisen aus Erdgewächsen. In seinem „Diaeticon“ schreibt der Botaniker Johann Sigismund Elsholtz schon 1682 auch über Südfrüchte....Foto: Andreas Klaer

Wie viel man für eine gute Gesundheit trinken soll, das trieb die Menschen schon vor 300 Jahren um, mindestens. Damals die Empfehlung: Zur „nothdursst, nicht aber zur wollust oder biß zum laster der unmäßigkeit“. So schreibt es Johann Sigismund von Elsholtz in seinem Buch „Diaeticon. Das ist Neues Tisch-Buch Oder Unterricht von erhaltung guter gesundheit durch eine ordentliche Diät und insonderheit durch rechtmäßigen gebrauch der speisen, und des geträncks“. Erschienen 1715 in Leipzig als Fortsetzung seiner Bücher über den Gartenbau in der Mark Brandenburg. Elsholtz war Hofmedicus, Hofbotanicus und Alchemist am Hof des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg und gilt als einer der bedeutendsten deutschen Naturwissenschaftler des 17. Jahrhunderts.

Seine Bücher gibt es digitalisiert zu lesen – im Original auch in der Potsdamer Stadt- und Landesbibliothek. Das Neueste ist jenes „Diaeticon“. Vor knapp einem Jahr wurde es über ein Antiquariat erworben. „Wir haben gezielt nach Büchern von Elsholtz gesucht“, sagt Frank Hoppe, stellvertretender Direktor und Bereichsleiter Landesbibliothek. „Es ist uns wichtig, dass solche Bücher auch im Original vorhanden sind. Die können bei uns jederzeit von jedermann eingesehen werden.“

Damit sie das Durchblättern auch schadlos überstehen, müssen sie in gutem Zustand sein. Viele Neuerwerbungen kommen deshalb zunächst in die Hände einer Restauratorin. Auch der neue Elsholtz muss gründlich aufgearbeitet werden: Der Buchblock ist zwar insgesamt noch in Ordnung, aber viele Seiten müssen gesäubert und geflickt werden – eine aufwendige Arbeit, zudem mit ungewöhnlichem Material. „Damals wurde noch kein herkömmliches Papier verwendet, sondern Hadernpapier aus gepresstem Textilbrei“, sagt Hoppe. „Deshalb gab es damals den Lumpensammler.“ Auch der Ledereinband muss erneuert werden. Die Kosten in Höhe von 860 Euro wird ein Buchpate übernehmen. Das ist seit 21 Jahren gute Tradition in der Bibliothek, bisher konnten mit Hilfe von 185 Paten 555 historische Bücher gerettet werden.

Günter Duwe aus Teltow ist nun auch Buchpate. Der 92-Jährige schafft es nicht mehr, zur Bibliothek zu fahren. Aber Johann Sigismund von Elsholtz war ihm gut bekannt. Duwe, der Jahrzehnte als Chemiker gearbeitet hat, ist nämlich auch Autor eines Buches: „Das Teltower Rübchen“ erschien 2005. „Als Naturwissenschaftler habe ich das bis in alle Details und Epochen erforscht“, sagt Duwe. Dabei stieß er auch auf Elsholtz’ Gartenbaubuch. Dort hieß das Rübchen noch anders, aber es kam vor. „Ich habe ihn sogar zitiert.“ Jetzt freut er sich, dass er seinem Quasi-Kollegen eine späte Ehre erweisen kann. „Ich hoffe, das Buch noch fertig restauriert zu sehen zu bekommen“, sagt er galgenhumorig.

1715 lecker: „Speisen aus Erdgewächsen“

Zu Elsholtz’ Zeiten hätte er, mit 92 Jahren, vermutlich als Musterbeispiel für gesundes Altern gegolten. Die systematische Forschung zu Verdauung und gesunder Ernährung beginnt im 16. und 17. Jahrhundert und findet sich unter anderem in Elsholtz’ Büchern. Wie weit sie verbreitet waren – dazu kann Hoppe nur spekulieren. Das Buch von 1715 ist bereits eine zweite Auflage, die Nachfrage muss also dagewesen sein. Von ursprünglich mehreren Hundert oder gar Tausend sind allerdings nur noch 15 Stück nachweislich erhalten. Insofern ist das „Diaeticon“ etwas Besonderes im Bücherschrank. Unterhaltsam ist es allemal: Der Autor schreibt über „Speisen aus Erdgewächsen“, gemeint sind Obst und Gemüse. Es folgen Kapitel über „Speisen aus vierfüßigen Thieren“, aus Vögeln und Fischen. Die Kapitel „von condimenten und dergleichen“, Gewürze, Honig, Zucker, Essige und Öle, zeigt, dass der Märker bei Weitem nicht nur an der Kartoffel knabberte. „Die Kartoffel kommt im Buch übrigens gar nicht vor“, sagt Hoppe. Stattdessen Abhandlungen über Brot, Konfekt und Getränke. Rezepte für Marzipan, Blätterteig und Königsbiskuit und Anleitungen zum Einmachen und Trocknen von Früchten. Außerdem macht der Autor sich Gedanken, wo das Ganze denn nun hingeht. Platon, schreibt Elsholtz, habe noch gedacht, „die speise durch den Schlund, der tranck aber durch die lufft-röhre... heutzutage wird der geringste anatomiste in diesem stück den sonst unvergleichlichen Platonem widerlegen“.

Um Recht und Unrecht geht es in einem weiteren historischen Buch, für dessen Restaurierung noch ein Pate gesucht wird. Der umfängliche Titel lautet: „Churfürstlich Brandenburgisches Revidiertes Land-Recht des Herzogthumbs Preußen“. Im Untertitel wird gleich darauf hingewiesen, dass die kleineren Buchstaben aus der ersten Fassung, die größeren aus der revidierten Auflage stammen. Das Buch besteht aus mehreren Teilen von 1685 und 1688 und beginnt mit Grundsätzlichem: „Der Kläger aber soll allezeit wach und bereyt sein“, der Gerichtsschreiber die schriftliche Klage ordentlich verzeichnen oder die mündliche zu Protokoll nehmen. Und was tun, „wenn der beklagte im stehenden Process mit dem Tode abginge?“. Die Frau im Gerichtssaal – Eheweiber, Witwen und Jungfrauen – bekommt ein eigenes Kapitel. Gewaltverbrechen werden unterteilt in „Schelmenthaten, Todtschlag“ und Mord. Auch Schmähungen gab es damals, Diebstahl sowieso. Das letzte Kapitel ist dem Brauereirecht gewidmet und offenbart ein erstaunlich vorbildliches Pfandsystem: Jeder Käufer wird aufgefordert, beim Bierholen dem Brauer ein Pfand zu hinterlassen, bis er die Tonne zurückbringt.

Telefonnummer für Buchpaten: (0331) 289 65 00

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