• POTSDAMER STADTENTWICKLUNG: Platte, Plan & Preußen

POTSDAMER STADTENTWICKLUNG : Platte, Plan & Preußen

Ein differenzierter Blick auf „DDR-Architektur“ in Potsdam und den Umgang mit dem historischen Erbe

Christian Klusemann

Die Frage nach dem Umgang mit Bauten aus der DDR-Zeit in Potsdam wird noch immer von Vorurteilen und Ressentiments überlagert und weder sachlich noch öffentlich ausreichend debattiert. Wenn weitreichende, das Stadtbild auf Dauer verändernde Maßnahmen anstehen, sollten jedoch die Gesamtzusammenhänge beachtet werden. Während die einen in Ost-Sentimentalität schwelgen und in der Rekonstruktion historischer Gebäude einen von „Zugezogenen“ verursachten Rückfall ins Kaiserreich befürchten, machen andere die DDR-Bauten zu „steinernen Tatwerkzeugen“, wie der Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung, Martin Sabrow, in den PNN treffend formuliert hat. Diese zweifellos extremen Ansichten können den um Objektivität bemühten Historiker nicht unberührt lassen. Die Tatsachen sprechen gegen beide Positionen. Indem die baulichen Hinterlassenschaften der DDR mit Relikten der 1960er und 1970er Jahre gleichgesetzt werden, droht aus dem Blickfeld zu geraten, dass die Architekturgeschichte des zweiten deutschen Staates weitaus komplexer war, als dies scheinbar in der Öffentlichkeit bekannt ist. Damit einhergehend besteht die Gefahr, anzunehmen, die DDR habe über vier Jahrzehnte eine prinzipiell ablehnende Haltung gegenüber dem gebauten historischen Erbe gehabt. Daher möchte ich am Potsdamer Beispiel klären, was „DDR-Architektur“ überhaupt ist. Vorschläge zum Umgang mit ihr sollen hier nicht gemacht, dafür die Sinne für ihre objektive Bewertung geschärft werden.

Jene Gebäude in der Landeshauptstadt, die zur Disposition stehen oder schon abgerissen wurden, sind Beispiele der sogenannten „Ostmoderne“. Diese unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sonderlich von zeitgleich errichteten Bauten im Westen. Dennoch gab es Unterschiede. In der DDR war die Ausrichtung auf eine industrielle Bauweise mit Fertigteilen und eine forcierte Typisierung und Normierung weit stärker ausgeprägt. Nicht nur deswegen hatten dortige Architekten oder „Architektenkollektive“ begrenztere Handlungsspielräume. Außerdem wurde, der sozialistischen Planwirtschaft geschuldet, häufig an Baumaterialien gespart, die zuweilen nicht von bester Qualität waren. Unabhängig von der Konstruktionsweise sieht man Letzteres am Staudenhof und an der Fachhochschule, an denen Wind und Wetter nach 40 Jahren starke Spuren hinterlassen haben. Derartige Baumängel gibt es auch an ähnlichen Gebäuden in den alten Bundesländern, sind dort aber seltener anzutreffen. Zudem ließ die Nachkriegsmoderne dort größere ästhetische Möglichkeiten nach oben zu; mit mehr Glas, mehr Stahl, variationsreicher und innovativer. Vereinfacht gesagt: Der einstige Prestigebau Interhotel, jetzt Hotel Mercure, könnte womöglich auch im Westen stehen, das „Thyssenhochhaus“ in Düsseldorf oder das Europacenter in West-Berlin kaum im Osten.

Beileibe nicht alles in der DDR wurde indes in Plattenbauweise errichtet oder hatte eine nur geringe Lebenszeit. Von achtbarer baulicher und ästhetischer Qualität (im Kontext der Entstehungszeit) war vieles, vor allem im Bereich der sogenannten „Sonderbauten“ jenseits des standardisierten Wohnungsbaus. Davon zeugen noch heute etliche Gebäude, etwa der Dresdner Kulturpalast, die Kongresshalle und das „Haus des Lehrers“ am Berliner Alexanderplatz, die Rostocker Kunsthalle oder der „Teepott“ in Warnemünde von Ulrich Müther. Potsdam hat davon weniger als andere Städte der DDR erhalten, immerhin aber die „Seerose“, die, ebenfalls von Müther, unter Denkmalschutz steht. Auch das umstrittene Terrassenrestaurant „Minsk“ auf dem Brauhausberg ist in seiner Form und in der Konstruktion als Stahlbetonskelettbau mit vorgeblendeter Backsteinfassade aus architekturhistorischer Sicht ein Unikat und einer der interessanteren Bauten der „Ostmoderne“. Zusammen mit dem DDR-weit viermal vorkommenden Sonder-Typenentwurf Schwimmhalle, deren bauliche Qualität jedoch eher mangelbehaftet ist, bildete es einst ein harmonisches Ensemble.

Nicht nur architektonisch, sondern auch städtebaulich gab es Parallelen zur Bundesrepublik und Westeuropa, und zwar in etwa zwischen den späten 1950er und den 1970er Jahren, der Zeit, in der die „Ostmoderne“ ihren Höhepunkt erreichte. Dies führt zu der Frage: Was definiert DDR-Architektur und DDR-Städtebau? Und zu welchem Zeitpunkt?

Die dem Potsdamer Stadtbild in einem vermeintlichen „Akt von Kulturbarbarei“ zugefügten „Wunden“, die jetzt „geheilt“ werden sollen, allein mittels der Ideologie des SED-Staates zu erklären ist nicht falsch, aber zu einfach: Nicht nur „die DDR“ ließ wertvolle historische Bausubstanz schleifen. So beschloss der Braunschweiger Stadtrat 1960 mit knapper Mehrheit, das dortige, wiederaufbaufähige Schloss zu beseitigen. Anderswo legte man ganze Straßenzüge nieder. Etwa in West-Berlin, wo Gründerzeitbauten dem „Neuen Kreuzberger Zentrum“ (NKZ) weichen mussten. Es war schlicht ein Akt des Zeitgeistes. Die mit moderner Architektur angereicherte, aufgelockerte und autogerechte Stadt hatte schon vor dem Krieg die Fantasie etlicher Architekten und Stadtplaner beflügelt. Licht, Luft und Sonne galten seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Antworten auf die Enge der steinernen Stadt des 19. Jahrhunderts. Im zweiten Weltkrieg hatten die Bomber für derartige Visionen genug Platz geschaffen. Einigen Planern und Architekten der Nachkriegszeit war nun das, was übriggeblieben war, noch immer im Wege.

Der Unterschied zwischen West und Ost war jedoch, dass rechtsseitig der Elbe nicht nur „im Glauben an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und an den Sieg des Sozialismus die Inszenierung des Neuen gegen das Alte zur städtebaulichen Devise wurde“ (so DDR-Architektur-Experte Bruno Flierl), sondern dass internationale Tendenzen eine Symbiose mit der DDR-Ideologie jener Zeit eingingen. Auch wenn die Vorstellungen einer städtebaulich-architektonisch zu verwirklichenden Zukunft in Ost und West ähnlich waren: In den Städten und Kommunen der demokratischen Bundesrepublik konnte darüber abgestimmt werden, in der Diktatur des SED-Staats wurde der Kahlschlag häufig von „oben“ befohlen. So verband sich im Osten der 1960er Jahre eine die Historie weitgehend negierende städtebaulich-architektonische Zukunftsgläubigkeit mit den Verheißungen einer besseren Gesellschaft im Transformationsprozess vom Sozialismus zum Kommunismus. In Potsdam zeigte sich diese Verknüpfung beim Abriss von Stadtschloss und Garnisonkirche (beide stark beschädigt, aber wiederaufbaufähig), konnte man hier einerseits im Sinne des Zeitgeistes neu planen und andererseits mit der ungeliebten Vergangenheit des „Geistes von Potsdam“ abrechnen. Somit wurden beide Bauten „zu architektonischen Symbolen des militanten Preußentums uminterpretiert und konnten damit getrost der Spitzhacke anheimfallen“, wie der Leipziger Architekturhistoriker Thomas Topfstedt konstatiert. Zu Ikonen der neuen Zeit wurden das Datenverarbeitungszentrum mit dem Mosaik „Der Mensch bezwingt den Kosmos“ von Fritz Eisel und das Interhotel im historischen Lustgarten als neue „Höhendominante“. Bis Mitte der 1970er Jahre folgte der Riegel aus FH und Bibliothek zwischen Platz der Einheit und Altem Markt. An dieser Stelle wurde nichts abgerissen, der britische Bombenangriff vom 14. April 1945 hatte genug Vorarbeit geleistet, dennoch überformte man nachträglich den einstigen Stadtgrundriss.

In den 1960er Jahren wurden jedoch auch im Krieg stark beschädigte historische Bauten wiederaufgebaut, wie der Komplex Altes Rathaus/Knobelsdorff-Haus, der als Kulturhaus „Hans Marchwitza“ 1966 neu entstand. „Auferstanden aus Ruinen“ ist übrigens auch die Nikolaikirche. Was vom Alten Markt – wiederhergestellt – auf uns gekommen ist, stammt aus der DDR. Dergleichen zeigt die Paradoxie des SED-Architekturverständnisses jener Dekade, denn das Historische, in Potsdam das Preußische, konnte scheinbar wahllos in das Neue integriert werden.

Betrachtet man die gesamte Architekturgeschichte der SBZ/DDR fällt überdies auf: Dieses Land war in seiner Architekturpolitik keinesfalls so antihistorisch, wie es der Mix aus maroden Altbauten und vermeintlich fehlplatzierter „Ostmoderne“ zu suggerieren schien, der sich 1990 offenbarte. Nach einer kurzen Liebäugelei mit der in der Tradition des Bauhauses stehenden Moderne zwischen 1945 und 1950 (für Potsdam seien die Laubenganghäuser von 1949/50 im Park Babelsberg stellvertretend genannt), wurde diese 1950 schlagartig diskreditiert. Nach dem Krieg baute man auch im Westen überwiegend modern und von diesem galt es sich abzugrenzen. „Amerikanische Eierkisten“, wie SED-Generalsekretär Walter Ulbricht bemerkte, hatten keine Rechte mehr im Kampf um das bessere Deutschland. Leitbild war nun der Sowjetische Städtebau, von Stalin seit den 1930er Jahren vorangetrieben, und die dortigen prunkvollen „Arbeiterpalaste“. So entstanden auch in der DDR „Magistralen“, die politischen Aufmärschen dienen und, auf einen in der Regel nicht realisierten „Zentralen Platz“ für Versammlungen ausgerichtet, mit Monumentalbauten gesäumt werden sollten. Deren prachtvolle, historisierend-eklektizistische Architektur hatte „national in der Form, sozialistisch im Inhalt“ zu sein. Diese Architektur der „nationalen Tradition“ sollte einerseits der Bundesrepublik die eigene Überlegenheit veranschaulichen und andererseits einen gesamtdeutschen, durch schöne Fassaden werbenden Charakter haben: Denn angedacht war eine zukünftige Wiedervereinigung unter sozialistischen Vorzeichen. Anders als in der Sowjetunion sollten daher Architekturstile der deutschen Geschichte zitiert werden, so in Berlin der Klassizismus Schinkels. Der sogenannte erste Bauabschnitt der ehemaligen „Stalinallee“, seit 1961 Karl-Marx- und Frankfurter Allee, ist eines der prominentesten Beispiele aus jener Epoche. Auch Backsteingotik oder Barock konnten rezipiert werden, wie in Rostock in der Langen Straße oder am Altmarkt in Dresden.

In Potsdam wurden solche Großprojekte nicht umgesetzt, gleichwohl hatte man vor, den Alten Markt diesbezüglich umzugestalten und ihn zum „Zentralen Platz“ zu machen. In einem prämierten Wettbewerbsentwurf von 1952 war angedacht, das Stadtschloss instand zu setzten und mit in die Planungen einzubeziehen, auch wurde überlegt, eine monumentale – an friderizianisch-barocke Architektur angelehnte – Blockbebauung in Höhe des heutigen Staudenhofes zu errichten. In einer Mischung aus Rückbesinnung auf tradierte Stadtmodelle der deutschen Geschichte bei teilweiser Überformung historischer Stadtgrundrisse, riss man schon damals nicht nur Ruinen, sondern auch noch bestehende Bauten ab, um dann mit historisierender Architektur in einem neuen städtebaulichen Rahmen ein sozialistisches Idealbild von Geschichte und Heimat zu entwerfen. Andernorts durften und sollten daher historische Gebäude erhalten bleiben. So konnte auch vieles entlang der historischen Baulinien rekonstruiert oder in „nationaler Tradition“ neu gebaut werden. In Potsdam, seit 1952 Bezirkshauptstadt, seien neben anderen genannt: Die Wilhelm-Staab-Straße als „erste Barockstraße der DDR“, der Block Charlottenstraße/Ecke Friedrich-Ebert Straße neben Bäcker Braune, der Wohnblock Zeppelinstraße/Ecke Lennéstraße oder die Kindertagesstätte der Deutschen Post Am Kanal.

Im Jahre 1954 wurde – wiederum ausgehend von der Sowjetunion – die sogenannte „Wende im Bauwesen“ durch Stalins Nachfolger Nikita Chruschtschow eingeleitet. Sparen war nun Devise, fehlte es doch, auch in der UdSSR, noch immer an Wohnungen. Die Gestaltung aufwendiger Fassaden war zu teuer. Zwischen 1955 und etwa 1960 wurde auch im Satellitenstaat DDR das Dogma der „nationalen Tradition“ verworfen. In einem beispiellos opportunistischen Akt vollzog Ulbricht eine Kehrtwende um 180 Grad. Architekten, die soeben noch gegen „Konstruktivismus“ und „Formalismus“ eingeschworen worden waren, mussten erneut vollkommen anders planen. Ohne Schnickschnack, sachlich, modern, ja: „amerikanische Eierkisten“ bauen. Am besten genormt, typisiert und vorfabriziert. Der Großblockbau setzte sich durch, noch häufig verputzt und mit Satteldach, alsbald abgelöst durch den Plattenbau mit Flachdach und sichtbarem Fugenraster. All dies führte folgerichtig zu den oben beschriebenen Konzepten der 1960er Jahre. Es erklärt auch, verkürzt, warum das Stadtschloss erst 1959/60 gesprengt wurde, die Garnisonkirche noch später.

Die Ironie dabei ist, dass die Architektur der frühen 1950er Jahre, die es in der größtenteils modern bauenden Nachkriegs-Bundesrepublik (trotz traditioneller Momente des Wiederaufbaus, wie etwa in Münster) so nicht gab, aufgrund ihrer Historizität in der Regel nicht als der DDR entstammend erkannt wird. Die „Ostmoderne“, die der Nachkriegsarchitektur im Westen so viel ähnlicher ist, wird hingegen oft pauschal mit dem Stempel „typisch DDR“ versehen. Dabei orientierte man sich – in einem durch Planwirtschaft begrenzten Handlungsspielraum – am internationalen Modell, sodass auch von der „nachgeholten Moderne“ (Thomas Topfstedt) ab 1955 gesprochen wird. Ihre Eintönigkeit fand diese Architektur in der quantitativen Masse der Plattenbausiedlungen, ihren Reiz in den „Sonderbauten“, allerdings zum Preis der überwiegend massiven städtebaulichen Eingriffe.

Dass der Umgang mit dem historischen Erbe durch Vernachlässigung der Altbausubstanz oder „ostmodernen“ Neubau das Bild der DDR-Städte zum Negativen verändert hatte, erkannte man spätestens in den 1970er Jahren, also noch lange vor der politischen Wende.

In Potsdam wurde die Brandenburger Straße, damals Klement-Gottwald-Straße, saniert und zur Fußgängerzone umgestaltet. Ebenso richtete man Teile des Holländischen Viertels wieder her. Bis 1992, so die damalige Vorstellung, sollte es – ohne Abriss – vollständig erneuert werden. Gleichzeitig entstanden in der Ära Honecker bis zum Ende der DDR die Plattenbauten des Typs WBS 70, durch deren Bau man sich die „Lösung der Wohnungsfrage bis 1990“ erhoffte. Sie wurden nicht nur auf der „grünen Wiese“, sondern auch in bedenklicher Nähe zu historischen Innenstädten gebaut. Dabei gab es jedoch Versuche, eine Kombination aus Alt und Neu zu schaffen, wie es das Beispiel Neustädter Havelbucht zeigt. Hier wurden Teile des „Alten“ integriert, in dem man die Kiezstraße sanierte und in den städtebaulichen Gesamtplan einbezog.

Diese neue Beurteilung des gebauten Erbes war einerseits Resultat des europäischen Jahres des Denkmalschutzes 1975 und hatte andererseits politische Gründe. Es galt jetzt nicht mehr den Westen zu überzeugen, denn Honecker verzichtete auf die bis dato angestrebte Wiedervereinigung. Im Oktober 1974 war die Verfassung diesbezüglich geändert worden. Jetzt konnte man sich auf die eigene Geschichte berufen, nicht mehr auf die gesamtdeutsche. Diese eigene Geschichte war vor allem die der Arbeiterklasse. Sie wurde zur theoretischen Legitimierung der Altbausanierungsmaßnahmen am Arkonaplatz, am Arnimplatz und in der Husemannstraße im Prenzlauer Berg herangezogen. Wenn es passte, durfte aber auch Preußen wieder salonfähig sein. So schmähte man den „Alten Fritz“ nicht mehr als „Ausbeuter und Militarist“, wie der Architekturhistoriker Florian Urban schreibt, dafür wurde er zum „fortschrittlichen Monarchen und Freund des Aufklärungsphilosophen Voltaire“ erklärt. In Potsdam hatte man keine Scheu, den einstmals zum Stadtschlossensemble gehörenden Marstall zu erneuern und die unter dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. erbauten Typenhäuser in der zweiten barocken Stadterweiterung (wenn möglich) zu sanieren, oder in Blockbauweise zu imitieren. Vor allem die historischen Eckbauten sollten erhalten bleiben, wie der zuständige „Komplexarchitekt“ in einer Dokumentation von 1968 erklärte. Anderes wurde aufgrund des schlechten baulichen Zustands, oder weil es schlicht zu teuer war, abgerissen. Dort errichtete man jene historisierenden Ergänzungsbauten. Beispiele dieser „DDR-Postmoderne“ findet man noch heute in der Gutenbergstraße.

Ein Pendant zum Nikolaiviertel, das jener Neubewertung in der DDR Rechnung trug und wo zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987 neben der Kirche ein ganzes Quartier in einer Mischung aus „postmoderner“ Plattenbauweise und originalgetreuer historischer Rekonstruktion wiederentstand, erhielt Potsdam nicht. Gleichwohl wurde im Bereich des Alten Markts versucht, endlich die Lücken, welche die – mehr als anderswo in der DDR niemals vollständig realisierten – Planungen der 1960er Jahre hinterlassen hatten, zu schließen. Der schon lange dort vorgesehene Theaterneubau, im Entwurf aufgelockert modern und ästhetisch herausstechend, sollte diese Lücke schließen. Im Rohbau von seinen Gegnern als hässlicher Betonklotz verunglimpft, fiel er kurz nach der Wende. Die Bedeutung des Standortes war den Planern in jener gar nicht mehr so anti-preußischen Stimmung der späten 1980er Jahre sehr wohl bewusst. Zwischen den Zeilen fast schon entschuldigend, nahm man es mit der Entstehung jener städtebaulichen Leerstelle nicht ganz so genau: In einer 1989 vom Stadtbauamt herausgegebenen Broschüre zur Stadtentwicklung Potsdams (Redaktionsschluss Dezember 1988) hieß es: „Die städtebauliche Einordnung eines neuen Theaters in dieses Ensemble d.i. Der Alte Markt] stellt höchste Anforderungen an die bau- und bildkünstlerische Gestaltung des Baukörpers. Dabei ist auch der Tatsache Rechnung zu tragen, daß der Theaterneubau am Standort des im Kriege zerstörten, einst von G.W. v. Knobelsdorff meisterhaft gestalteten ehemaligen Potsdamer Stadtschlosses erfolgt. Dieser Platz gehörte einst zu den schönsten Barockplätzen Europas.“

All dies waren freilich Ausnahmen, denn die DDR stand kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps. Ambitionierte Versuche, seit Anfang der 1980er Jahre zu retten, was zu retten ging oder historisierende Ergänzungsbauten zu errichten, mussten an den starren Denkmustern der überalterten Führungselite und den wirtschaftlichen Mängeln des Systems scheitern. Kurz vor der Wende drohte der Flächenabriss, wo noch Anfang des Jahrzehnts saniert werden sollte. Dies führte 1989 zu den massiven Protesten der Bürgerinitiative ARGUS, die sich gegen den angedachten Abriss der zweiten barocken Stadterweiterung einsetzte. Das war die Realität. Der Anspruch vieler Planer und Architekten hingegen, denen „von oben“ in einer paradoxen Mischung von Zugeständnissen und Ablehnungen mal mehr, mal weniger erlaubt wurde, unterschied sich gar nicht so sehr von aktuellen Überlegungen in Potsdam. So hieß es weiter in oben zitierter Broschüre: „Das Stadtzentrum als Ganzes ist ausschlaggebend für den Gesamteindruck der Stadt, es dokumentiert für die Besucher genauso wie für die Einwohner in hohem Maße den besonderen Charakter Potsdams als eine der bedeutendsten Stätten der Pflege des historischen Erbes im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklung unserer Zeit.“

Der Autor ist Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Er studierte an der TU Dresden und FU Berlin und lebte von 2003 bis 2011 in Potsdam. Seit Oktober 2011 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kunstgeschichtlichen Institut der Philipps-Universität Marburg und promoviert über DDR-Architektur der 1950er Jahre.