• Potsdamer Richterin schreibt Krimis: Tatort Babelsberg

Potsdamer Richterin schreibt Krimis : Tatort Babelsberg

Susanne Rüster ist Richterin und schreibt gern Krimis. Dieses Mal stirbt eine Schauspielerin in einer Potsdamer Prachtvilla.

Ein Krimi ohne Mord geht nicht gut. Nur ein bisschen Steuerhinterziehung reicht dem Leser nicht, sagt Susanne Rüster. In ihrem dritten Krimi passiert der erste Mord gleich auf Seite zehn. Eine etwas abgehalfterte Schauspielerin stürzt im August 2015 die Terrassentreppe hinunter in den Garten, erschlagen von einem Mann. Es ist eine vornehme Villa in Neubabelsberg, ganz so wie die, in denen die Ufa-Stars wie Brigitte Horney, Marika Rökk und Magda Schneider wohnten.

Rüster hat sich die Gegend nochmal genau angeschaut, sogar eine Stadtführung durch das Villenviertel mitgemacht. Denn die Krimiautorin wohnt in Zehlendorf. Potsdam und Babelsberg kennt sie als Arbeitsort: Die Richterin arbeitet am Landessozialgericht. Von ihrem Arbeitszimmer schaut sie direkt auf den Haupteingang zu den Filmstudios. Schon lange wollte sie deshalb einen Krimi schreiben, der im Schauspiel- und Filmmilieu spielt. „Abgedreht“ erschien im vergangenen Herbst. Am heutigen Donnerstag liest sie daraus in Stahnsdorf vor.

Das Schreiben ist für Susanne Rüster ein Hobby. Als Richterin habe sie eigentlich genug zu tun. Aber was sie in ihrem Beruf nicht sein darf, emotional oder gar subjektiv, das kann sie in ihren Büchern ausleben. „Ich kann in meinen Büchern Stellung beziehen. Das finde ich gut. Und ich kann politisch-soziale Sachverhalte in eine spannende Handlung verpacken.“

Besonders interessiert sie das Innenleben der Hauptperson – in der Regel die des Mörders. „Warum macht man so etwas? Wie agieren sie, was geht in ihnen vor, wie werden sie kriminell?“ Das habe sie sich oft gefragt, als sie in Berlin Staatsanwältin war und die Angeklagten, oft aus dem Bereich Wirtschaftskriminalität, ganz aufgeräumt vor ihr saßen. In ihrem Krimi „Zu hoch hinaus“ geht es um Immobilien und Baugeschäfte kurz nach der Wende, auch die Stasi mischt noch mit. Dieses Mal geht es um das Filmgeschäft. Der Leser wird einige Stationen in Babelsberg erkennen, das Hotel am Griebnitzsee, in dem Anwältin und Regisseur Abendbrot essen. Und im Fitnessstudio Satori in der Rudolf-Breitscheid-Straße, in dem Susanne Rüster selbst regelmäßig trainiert, nimmt die Anwältin an einem Judo-Kurs teil. Harmlose Dinge, ein Mord passiert hier nicht. Das wäre der Richterin zu heikel. „Ich nehme es schon sehr genau mit den Persönlichkeitsrechten.“ Die Villa, in der man die Leiche findet – „Das Haus war sehr groß und rosa angestrichen, es erinnerte ihn an ein Märchenschloss, mit einem riesigen Garten drumherum“ – wie auch das Filmstudio, in dem der Showdown der Handlung stattfindet, sind deshalb fiktive Orte, wenngleich mit viel Babelsberger Flair.

Die Inspiration hat Susanne Rüster freilich gern aufgriffen. Außerdem hat der Film „All about Eve“ über konkurrierende alte und junge Diven Anregungen geliefert. Und so spannt Rüster den Bogen von dem Kriminalfall der Gegenwart in die Vergangenheit. Die ermordete Schauspielerin hatte nämlich vor, einen Film über Aufstieg und Fall einer Kollegin zurzeit der 1920er-Jahre, die eines Tages erschlagen wird, zu produzieren. „Der Scheinwerfer, der ihr schönes Gesicht ausgeleuchtet hat, wird zur zentnerschweren Waffe.“

Ein guter Krimi, sagt Rüster, muss vor allem plausibel sein. Sie achtet auch drauf, dass die Ermittler sauber arbeiten. „Ich bin ja quasi vom Fach, habe als Staatsanwältin bei der Polizei ein Praktikum gemacht. Da muss rein fachlich alles stimmen.“ Nicht so wie bei manchem Fernseh-Tatort, wenn man nur noch den Kopf schütteln könne. Zudem hat sie Test-Leserinnen, eine Gruppe schreibender Frauen, die ihr Feedback geben. Rüster ist auch Mitglied der „Mörderischen Schwestern“, ein Verein von Krimautorinnen und Spezialistinnen aus allen Bereichen. „Da bekommt man auch Rat und Hilfe zur Recherche.“

Was den Charakter der Ermittler betrifft, hat sie sich am Trend der meist sozial schwierigen Tatort-Typen orientiert. Ihr „Wolff“ ist ein einsamer solcher, scheint es, seine Frau hat ihn verlassen, und die Nachricht des Mordfalls erreicht ihn auf dem Fläming-Bauernhof seiner Mutter, als er gerade die Schweine füttert. Das neue Potsdam kommt dabei gar nicht so gut weg. „Wolff genoss die freien Wochenenden auf dem Land, seit in Potsdam immer mehr Neubauten im Einheitsstil für die vielen zugezogenen Menschen errichtet wurden, immer mehr Bioläden und Latte-macchiato-Cafés eröffneten, immer mehr modisch und teuer gekleidete Mütter mit ebenso ausstaffierten Kindern herumspazierten.“

Rüster mag es, den Alltag der Leute zu beobachten und in ihre Bücher zu packen. Die S-Bahn, mit der sie aus Zehlendorf zur Arbeit fährt, sei ein perfekter Ort, um zuzuhören, die verschiedenen Menschentypen anzuschauen. Sie brauche unterwegs keine Musik oder andere Beschäftigung. „Ich habe ja nicht mal ein Smartphone. Nur so ein altes Klapphandy“, sagt sie. Auch Wolff scheint nur widerwillig eines zu benutzen. „Seine 80-jährige Mutter kam in Schürze und Gummistiefeln durch die Hintertür aus der Küche, sein Handy in der hoch erhobenen Hand. Wolff hatte sich Anrufe außerhalb seiner Schicht verbeten, es sei denn, es ginge um Leben und Tod.“ Und das tut es in diesem Fall.

Lesung am heutigen Donnerstag um 18.15 Uhr in der Gemeindebibliothek Stahnsdorf, Annastraße 3.

 

Susanne Rüster: Abgedreht. Erschienen im Bild und Heimat-Verlag. Umfang: 192 Seiten. Preis: 9,99 Euro.