• Potsdamer Partyzone: Kein Ort zum Feiern unter 18

Potsdamer Partyzone : Kein Ort zum Feiern unter 18

Toleranz statt Verdrängung: Sozialträger fordern mehr Verständnis für ausgelassene Partys in der Schiffbauergasse. Ein junger DJ möchte im Waschhaus Partys für 14- bis 23-Jährige veranstalten.

Die Überbleibsel einer durchzechten Nacht sorgen bei Passanten immer wieder für Unverständnis.
Die Überbleibsel einer durchzechten Nacht sorgen bei Passanten immer wieder für Unverständnis.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Wohin am Abend? Wer unter 18 Jahren ist, hat in Potsdam nicht viel Auswahl, wenn man sich in größeren Gruppen irgendwo treffen will: Kneipen und Clubs lassen einen noch nicht rein, auf öffentlichen Plätzen fühlen sich Anwohner:innen schnell gestört. In diesem Jahr wurde dies besonders deutlich, als sich in den warmen Monaten hunderte Jugendliche nach dem Lockdown erst in den Parks und danach in der Schiffbauergasse trafen, um abzuhängen, laut Musik zu hören, Alkohol zu trinken und Party zu machen.  

Mit Beginn der kalten Jahreszeit hat das Phänomen zwar deutlich nachgelassen, verschwunden ist es damit jedoch nicht: „Das Thema ist nicht vom Tisch und wird spätestens im Frühjahr wieder aufploppen“, sagt Andreas von Essen, Chef der Stiftung SPI, Träger des Potsdamer Streetwort-Projektes Wildwuchs, das in den vergangenen Monaten immer wieder die Partys in der Schiffbauergasse begleitet hatte. Ähnlich sieht das Maximilian Junge: „Die Leute sitzen jetzt zu Hause, aber die wollen nicht zu Hause bleiben, die wollen weiterfeiern“, sagt der 22-Jährige, der unter dem Namen Schiffbauer DJ im Sommer regelmäßig für Musik in der Schiffbauergasse gesorgt hatte. 

Kommt die Partyreihe für Jugendliche? 

Auch Junge möchte weitermachen: „Wildwuchs und ich arbeiten gerade daran, weitere Partys im Waschhaus zu veranstalten“, sagt er. Die Idee: Eine Partyreihe speziell für Jugendliche zwischen 14 und 23 Jahren, also das Hauptpublikum der Schiffbauergassen-Partys. Etwas Ähnliches hatte in der Vergangenheit der Club Spartacus mit den „Independance“-Veranstaltungen angeboten. „Wir sind schon mit dem Waschhaus im Gespräch, auch das Jugendamt würde uns dabei unterstützen“, sagt Junge. Das Problem: Das Ganze kostet natürlich Geld, deshalb sucht Junge derzeit nach einem Träger für das Projekt. Außerdem müsse er ein Gewerbe anmelden sowie etliche Genehmigungen einholen, so Junge. 

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Bis es soweit ist, kann es also noch dauern. Der Partyspot am nördlichen Ufer der Schiffbauergasse wird bei gutem Wetter vermutlich weitergenutzt, doch neben Lärm und Müll gibt es noch ein anderes Problem: Die Eiche auf der Wiese neben dem VW-Design-Center ist denkmalgeschützt, feiern darf man hier eigentlich gar nicht. Dabei ist der Ort aus Sicht der Jugendlichen ideal, um sich abends zu treffen: „Es gibt nicht so viele Wohnungen hier, man kann mal lauter sein und man kommt von überall gut her“, sagt die 20-jährige Tabea, die sich im Sommer regelmäßig mit Freund:innen in der Schiffbauergasse getroffen hat.  

"Wo soll man sonst hin?"

Nach den Partys in den Parks, die immer wieder von der Polizei aufgelöst worden waren, seien die Jugendlichen halt hierher gekommen: „Wo soll man sonst hin? Hier ist eigentlich viel Platz, aber die Leute regen sich trotzdem auf, wenn man sich hier trifft“, sagt sie. 

Es sei wirklich schwer, einen Ort zu finden, wo man als größere Gruppe niemanden störe, findet auch Jurij: „Wir sind jetzt öfters zu der Wiese zwischen Humboldtbrücke und Park Babelsberg gegangen, da ist gar nichts los.“ 

Inzwischen ist es in der Schiffbauergasse ruhiger, nicht mehr so laut wie im Sommer.
Inzwischen ist es in der Schiffbauergasse ruhiger, nicht mehr so laut wie im Sommer.Foto: Andreas Klaer

Der 19-Jährige war im Sommer ebenfalls häufig in der Schiffbauergasse und ist sich bewusst, dass es gewisse Probleme gibt: „Klar ist das schwierig mit den ganzen Glasscherben am nächsten Tag, und ab und zu hat man auch mal Jüngere kotzen gesehen, wenn sie zu viel Alkohol getrunken hatten.“ Im Großen und Ganzen sei die Stimmung aber meist friedlich gewesen, auch die Polizei hatte die Partys bis 22 Uhr geduldet. Zudem gab es mehrfach Aufräumaktionen von den Jugendlichen selbst, dazu aufgerufen hatte auch Maximilian Junge. 

Kaum Orte für Jugendliche

„Die Schiffbauergasse ist nicht der schlechteste Ort für junge Menschen, um sich zu treffen“, sagt Andreas von Essen. Zumal sich die Frage stellt: Was wäre die Alternative? „Wenn man die Leute verdrängt, gehen sie halt woanders hin und da ist es dann genauso“, sagt Junge. Von Essen bestätigt das: „In den vergangenen Jahren waren es der Hauptbahnhof, die Freundschaftsinsel oder die Humboldtbrücke, wo man sich getroffen hat. Es gibt in Potsdam leider kaum gute Orte für Jugendliche.“ Dabei gehe es nicht nur darum, dass junge Menschen einen abgeschiedenen Platz haben, an dem sie niemanden stören: „Die waren lange eingesperrt und wollen auch gesehen werden“, so von Essen.  

Die Stadt zeigt sich durchaus offen dafür: „Jugendliche und junge Erwachsene gehören als Besucher:innen bei den unterschiedlichsten kulturellen Formaten zu einer der größten Zielgruppen des Kunst- und Kulturquartiers Schiffbauergasse“, sagt Potsdams Kultur- und Jugendbeigeordnete Noosha Aubel (parteilos). „Sie sind aber auch abseits dieser Formate im öffentlichen Raum der Schiffbauergasse willkommen.“ Gleichzeitig appelliert Aubel an Regeln des Zusammenlebens und gegenseitige Rücksichtnahme, vor allem beim Thema Lärm und Müll. 

Der Stadtjugendring Potsdam (SJR) plädiert für mehr Toleranz seitens der Stadtgesellschaft: „Wir sind gegen Verdrängung und dafür, gegenseitige Bedürfnisse zu verstehen und Kompromisse zu finden“, sagt SJR-Geschäftsführern Julia Schultheiss. Aus Sicht des SJR sei es richtig und wichtig, dass sich junge Menschen Räume aneignen und für ihre Zwecke nutzen. 

Die Potsdamerin Julia Schultheiss.
Die Potsdamerin Julia Schultheiss.Foto: Promo

„Aber es fehlen Orte und es sind weniger geworden, da Freiraum eben ein Luxusgut in einer wachsenden Stadt ist“, sagt Schultheiss und fordert die Stadt auf, die Bedürfnisse Jugendlicher stärker in die Stadtplanung einzubeziehen. Diese seien immerhin die Einwohner:innen des zukünftigen Potsdam: „Es ist wichtig, ihnen jetzt vorzuleben wie Beteiligung und Wertschätzung funktionieren“, sagt Schultheiss. „Auflösen werden sie sich nicht. Und es kommen auch noch junge Leute nach in den nächsten Jahren.“


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