• Potsdamer Oberbürgermeisterwahl: „Schade, dass Sachen so ausradiert werden“

Potsdamer Oberbürgermeisterwahl : „Schade, dass Sachen so ausradiert werden“

Anja Kozik ist Choreografin im Waschhaus. Kultur, meint sie, müsste in Potsdam nachhaltiger gefördert werden. Hier die nächste Folge des PNN-Realitätschecks zur Oberbürgermeisterwahl.

Anja Kozik ist Choreografin im Waschhaus.
Anja Kozik ist Choreografin im Waschhaus.Foto: Andreas Klaer

Das Wasser in unmittelbarer Nähe, viel Grün, dann die Internationalität des Kulturstandorts Schiffbauergasse, das tolle Team, der kameradschaftliche Umgang – wenn Anja Kozik über ihren Arbeitsplatz spricht, gerät sie ins Schwärmen. „Eigentlich darf ich mich gar nicht beschweren“, sagt sie. Die 53-Jährige leitet seit rund 26 Jahren den Bereich Tanz am Waschhaus, arbeitet eng mit dem Hans Otto Theater zusammen. Außerdem ist sie Dozentin für Choreografie an der Fachhochschule auf Hermannswerder. Sie würde sich von der Politik wünschen, dass der Garten noch einmal umgegraben wird, sagt sie. Dass da jemand kommt, der nicht nur an das eigene Programm denkt, sondern tatsächlich Schritte unternimmt, um das Leben in Potsdam zu verbessern – wenngleich dies auch unbequem werden könnte.

Kozik wurde im Brandenburgischen Luckenwalde geboren, wuchs dann in Potsdam auf. Hier blieb sie auch für ihr Studium: Sport und Geschichte an der Pädagogischen Hochschule, der Vorgängerinstitution der Universität. Kozik gehörte zu denen, die die Garnisons-Waschanstalt 1992 besetzten, die erste Kunstaktionen auf dem Gelände der heutigen Schiffbauergasse organisierten. In der Wendezeit habe ihr Potsdam viel geboten, viel Spielraum, sagt Kozik. Dass mit einigen Orten, die für sie während dieser Zeit bedeutend wurden, aktuell derart unsensibel umgegangen werde, mache sie traurig: „Ich möchte nicht weiter auf dem Thema Fachhochschule herumreiten, aber ich finde es schade, dass Sachen ausradiert werden, die zur Geschichte gehören.“

„Jüngere haben im Moment keine Chance, etwas zu gestalten“

Das Filmcafé Melodie nennt sie als Beispiel. Das Gebäude in der Friedrich-Ebert-Straße, in dem sich das Café befand, wurde zum Wohn- und Geschäftshaus umgebaut. Ein weiteres Exempel sei das Terrassenrestaurant Minsk, über dessen Erhalt oder Nichterhalt zurzeit diskutiert wird – im September soll die Entscheidung fallen. „Über die jeweiligen Nachnutzungen und die Neubauten in der Innenstadt bin ich entsetzt“, fügt die Potsdamerin hinzu. Sie findet es gut, dass sich die Bürgerinitiative „Potsdamer Mitte neu denken“ gebildet hatte. Sie selbst habe sich allerdings bisher nicht engagiert. „Dabei haben wir alle eine Mitverantwortung“, sagt sie.

Kozik wohnte lange in der Jägerstraße – dort möge sie es nun gar nicht mehr. Jetzt wohnt sie am Bassinplatz. Hier gebe es noch Bäume und der Markt mache den Platz bunt. Kozik wünscht sich, dass die Politik Gestaltungsräume für junge Leute schützt, damit sie Potsdams Innenstadt beleben. „Die Ladenmieten sind viel zu hoch. Jüngere haben im Moment keine Chance, etwas zu gestalten“, sagt sie.

Kozik: Schiffbauergasse muss besser an die Innenstadt angebunden werden

Ihr Arbeitsplatz, die Schiffbauergasse, müsse ihrer Meinung nach besser an die Innenstadt angeschlossen werden – sodass Veranstaltungen wie die Tanztage auch in der Innenstadt sichtbar werden und somit noch mehr Menschen erreichen, Menschen, die es nicht gewohnt sind, in der Schiffbauergasse Kulturveranstaltungen zu besuchen. „Das Format ,Stadt für eine Nacht’ bringt Leute zusammen“, sagt die Regisseurin. Von Projekten, an denen viele Kulturschaffende beteiligt sind, müsse es mehr geben. Sie findet, dass es in Potsdam eigentlich gute Bedingungen gibt, und es funktioniere, Initiativen zu bündeln – allerdings nur kurzfristig. Nach der Durchführung eines Projekts sei dann wieder jeder mit dem eigenen Überlebenskampf beschäftigt. „Die Gelder sind seit Jahren festgeschrieben und sie erlauben kaum Handlungsspielraum“, bemängelt Kozik. Oft scheitere es deswegen an fehlendem Personal. Das Projekt „Ein Stadtteil macht Oper“, bei dem Musiker der Kammerakademie Potsdam zusammen mit Schülern eine Oper inszenieren, sei beispielsweise eine gute Sache, um Kinder an Kultur heranzuführen. Wenn die Kids dann allerdings tatsächlich begeistert seien, gebe es kein Anschlussangebot. „Kulturförderung muss nachhaltig werden“, sagt Kozik.

Sich für einen Oberbürgermeisterkandidaten zu entscheiden, findet sie schwierig. Lutz Boede (Die Andere) komme für sie am ehesten infrage, aber auch mit Martina Trauth (parteilos/Die Linke) und Mike Schubert (SPD) sympathisiert sie. Kozik findet: „Das wäre ein sehr mutiger Schritt von Potsdam, wenn Boede es wird.“ Ein Revoluzzergeist wie er würde der Stadt guttun, sagt sie, „Denn wir alle knicken zu oft vor der Realität ein.“


Lesen Sie auch die anderen Folgen unserer PNN-Serie "Realitätscheck zur Oberbürgermeisterwahl".