• Potsdamer Immobilienmarkt: Von Spekulanten gelinkt?

Potsdamer Immobilienmarkt : Von Spekulanten gelinkt?

166 Wohnungen für Studenten sollten an der Pappelallee im Potsdamer Norden entstehen, auch mit Hilfe von prominenten Linke-Politikern wie Gregor Gysi. Doch das Grundstück ist drei Jahre später noch immer leer. Eine Spur führt ins Ausland.

Alexander Fröhlich
Foto: dpa

Potsdam - Studentenwohnungen werden in Potsdam dringend benötigt. Deshalb soll gebaut werden, etwa an der Ecke Pappelallee/Reiherweg. Ganze vier Häuser sind geplant, 166 Studentenwohnungen. So hatte es ein Investor vor drei Jahren angekündigt.

Doch geschehen ist bislang nichts. Nun steht nach einem Bericht der Tageszeitung „Die Welt“ der Verdacht im Raum, dass das Bau- zum Spekulationsprojekt mutiert ist. Und das ausgerechnet mit Unterstützung von prominenten Linke-Politikern wie dem Bundestagsabgeordneten Gregor Gysi oder dem Stadtfraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg. Die beiden Genossen, deren Partei „gegen Spekulation“ in der Immobilienbranche in den Bundestagswahlkampf zieht, haben sich als Türöffner und Vermittler für das Projekt betätigt, dessen Spuren sich mittlerweile bis nach St. Petersburg und Luzern verlieren.

Die prominenten Linke-Politiker haben sich für eine Baugenehmigung stark gemacht - direkt beim Oberbürgermeister

Gysi und Scharfenberg, beide prominente Gesichter ihrer Partei, der eine im Bund, der andere in Potsdam, haben sich in der ersten Planungsphase für eine Baugenehmigung für das Projekt bei der Stadt stark gemacht. Und zwar direkt bei Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Den Antrag für die Genehmigung hatte das Unternehmen Eureka gestellt. Jenes Unternehmen, das auch beim Kauf des alten Landtags auf dem Brauhausberg, auch mit Hilfe des Rechtsanwalts Gysi, gute Geschäfte gemacht hat. Und deren Chef laut „Welt“ wegen Betrugs verurteilt worden war und seit gut zwölf Jahren keine offizielle Meldeadresse mehr in Deutschland haben soll.

Gysi ließ eine Anfrage zu den bislang nicht gebauten Studentenwohnungen unbeantwortet, sein Büro verwies auch auf die Ferienzeit. Scharfenberg sagt, es sei schließlich um für Potsdam wichtige Studentenwohnungen gegangen. Nun will er sich auf PNN-Nachfrage erkundigen, was denn aus dem Projekt geworden sei.

Man hoffe, dass der Bau spätestens im Winter 2016 fertig sei, sagte einst Dirk Klaßen von Eureka

Vor Ort könnte man den Eindruck gewinnen: fast nichts. Nur ein verwaistes Offizierscasino ist bisher abgerissen worden. Dabei klang vor rund zwei Jahren noch alles anders. Da kämpfte die private Eureka Immobilien- und Projektmanagement GmbH um eine Baugenehmigung. Die ist dann, nachdem sich die Linke-Politiker eingeschaltet hatten und ein Streit über die zulässige Bauhöhe beigelegt wurde, schließlich auch Mitte 2015 erteilt worden. Man hoffe, dass der Bau spätestens im Winter 2016 fertig sei, hatte Eureka-Sprecher Dirk Klaßen damals auf Nachfragen erklärt. Die Warmmieten für die rund 25 Quadratmeter großen Appartements sollten rund 300 Euro betragen.

Was damals vielen unklar blieb, auch Scharfenberg, wie er nun sagt: Die von den Linken unterstützte Eureka war gar nicht als Investor tätig. Sie war lediglich als Projektentwickler für die Studentenwohnungen an der Pappelallee unterwegs – aber nur bis zur Erteilung der Baugenehmigung, wie ein Eureka-Anwalt bestätigt: „Die Genehmigung ist zwischenzeitlich erteilt worden. Damit war der Auftrag der Mandantschaft erledigt.“ Das Modell sei damals so auch kommuniziert worden. Der Eureka-Auftraggeber sei die private Pappelallee Potsdam Projekt GmbH & Co. KG gewesen – zu der im Übrigen keine Beteiligungsverhältnisse bestünden.

Von der Pappelallee führt die Spur nach Schönefeld - und dann nach St. Petersburg

Nun wird es komplex: Eine Internetpräsenz hat die Projekt-Firma nicht. Nur eine Geschäftsadresse in der Mittelstraße 7 in Schönefeld. Als persönlich haftender Gesellschafter der Pappelallee GmbH ist die ebenfalls in Schönefeld ansässige Agvera Grundbesitz GmbH eingetragen. Auch die hat keine Internetpräsenz. Deren alleiniger Gesellschafter ist Andrei Agiyan. Im Handelsregister ist für ihn eine Adresse angegeben, in der „Bolschaja Monetnaja 22“ in St. Petersburg – übersetzt bedeutet die Adresse „Große Münze“.

Bekannt in Brandenburg ist der Geschäftsführer der Agvera, er trägt denselben Nachnamen: Es ist seit mehreren Monaten Mikhail Agiyan. Dieser ist zugleich als Chef eines unter erheblichem Bauverzug stehenden Parkhotels in Bad Saarow (Landkreis Oder-Spree) aufgetreten, aber auch als Geschäftsführer eines fertigen Hotels in Füssen (Bayern), dazu kommen mehrere Agvera-Ausgründungen. Die Anfragen der PNN, wann denn nun mit einem Baustart in Potsdam zu rechnen sei, hat Agiyan bislang nicht beantwortet.

In Luzern sitzt die Bierre Lumière Holding, die wiederum einem niederländischen und einem russischen Hintermann gehört

Wer mehr wissen könnte, ist der Anwalt Georg Jablukov aus Berlin. Seine Unterschrift befindet sich auf einer Urkunde aus dem Handelsregister, mit der im Februar 2016 der Umzug der Pappelallee-Gesellschaft nach Schönefeld festgehalten wurde. Zudem wurde er in Zusammenhang mit den Bad Saarower Hotelplänen als Anwalt von Agiyans Gesellschaften genannt. Doch die vertrete er nicht mehr, teilte Jablukov den PNN mit. Und er unterliege der anwaltlichen Schweigepflicht.

Eine weitere Spur bei der Suche nach Hintermännern der Pappelallee-Gesellschaft endet schon beim Versuch der Kontaktaufnahme: Es geht um den Kommanditisten der GmbH, der einen Anteil von 9400 Euro hält. Es ist die Bierre Lumière Holding im schweizerischen Luzern. Als ihr Verwaltungsratschef trat Anwalt Jablukov im Februar 2016 auf. Das Unternehmen gehört laut Handelsregister in Luzern wiederum einem niederländischen und einem russischen Hintermann, der im mondänen Monaco lebt – und wie der besagte Hotel-Chef in Deutschland auf den Nachnamen Agiyan hört. Es gibt laut „Welt“ auch eine Spur nach Zypern. Eine in Nikosia registrierte Firma soll beim Verkauf des Baugrundstücks an die Pappelallee-Gesellschaft in Potsdam beteiligt sein. Als ihr Büro in Deutschland gibt die Zypern-Firma einen bekannten Potsdamer Anwalt an.

Nun steht spätestens seit dem Bericht der „Welt“ ein Verdacht im Raum: Spekulieren die Besitzer der Pappelallee-Gesellschaft auf steigende Grundstückspreise, um das Areal samt Baugenehmigung mit Gewinn weiterveräußern zu können? Und das begünstigt durch den Einsatz von Linke-Politikern? Antworten auf diese Fragen oder darauf, wann die dringend benötigten Studentenwohnungen in Potsdam endlich entstehen, blieben die Verantwortlichen der Pappelallee-Gesellschaft jedenfalls schuldig.

Im Rathaus geht man davon aus, dass die Baugenehmigung doch noch genutzt wird

Immerhin gibt es Indizien. Auch in Köln hat sich vor rund einem halben Jahr eine Projektgesellschaft Potsdam Pappelallee mbH gegründet. Zweck: der Erwerb eines Grundstücks in der Pappelallee in Potsdam und dessen Bebauung. Die handelnden Personen: führende Vertreter des Immobilienspezialisten Pantera. Dort hieß es auf PNN-Anfrage, man habe an dem Potsdamer Projekt doch kein Interesse mehr gehabt.

Und im Rathaus? Dort wurde der Bericht zu den immer noch nicht gebauten Studentenwohnungen mit Interesse gelesen. Stadtsprecher Stefan Schulz sagte auf PNN-Anfrage, trotz allem habe man keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die für sechs Jahre erteilte Baugenehmigung für die Studentenwohnungen noch genutzt wird. Der Linke-Politiker Scharfenberg sagte, er hoffe, dass trotz der ihm bisher unbekannten Besitzverhältnisse noch günstige Studentenwohnungen möglich seien.

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