• Potsdamer Bergmann-Klinikum im Visier: Ermittlungen zum millionenschweren Rezept-Betrug ausgeweitet

Potsdamer Bergmann-Klinikum im Visier : Ermittlungen zum millionenschweren Rezept-Betrug ausgeweitet

Am Potsdamer Bergmann-Klinikum sollen teure Medikamente doppelt abgerechnet worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun gegen 21 verdächtige Personen. Darunter soll nach PNN-Informationen auch ein renommierter Chefarzt sein.

Konkret gehe es im Bergmann-Klinikum Potsdam um den Verdacht, dass kostspielige Medikamente doppelt abgerechnet worden sind.
Konkret gehe es im Bergmann-Klinikum Potsdam um den Verdacht, dass kostspielige Medikamente doppelt abgerechnet worden sind.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Die Aufregung war groß, als die Staatsanwaltschaft vor mehr als einem Jahr das kommunale Klinikum „Ernst von Bergmann“ durchsuchen ließ: Inzwischen sind die Ermittlungen zu dem mutmaßlich millionenschweren Abrechnungsbetrug mit teuren Medikamenten ausgeweitet worden. Mittlerweile werde gegen 21 Beschuldigte ermittelt, bestätigte eine Sprecherin der Potsdamer Staatsanwaltschaft auf PNN-Anfrage.

Unklar, wie viele Mitarbeiter des Bergmann-Klinikums verdächtig sind

Bei der Hausdurchsuchung im September 2017 war noch von sechs Tatverdächtigen die Rede. Wie viele Mitarbeiter des Klinikums konkret im Visier der Ermittler sind, sagte die Sprecherin unter Berufung auf Datenschutzregeln nicht. Konkret gehe es im Bergmann-Klinikum um den Verdacht, dass kostspielige Medikamente doppelt abgerechnet worden sind, wie die Sprecherin sagte – zum Vorteil der Beschuldigten, zum Nachtteil der Krankenkassen und damit auch der Versicherten. Demnach sollen Mediziner am Klinikum die entzündungshemmende Arznei Remicade gemeinsam mit Apothekern doppelt abgerechnet und sich die Erlöse geteilt haben. Die genaue mutmaßliche Schadenssumme sei Gegenstand der Ermittlungen, sagte die Sprecherin. Bereits zu Jahresbeginn hatte die Tageszeitung „Die Welt“ über eine Betrugssumme von rund 3,8 Millionen Euro berichtet. Die Ermittler hatten sich zu der Zahl wegen des laufenden Verfahrens nicht geäußert.

Bei der Hausdurchsuchung vor gut einem Jahr hatten 130 Polizisten insgesamt fast 30 Wohnungen, Labore und Apotheken in Berlin, Hamburg, Rostock und Hennef (Nordrhein-Westfalen) auf den Kopf gestellt. Beschlagnahmt wurden Akten und andere Datenträger. Für die Auswertung von beschlagnahmten Computern seien auch externe IT-Spezialisten herangezogen worden, so die Sprecherin.

So soll genau aufgeklärt werden, wie es zu dem mutmaßlichen Betrug kommen konnte. Experten bei Krankenkassen halten folgendes Vorgehen für plausibel: Wenn ein Patient im Krankenhaus behandelt wird, bekommt die Klinik von den Kassen eine Fallpauschale, in der auch die Kosten für die Medikamente enthalten sind. Allerdings können Patienten auch aufgefordert werden, sich die Medikamente verschreiben zu lassen und sie selbst aus der Apotheke zu holen. Damit würde dann die Krankenkasse doppelt zahlen. Die Behandlung mit Remicade – etwa wegen chronischer Darmentzündung – kostet je nach Dauer einige Tausend Euro.

Hauptbeschuldigter ist ein renommierter Chefarzt

Angesichts dieser Möglichkeit stehen im Zentrum des Interesses der Ermittler vor allem Belegärzte, die am Klinikum arbeiten, aber auch eigene Praxen führen, wo sie Medikamente, die eigentlich am Klinikum eingesetzt werden sollen, auch selbst verschreiben könnten. Nach PNN-Informationen handelt es sich bei einem der Hauptbeschuldigten um einen renommierten Chefarzt am Klinikum. Die gemeinnützige Einrichtung hatte bisher nur erklärt, dass man mit den Ermittlern in vollem Umfang kooperiere. Eine aktuelle Anfrage der PNN zu möglichen strukturellen oder personellen Konsequenzen im Zuge der Ermittlungen beantwortete eine Klinikumssprecherin lediglich mit der Aussage, dass aktuell kein neuer Sachstand bekannt sei.

Barmer-Krankenkasse stellte Strafanzeige

Anlass für die Ermittlungen soll eine Strafanzeige der Barmer-Krankenkasse gewesen sein. Demnach soll Prüfern der Kasse aufgefallen sein, dass Rezepte für das Remicade-Medikament für eine Potsdamer Apotheke ausgestellt wurden, obwohl diese gar nicht über die nötigen Standards zur Portionierung und Mischung des Mittels verfügte. Sollte das alles vor Gericht bewiesen werden können, drohen den Hauptbeschuldigten jeweils mehrjährige Haftstrafen.

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