• Potsdamer Bergmann-Klinikum: Ein Besuch auf der Corona-Intensivstation

Potsdamer Bergmann-Klinikum : Ein Besuch auf der Corona-Intensivstation

Auf der Covid-Intensivstation im Bergmann-Klinikum werden Schwerstkranke behandelt. Es ist ein Hochsicherheitstrakt, ein Job an vorderster Front, der die Mitarbeiter beruflich und privat vor Herausforderungen stellt. 

Bei schwerem Krankenheitsverlauf müssen die Patienten beatmet werden - hier wird ein Gerät vorbereitet.
Bei schwerem Krankenheitsverlauf müssen die Patienten beatmet werden - hier wird ein Gerät vorbereitet.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Der Weg in die Covid-Intensivstation des kommunalen Klinikums „Ernst von Bergmann“ führt an vielen Desinfektionsmittelspendern vorbei. An sehr vielen. Wer über die Außentreppe oben ankommt in der Schleuse, bedient den ersten Spender – am besten mit dem Ellenbogen – und erhält einen Satz Schutzkleidung. Blaue Bluse und Hose, Mundschutz, Haube, für Besucher noch Überzieher für die Schuhe. Außer diesen und der Unterwäsche wird alles ausgetauscht. Ein zweites Mal Hände desinfizieren, dann die Treppe nach unten ins Erdgeschoss, dort steht am Eingang der Station ein weiterer Spender.

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Vor dem Eintritt in die Corona-Intensivstation muss die Schleuse passiert werden.
Vor dem Eintritt in die Corona-Intensivstation muss die Schleuse passiert werden.Foto: Andreas Klaer

Bei der Oberärztin der Station, Susanne Röber, ist der Handgriff längst ins Unterbewusstsein übergegangen, zum Reflex geworden. Sobald sie etwas angefasst hat, eine Türklinke, ein Gerät, werden die Hände sofort desinfiziert. Wie oft pro Schicht bei voller Belegung? „Bis zu 100 Mal.“

Inzwischen hat sich eine gewisse Routine eingestellt in der Station, in der viele Patienten mit den schwersten Covid-19-Verläufen behandelt wurden. Mittlerweile ist es ruhig geworden, bis zur vergangenen Woche wurden nur noch zwei Patienten behandelt. Jeder in einem eigenen Zimmer, umgeben von Maschinen, die alle wichtigen Körperfunktionen überwachen und nötigenfalls unterstützen können.

Oberärztin Susanne Röber und der pflegerische Stationsleiter Robert Kenzler.
Oberärztin Susanne Röber und der pflegerische Stationsleiter Robert Kenzler.Foto: Sandra Calvez

Station wurde innerhalb einer Woche geschaffen

Eine wichtige Rolle spielen bei vielen die Beatmungsgeräte. In einem Schulungszimmer können die Mitarbeiter das Intubieren an einer Simulationspuppe trainieren. Seit Montag muss nur noch ein Patient auf der Covid-Intensivstation des Klinikums versorgt werden.

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An einer Simulationspuppe kann das Intubieren trainiert werden.
An einer Simulationspuppe kann das Intubieren trainiert werden.Foto: Andreas Klaer

Einer der zuletzt behandelten zwei Patienten liegt bereits seit Anfang April hier, eine Patientin wurde – in Abstimmung mit Stadt und Land, wie Röber versichert – aus einem anderen Brandenburger Krankenhaus herverlegt. Wahrscheinlich können, so ihre Einschätzung, beide Patienten bald in eine spezialisierte Reha verlegt werden, in der sie von der Beatmung langsam entwöhnt werden.

Die Intensivstation für Coronapatienten wurde innerhalb etwa einer Woche geschaffen, dafür wurde aus dem ganzen Bergmann-Klinikum Personal zusammengezogen. Etwa 50 Pflegekräfte und 22 Ärzte arbeiteten in der Anfangszeit hier.

Ein Warnschild am Eingang der Station.
Ein Warnschild am Eingang der Station.Foto: Andreas Klaer

Schweißtreibende Arbeit in der Sicherheitsmontur

Die wichtigsten Werte aller Patienten können von einem zentralen Raum aus, dem Stationsstützpunkt, überwacht werden. Auf zwei Bildschirmen sind etwa Sauerstoffsättigung, Herzfrequenz und Blutdruck zu sehen. Derzeit flimmern dort nur die Kurven zweier Patienten. Doch vor einigen Wochen waren es noch bis zu 20. „Das war extrem anstrengend“, beschreibt Oberärztin Röber. Wer sich mit einigen Mitarbeitern unterhält, versteht schnell, warum. Im Gang haben sich zwei von ihnen vorbereitet, um zu einer Patientin ins Zimmer zu gehen. Über die blaue Montur kommt ein Einmalkittel, Handschuhe und statt des einfachen Mundschutzes eine FFP2-Maske und darüber noch ein Schutzvisier aus Plexiglas.

Ein Mitarbeiterin mit FFP-Maske und Schutzvisier.
Ein Mitarbeiterin mit FFP-Maske und Schutzvisier.Foto: Andreas Klaer

Wer einmal im Raum ist, kann nicht schnell nochmal raus, um etwas zu holen, dann müsste eine neue Montur her. Wenn doch etwas fehlt, muss ein Kollege aus dem Flur das auf Zuruf hineinreichen – keine einfache Aufgabe, mit der Filtermaske klingt alles vernuschelt, die Mitarbeiter müssen schreien, um sich verständlich zu machen.

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„Wenn man wieder aus dem Zimmer kommt, ist man von oben bis unten durchgeschwitzt“, beschreibt eine von ihnen. „Auch das Atmen ist sehr anstrengend.“ Sie ist Logopädin, übt mit den Patienten, wieder zu schlucken und zu sprechen. Am Anfang der Pandemie, so erzählt sie, habe sie große Angst davor gehabt, sich selbst anzustecken. „Jetzt fühle ich mich hier sicherer, als draußen, wo die Menschen wieder sorglos in den Cafés sitzen und die Abstände nicht einhalten.“

Die Covid-Intensivstation auf dem Klinikgelände. 
Die Covid-Intensivstation auf dem Klinikgelände. Foto: Andreas Klaer

Schutzkleidung und Tests seien anfangs knapp gewesen

Dieses Gefühl der Angst, gerade in der ersten Zeit, sei verbreitet gewesen in der Belegschaft, sagt Ärztin Röber. „Wir waren hier an vorderster Front.“ Aus Italien habe man die Berichte gehört von infizierten Ärzten, von Todesfällen unter dem Klinikpersonal. „Das Virus war neu. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nicht viel über die Erkrankung. Dazu kam, dass in den ersten Tagen Schutzkleidung und Tests knapp waren“, sagt die 43-Jährige. Und wenn getestet wurde, musste man tagelang auf das Ergebnis vom Labor in Berlin warten.

Wer wo lang darf, ist geregelt - wie hier beim Fahrstuhl für den "schwarzen" Bereich der Station. 
Wer wo lang darf, ist geregelt - wie hier beim Fahrstuhl für den "schwarzen" Bereich der Station. Foto: Andreas Klaer

Das ist mittlerweile anders. Es kann viel mehr getestet werden, die Ergebnisse liegen schneller vor. „Seit 1. Mai hatten wir keine Neuinfektionen in der Belegschaft“, sagt Röber mit Blick auf den Corona-Ausbruch unter Personal und Patienten im März. Allein auf der Geriatrie wurden 64 von 70 Patienten mit dem Coronavirus infiziert, 24 von ihnen starben (Stand Sonntag). Die Geschäftsführung ist beurlaubt worden, eine Untersuchungskommission zur Aufklärung des Ausbruchs und seiner Ursachen wurde eingesetzt. Die Interimschefs des Klinikums räumten jüngst Fehler und Versäumnisse ein, man hätte dem Ausbruch schneller entgegentreten müssen, hieß es. Insgesamt infizierten sich seit Beginn der Pandemie 213 Mitarbeiter und 157 Patienten des Klinikums nachweislich mit Sars-CoV-2.

Ein Patientenzimmer im "schwarzen" Bereich wird vorbereitet. 
Ein Patientenzimmer im "schwarzen" Bereich wird vorbereitet. Foto: Andreas Klaer

Soziale Ausgrenzung wohl aus Furcht vor Ansteckung

Bei allen Mitarbeitern wird derzeit alle vier Tage ein Abstrich durchgeführt – in einem leeren Patientenzimmer liegen schon die Röhrchen für den nächsten Test bereit. „Das gibt uns viel Sicherheit“, sagt der pflegerische Stationsleiter Robert Kenzler. „Auch für unsere Familien.“ Doch Personal des Klinikums werde trotzdem sozial ausgegrenzt, offenbar aus Furcht vor Ansteckung. „Bei mir haben schon Mütter zu Hause angerufen, die nicht wollen, dass ihre Kinder mit meiner Tochter spielen, weil ich im Bergmann arbeite.“

Alle vier Tage wird das Personal getestet - hier nimmt Stationsarzt Philipp Bleienheuft den Abstrich vor. 
Alle vier Tage wird das Personal getestet - hier nimmt Stationsarzt Philipp Bleienheuft den Abstrich vor. Foto: Andreas Klaer

Dabei, da sind Kenzler und Röber sicher, sei man inzwischen gut gerüstet. Man habe viel gelernt aus den vergangenen Wochen über das Virus, über nötige Maßnahmen wie die regelmäßigen Tests. Das, davon sind beide überzeugt, werde man noch brauchen. „Ich rechne mit einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen, spätestens im Herbst“, sagt Oberärztin Röber. So sieht das auch Kenzler. „Ich frage mich nicht mehr, ob die zweite Welle kommt, sondern wann.“



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