• Potsdamer begeistert mit Stadtansichten: Der Mann der blauen Stunde

Potsdamer begeistert mit Stadtansichten : Der Mann der blauen Stunde

Das Neues Palais kurz vor dem Sonnenaufgang, Schloss Sanssouci in märchenhafter Schneelandschaft – Christian Wenglorz fällt mit spektakulären Fotos aus Potsdam auf.

Sonnenaufgang über dem Orangerieschloss / Orangerie.
Sonnenaufgang über dem Orangerieschloss / Orangerie.Foto: Christian Wenglorz

Potsdam - Der 41-jährige Christian Wenglorz sitzt auf den Treppenstufen vor dem Neuen Palais und erzählt, warum und zu welcher Tageszeit die letzte bedeutende Schlossanlage des Barock in Preußen einer seiner bevorzugten Orte ist. Es ist ein frühlingshafter Mittwochmittag, es ist gegen 12 Uhr und das ist für ihn sehr ungewöhnlich: „Ich bin meistens am frühen Morgen hier, wenn es noch dunkel ist und die Dämmerung anbricht. Oder auch mal am Abend nach Sonnenuntergang.“

"Ich liebe es, beim Fotografieren allein zu sein"

Wenglorz lebt in Potsdam, ist Single und hat keine Kinder. Niemand wird wach, wenn er zur normalen Schlafenszeit mit seinem Fotoapparat, einer Canon EOS 6 D, und einem Stativ aufbricht und um den gut 250 Jahre alten Prunkbau schleicht. Friedrich der Große hat ihn als Gästehaus geplant, Kaiser Wilhelm II. von 1888 bis 1918 als Hauptwohnsitz genutzt. Für Wenglorz ist es eines seiner Lieblingsmotive. „Das Licht beeindruckt mich zu diesen Zeiten sehr“, sagt er, „es gibt noch nicht die harten Schatten, es ist noch niemand unterwegs, und ich liebe es, beim Fotografieren allein zu sein.”

Wenglorz ist ein Mann der blauen Stunde, jener Zeit, in der die Sonne noch unterhalb des Horizonts auf ihren Auftritt wartet oder ihn gerade hinter sich hat. Es ist die Tageszeit, zu der das blaue Lichtspektrum am Himmel dominiert. Auf seiner Homepage, auf Facebook und auf Instagram zeigt er einige seiner schönsten Bilder.

Christian Wenglorz, Fotograf aus Potsdam.
Christian Wenglorz, Fotograf aus Potsdam.Foto: Andreas Klaer

Wenglorz stapelt gern tief. „Ich bin kein Fotograf, weil ich damit ja kein Geld verdiene”, sagt er. Es stimmt: er ist seit sechs Jahren Grafik-Chef einer Firma, die Outdoor-Produkte und Fahrräder vertreibt, er kurbelt den Verkauf mit Kampagnen an und freut sich, dass er sich „mit der Arbeit und den Produkten identifizieren” kann.

Und dann gibt es noch diese Leidenschaft für die Fotografie. Sie begann spät, vor fünf Jahren. Wenglorz reiste mit seiner damaligen Freundin zweimal in die USA, er entdeckte die Schönheit der Westküste und der Nationalparks. Tausende Fotos schoss er im Yosemite-Park mit seinen spektakulären Granitfelsen, Wasserfällen und Riesenmammutbäumen, im Yellowstone von grasenden Bisons und Geysiren, er lichtete den Yoshua Tree-Park und den Grand Canyon ab.

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Fotografisch macht der Grafiker auf diesen Reisen einen Sprung. Er ist fasziniert von der Weite der Landschaften, sie regt ihn zu Panoramen an. Danach bildet er sich auf Youtube mit Tutorials über Bildbearbeitung und die Komposition von Fotos weiter.

Wenglorz hat sich zum Ziel gesetzt, auch in Süddeutschland Schlösser zu fotografieren, bisher aber gab es in seiner Heimatstadt Potsdam genug zu tun. Etwa am 13. März, als an der Glienicker Brücke aus Fotografensicht Dramatisches passiert. Der grünliche Stahlträger über der Havel ist, wie immer, angestrahlt, aber wo er endet, auf der Zehlendorfer Seite, hat sich zur Linken über dem Glienicker Schloss unter tiefblauen, furchterregenden Schlechtwetterwolken ein Meer von rötlichen Tupfern ausgebreitet. „Das hat schon was von Armageddon”, kommentiert der Fotograf sein Werk auf Facebook. „Wow”, schreibt eine Betrachterin, aber auch ein Kritiker meldete sich zu Wort: „Ein bisschen weniger Bearbeitung wäre auch gut.”

Gewittersturm über der Glienicker Brücke
Gewittersturm über der Glienicker BrückeFoto: Christian Wenglorz

Christian Wenglorz streitet nicht ab, seine Fotos mit Bildbearbeitung zu optimieren, er leugnet auch nicht, die Wirklichkeit mitunter so zu verändern, dass sie ihm besser gefällt. Das Hotel Mercure am Potsdamer Hafen etwa mag er nicht, er hat es bei der Retusche auch schon mal verschwinden lassen. Seinem Kritiker aber antwortet er in einer Art Werkstattgespräch: „Es ist tatsächlich nicht viel bearbeitet. Der rötliche Schimmer stammt vom Berliner Licht. Ansonsten gab es nur eine Perspektivenkorrektur und ein paar Standardanpassungen.”

Verschneite Aussicht (auf die Communs).
Verschneite Aussicht (auf die Communs).Foto: Christian Wenglorz

Oder das Bild „Märchenhafter Schneezauber in Sanssouci”. Aufgenommen am 1. Februar. Wenglorz dokumentiert: Zoomobjektiv, Einstellung auf 150 mm, Blende 8, ISO 200, Belichtungszeit 30 Sekunden. Entlang verschneiter Bäume wird der Blick des Betrachters auf das spärlich beleuchtete Schloss geführt. Er schreibt dazu: „Die Wege waren fast alle noch unberührt, und es herrschte eine wunderbare, gedämmte Atmosphäre durch den Schnee.” Ähnlich zeigt es auch die Ansicht "Verschneite Aussicht" auf die Communs. 

Mitte August vergangenen Jahres ist Wenglorz auf der Pirsch, es ist die alljährlich wiederkehrende Zeit der sogenannten Perseiden. Sie sind ein Meteorstrom mit einer ungewöhnlich großen Zahl von Sternschnuppen, immer um den 12. August. Wenglorz weiß, was er zu tun hat. In der Nacht vom 12. zum 13. August wartet er am Neuen Palais auf das Naturschauspiel, zwischen 22.30 und 1 Uhr nimmt er rund 600 Fotos auf. „Ich hatte Glück und konnte drei recht große einfangen”, erzählt er auf Facebook. Sein Foto entsteht aus vier Bildern, die er mit der sogenannten Stacking-Technik überlagert.

Stadtfuchs.
Stadtfuchs.Foto: Christian Wenglorz

Am 12. Februar sieht er am Heiligen See einen Fuchs durch den Schnee stapfen, ein Tier mit leuchtenden Augen und einem wunderschönen, rötlichen Fell. Wenglorz fotografiert das Raubtier und erhält auf Facebook viel Lob. Er erspart dem Publikum dort allerdings ein Foto, das den Fuchs mit seiner gerade erlegten Beute, einer Maus, zeigt.

Wenglorz stand kurz vor einer Schau, dann kam Corona 

Wenglorz will seinen Beruf als Grafiker nicht aufgeben, auch weil er weiß, dass es nicht einfach ist, sich auf dem Markt zu behaupten, er kennt einen Fotografen, „der Bilder für neun Euro verkaufen muss”. Er begnügt sich mit der großen Wertschätzung für seine Fotos und freute sich, als das Bergmann-Klinikum vor Corona mit ihm darüber sprach, 40 seiner Bilder auf den Fluren aufzuhängen. Die Chancen schienen nicht schlecht. Er hätte seine Fotos honorarfrei zur Verfügung gestellt, und es sprach viel dafür, dass die Schlösserstiftung, bei der die Rechte an allen Bildern aus dem Weltkulturerbe liegen, eine Ausnahmegenehmigung erteilt hätte.

Hat er keine Träume als Fotograf? Er erzählt, dass er oft gefragt werde, ob er nicht einen Fotoband veröffentlichen wolle. „Es hat längere Zeit keine neuen Bildbände über Potsdam mehr gegeben”, sagt er, „vielleicht ist die Zeit dafür gar nicht mal schlecht”.

Eine weitere Auswahl von Christian Wenglorz Bildern findet sich auf seiner Homepage.

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