• Potsdamer Awo-Tour: Herzensangelegenheit im Problemviertel

Potsdamer Awo-Tour : Herzensangelegenheit im Problemviertel

Ein mobiler Weihnachtsmarkt für Familien, die sich sonst einen Besuch nicht leisten können: Die Awo "Von Herzen"-Tour hat Halt im Schlaatz gemacht. Ein Besuch. 

Anne Jerratsch
Die Weihnachtsfee hat bei der „Von Herzen“-Tour der Arbeiterwohlfahrt im Schlaatz die Geschenke übergeben.
Die Weihnachtsfee hat bei der „Von Herzen“-Tour der Arbeiterwohlfahrt im Schlaatz die Geschenke übergeben.Foto: Varvara Smirnova

Potsdam - Der sonst eher karge Marktplatz im Schlaatz ist vollgestellt mit bunten Buden. Es riecht nach frisch gebackenen Waffeln und nach Gänsekeule, Musik dudelt im Hintergrund: Es geht weihnachtlich zu an diesem Donnerstagnachmittag im oft als Problemviertel bezeichneten Potsdamer Wohnquartier. Das ist der Potsdamer Arbeiterwohlfahrt (Awo) zu verdanken, die zum dritten Mal ihre „Von Herzen“-Tour veranstaltet.

Beim Awo-Weihnachtsmarkt im Schlaatz war viel los.
Beim Awo-Weihnachtsmarkt im Schlaatz war viel los.Foto: Varvara Smirnova

Die Idee: Ein mobiler Weihnachtsmarkt soll Festtagsstimmung auch zu den Familien bringen, die sich sonst vielleicht keinen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt leisten können. Denn der „Von Herzen“-Markt und alle seine Attraktionen werden kostenfrei angeboten. Wer möchte, darf eine Spende geben.

Der Verein "Lachen hilft" hatte das Sandmännchen dabei.
Der Verein "Lachen hilft" hatte das Sandmännchen dabei.Foto: Varvara Smirnova

15 Prozent der Potsdamer Kinder von Armut betroffen

In diesem Jahr macht die „Von Herzen“-Tour gleich fünf Stopps: Nach Rathenow und Bad Belzig ist dreimal Potsdam dran – im Schlaatz ist der mobile Weihnachtsmarkt nun das zweite Jahr in Folge zu Gast. Kurz nach 15 Uhr drängen sich hier viele Kinder und Familien vor einem großen Zelt. Schirmherr Stephan Goericke hat alle Hände voll zu tun. Er verteilt kistenweise Geschenke, die die Awo mit Spendengeldern finanziert hat. „Wir wollen, dass alle Kinder ein tolles Erlebnis zu Weihnachten haben. Manche Kinder kriegen tatsächlich sonst gar nichts geschenkt, weil es das Budget der Eltern einfach nicht hergibt“, sagt Goericke. Er führt ein IT-Unternehmen, ist in der CDU aktiv. Ihm sei es wichtig, für ein bewusstes Miteinander zu sorgen: „Man muss sich noch viel mehr umeinander kümmern,“ sagt er.

Laut einer Erhebung des Amtes für Statistik Berlin Brandenburg aus dem Jahr 2018 sind 15 Prozent der Potsdamer Kinder von Armut betroffen – die Dunkelziffer liege vermutlich noch höher. In Potsdam werden rund 3800 Kinder und Jugendliche, die in einer sogenannten Bedarfsgemeinschaft mit Bezügen nach dem Sozialgesetzbuch II leben, als arm erfasst. Rund 1700 von ihnen waren 2018 unter sechs Jahre alt (PNN berichteten). Zahlen, die nicht nur zu denken geben, sondern die in Stadtteilen wie dem Schlaatz auch spürbar sind.

Der Schlaatz werde oft vergessen

Auch deshalb packt Awo-Teilbetriebsleiter Raico Rummel mit an und verteilt heißen Kaffee, Tee und Punsch. Rummel ist ehrenamtlich im Awo-Tauschladen „Schatztruhe“ wenige Meter neben dem Markt tätig. Der Laden werde zunehmend gut besucht, sagt er. Deshalb freue er sich, dass die Weihnachtsmarkt-Tour der Awo sich zu einem Erfolgskonzept mausere. Dass sie hier auch einen Stopp einlegt, war ihm sehr wichtig, sagt er. „Der Schlaatz wird sonst leider oft vergessen.“

Mit dem abnehmenden Licht am Spätnachmittag füllt sich der Markt noch einmal merklich. Kinderwägen werden durch die Menge geschoben, Rentner stehen in Gruppen um die Stehtische und schwatzen bei einem Kaffee. Von der Bühne erklingt knackiger Bluesrock von den Potsdamer „Big Beat Boys“. Jenny Hessing, 34 Jahre alt, wohnt im Schlaatz und freut sich über das Angebot. „Hier trifft man auch mal andere Kinder und Mütter.“ Sie hat ihren zweijährigen Sohn Jonas mitgebracht, der vorsichtig eine Kerze in buntes Wachs taucht. Ein größeres Mädchen, die neunjährige Annie, drängelt sich vorbei. Sie hat schon zwei Kerzen verziert und greift nach einer dritten. „Die schenke ich alle meiner Mama zu Weihnachten“, sagt sie. Der Markt solle einfach immer hier stehen, wünscht sie sich.

Abschluss heute ab 15 Uhr am Lerchensteig

Vor dem Kinderkarussell und der kleinen Eisenbahn bilden sich Schlangen, die minütlich länger werden. Doch die begleitenden Eltern bleiben entspannt. Schon eine Weile steht Stefan Lehmann am Karussell. Der 32-Jährige ist mit seiner dreijährigen Tochter Josephine gekommen, die nun schon die fünfte Runde fahren darf. Und es ist kein Ende in Sicht. „Meine Tochter darf heute so lange fahren, wie sie mag. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes an dem Markt, dass man mal nicht auf die Kosten schauen muss“, sagt Lehmann. Er wird die Wartezeit wohl mit einer Gänsekeule und einer frisch gebackenen Waffel überbrücken.

Die „Von Herzen“-Tour findet ihren Abschluss am heutigen Freitag von 15 bis 19 Uhr an der Wohnanlage für Wohnungslose und Geflüchtete am Lerchensteig

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