• Potsdamer Amtsärztin Kristina Böhm: "Wir sollten im Herbst wieder Maske tragen"

Potsdamer Amtsärztin Kristina Böhm : "Wir sollten im Herbst wieder Maske tragen"

Die Chefin des Gesundheitsamts in Potsdam über Affenpocken, die aktuelle Corona-Lage, die Folgen der Pandemie und nötige Änderungen im Infektionsschutzgesetz.

Kristina Böhm leitet seit 2016 das Potsdamer Gesundheitsamt. 
Kristina Böhm leitet seit 2016 das Potsdamer Gesundheitsamt. Foto: Andreas Klaer PNN

Frau Böhm, kaum beruhigt sich die Corona-Lage, kommen die Affenpocken. Nicht einmal die WHO will sich festlegen, ob daraus eine Pandemie werden könnte. Wie besorgt müssen die Potsdamer sein?
Ich glaube, dass wir keine Pandemie zu befürchten haben. Den Vergleich mit Corona sollten wir tunlichst vermeiden. Es ist auch eine Viruserkrankung, aber die Übertragung von Mensch zu Mensch über die Luft ist bei den Affenpocken nicht der reguläre Weg. Nichtsdestotrotz sollte man das nicht bagatellisieren. Es ist erstaunlich, dass es diese Infektionen ohne Reisebezug zum Kontinent Afrika gibt. Auffällig ist auch die Zahl von 200 Fällen in mehr als 20 Ländern in relativ kurzer Zeit. Man muss das beobachten. 

In Potsdam gibt es bis jetzt einen Fall, in Berlin sind es 32. Was erwarten Sie für Potsdam in den kommenden Tagen und Wochen? 
Wir müssen in Potsdam aufmerksam bleiben, weil wir direkt im Einzugsgebiet von Berlin liegen. Es gibt wieder viel mehr Partys, Events und Festivals, die Leute sind hungrig danach und nehmen diese gern in Anspruch. Wenn in Berlin mehr Fälle auftreten, gehe ich davon aus, dass wir auch einen Transfer nach Potsdam erleben werden. Aber ich erwarte nicht die Dynamik, die wir aus der Coronazeit kennen. Wenn die Fälle rechtzeitig bekannt werden, ist eine Unterbrechung der Infektionskette ziemlich hart möglich. 

Ist zu erwarten, dass die Fälle rechtzeitig erkannt werden? 
Die Symptome der Affenpocken sind ziemlich klar. Auf allgemeine Symptome folgen Rötungen der Haut, Bläschen, Pusteln und dann Krusten. Ein Abstrich bringt dann die Sicherheit. Das Robert Koch-Institut in Berlin liefert zügig die Laborbestätigung, beim ersten Potsdamer Fall hatten wir die telefonische Rückmeldung innerhalb von 24 Stunden. 

Sollten die Potsdamer jetzt Schutzvorkehrungen treffen oder ist das nicht notwendig? 
Ich glaube nicht, dass es jetzt besondere Schutzmaßnahmen braucht. Die Maskenpflicht besteht ja weiterhin in bestimmten Einrichtungen wie dem öffentlichen Nahverkehr. Das ist eine gute Maßnahme für uns alle. Dazu kommt Handhygiene, regelmäßiges Waschen. Und unnötiges Händeschütteln vermeiden. Mehr Maßnahmen sind aus meiner Sicht aktuell nicht notwendig, da das Risiko überschaubar bleibt, und wären der Bevölkerung auch nicht vermittelbar. 

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Worauf sollte man achten, falls mehr Fälle auftreten?
Wenn die Erkrankung im direkten Umfeld auftreten sollte, empfiehlt sich eine räumliche Trennung von den Betroffenen. Ganz engen Kontakt sollte man definitiv meiden. Das Robert Koch-Institut empfiehlt auch nach Abklingen der Infektion für mindestens acht Wochen keinen ungeschützten Geschlechtsverkehr. 

Gilt der Kontakt von Eltern mit ihren Kindern auch als ganz enger Kontakt? 
Jein. Als Hochrisikokontakt gilt Geschlechtsverkehr, auch Küssen durch den engen Schleimhautkontakt. Aber auch bei langem ausgiebigem Kuscheln oder durch das Nutzen derselben Bettwäsche oder Handtücher ist eine Übertragung möglich. Wenn es einen Fall in der Familie gibt, ist Achtung angesagt, besonders wenn Kinder im Haushalt leben oder auch Schwangere. 

Die Corona-Eindämmungsmaßnahmen sind weitgehend aufgehoben. Wie ist die Lage aktuell in Potsdam?
Wir haben derzeit positive PCR-Befunde im dreistelligen Bereich pro Tag. Das sind im Vergleich zur Anfangsphase 2020 immer noch sehr hohe Werte – aber mit stetig abnehmender Tendenz. Die Verläufe sind ausgesprochen mild, es gibt kaum noch Hospitalisierungen. Das hat auch mit der guten Durchimpfung zu tun. Aber wir müssen zumindest mit gewissem Respekt beobachten, dass immer neue Varianten zutage treten. Die weltweite Entwicklung zeigt, dass sich die Omikron-Variante BA.4 BA.5 sukzessive durchsetzt und diese leider nicht so mild ist. 

Was heißt das für den weiteren Verlauf?
Wer das möchte, sollte auf jeden Fall die vierte Impfung in Anspruch nehmen. Wir sollten auch ernsthaft über bestimmte Maßnahmenpakete nachdenken, die dann bereit in der Schublade liegen. Eine Maskenpflicht im ÖPNV macht präventiv durchaus Sinn. Allein bei der Influenza ist der Effekt enorm. Die klinischen Verläufe der letzten Monate haben gezeigt, dass Covid händelbar ist. 

Zur Person

Kristina Böhm (45) leitet das Potsdamer Gesundheitsamt seit 2016. Die in Schwedt an der Oder geborene promovierte Ärztin studierte an der Berliner Freien Universität, ehe sie in den Dienst der Bundeswehr trat. Als Soldatin war sie unter anderem im Auslandseinsatz auf Malta und gehörte zur Besatzung des Segelschulschiffs Gorch Fock. Bereits 2015 hatte die Bundeswehr sie für das Spitzenamt in Potsdam ausgeliehen. Sie ist Vorstandsmitglied im Verband der Ärzte im öffentlichen Gesundheitswesen und vertritt in der Organisation auch das Land Brandenburg. Die Amtsärztin hat drei Töchter und lebt in Werder (Havel).

Heißt präventiv, das sollte auf jeden Fall im Herbst wiederkommen?
Wir sollten zumindest ernsthaft darüber nachdenken. Ein einfacher medizinischer Mund-Nasen-Schutz reicht dann meines Erachtens. Ob das Land oder der Bund daraus eine Pflicht machen, steht auf einem anderen Blatt. Aber wir als Gesellschaft könnten uns ja vornehmen, dass wir für uns und für andere die Maske tragen, zumindest im ÖPNV. 

Erwarten Sie im Herbst die nächste Corona-Welle?
Wir haben mit einem Infektionsgeschehen zu rechnen. In welcher Form das stattfindet, hängt sehr von der dominanten Variante ab. Wir müssen uns jetzt vorbereiten. Das gilt auch für die Arbeit des Gesundheitsamtes. Ich gehe nicht davon aus, dass wir Corona komplett loswerden. Die Frage ist, wie wir damit in der Zukunft umgehen werden. 

Was bedeutet das?
Können wir Corona einreihen in die Liste der Erkrankungen, mit denen wir regelmäßig zu tun haben, wie Influenza? Ich hoffe, dass wir uns in diese Richtung bewegen. Das Infektionsschutzgesetz des Bundes führt dazu, dass wir jeden Einzelfall anfassen müssen. Das muss angepasst werden. Solange das nicht passiert, haben wir immer eine Überlast bei der Bearbeitung der Fälle. Wenn wir Corona in das normale Geschehen einordnen, können wir es auch normal bewältigen, davon bin ich überzeugt. 

Wie könnte das funktionieren?
Es sollte nach meiner Vorstellung ähnlich laufen wie bei der Influenza. Sogenannte Sentinelpraxen führen Abstriche und Untersuchungen durch, die Datenlage wird repräsentativ hochgerechnet. Das ist für Corona auch möglich. Die Einzelfallerfassung ist nicht mehr verhältnismäßig. 

Die Ständige Impfkommission empfiehlt seit Kurzem eine einzelne Impfung für Kinder ab fünf, in den USA ist jetzt die Booster-Impfung für Kinder zugelassen worden. Was empfehlen Sie Potsdamer Eltern? 
Wenn ich grundsätzlich impfaffin bin, sollte ich mein Kind impfen. Wer kritisch mit der Impfung umgeht, sollte sich auf jeden Fall beraten lassen beim Haus- oder Kinderarzt des Vertrauens. Kinder wuppen eine Coronainfektion insgesamt viel besser. Aber der familiäre Kontext muss mitbetrachtet werden. Ich glaube, die Bevölkerung braucht auch eine klare Aussage, wie es weitergeht mit der Impfung. Bekommen wir jetzt die dritte, vierte, fünfte Boosterimpfung? Oder wird es endlich eine Kombiimpfung oder jährliche Impfung geben, wie bei Influenza? Das wäre sinnvoll, um das Vertrauen zu erhalten.

Amtsärztin Kristina Böhm im Potsdamer Rathaus. 
Amtsärztin Kristina Böhm im Potsdamer Rathaus. Foto: Andreas Klaer

Wäre es für die Infektionslage in Schulen im Herbst nicht wichtig, dass viele Kinder geimpft sind?
Insgesamt ist es natürlich besser, wenn die Impfquote innerhalb der Gruppe hoch ist. Aber es ist unstrittig, dass Infektionen bei Kindern und Jugendlichen in Kita, Schule und Hort nicht das Entscheidende waren. Es darf auf keinen Fall passieren, dass Bildung und Betreuung wieder einen Rückschritt machen. Das haben wir nach zwei Jahren Pandemie gelernt. Mit den Erkenntnissen muss es möglich sein, in Zukunft zu verhindern, dass das System Schule in die Knie geht. Ich hoffe, wir können das mit mehr Gelassenheit angehen. 

Sie hatten im vergangenen Herbst die Befürchtung geäußert, dass die Pandemie auf die Kindergesundheit deutliche Folgen haben könnte. Ist das eingetroffen? 
Die Anzeichen mehren sich, dass die Auswirkungen der Pandemie insbesondere Kinder und Jugendliche getroffen haben. Jedes sechste Kind ist übergewichtig. Auch die Zahngesundheit hat durch das veränderte Ernährungsverhalten gelitten. Und die psychische Belastung ist für Kinder und Jugendlichen enorm hoch geworden. Die Frage ist, ob sich gewisse Ängste verfestigen oder sich wieder verflüchtigen. Ob der soziale Rückzug sich wieder regeneriert oder ob einige auf der Strecke bleiben. Wir müssen den Fokus auf diese Gruppe schärfen, Untersuchungen und Präventionsmaßnahmen durchführen. 

Welche Spuren hat die Pandemie in der Potsdamer Gesellschaft hinterlassen?
Das Miteinander hat gelitten. Es ist zeitweise ziemlich rau zugegangen. Ich hoffe sehr, dass sich die Kommunikation wieder versachlicht und die Gräben beseitigt werden. Das ehrenamtliche Engagement im Zuge des Ukrainekrieges und der Geflüchteten hat in meiner Wahrnehmung einen höchst positiven Effekt auf uns als Gesellschaft, da es uns wieder zusammengeschweißt hat. Ich hoffe, das bleibt. Es hängt auch von den gesetzlichen Verpflichtungen ab – Stichwort Impfpflicht – die birgt Konfliktpotenzial.

Für Ihr Gesundheitsamt war die Pandemie eine enorme Belastung. Wie ist die Lage jetzt? 
Wir arbeiten immer noch an zwei Standorten, aber wir sind dabei, das Team wieder zusammenzuführen. Aktuell arbeiten noch 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter plus zehn sogenannte Scouts Coronathemen ab. Der Rest des Teams widmet sich mit zunehmender Konstanz den pflichtigen Aufgaben. Wir haben alle Themengebiete, die unter der Pandemie leider ein bisschen gelitten haben, 2022 wieder aufgenommen. 

Was hat das Gesundheitsamt aus der Pandemie gelernt? 
Wir haben in dieser Ausnahmesituation gelernt, dass wir bei solchen nicht planbaren Ereignissen ein strukturiertes Vorgehen brauchen. Das muss man in petto haben. Das heißt konkret für uns, dass wir Stabsarbeit in Zukunft üben werden. Im Gesundheitsamt werden wir Szenarien abbilden und einen eigenen Ablaufplan erstellen. Mit Vorausschau auf zukünftige Problemlagen fassen wir den medizinischen Bevölkerungsschutz ins Auge. Wir wollen ein Team etablieren, das proaktive Planung und Übungen macht und im Falle des Falles ad hoc die Lage steuern kann. 

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