• Potsdam trägt Kippa: „Diese Aktion bewegt uns“

Potsdam trägt Kippa : „Diese Aktion bewegt uns“

300 Menschen beteiligen sich an „Potsdam trägt Kippa“, Vertreter der Synagogengemeinde sprechen von bewegender Solidarität. Doch einer fehlte.

Ein breites Bündnis gegen Antisemitismus zog am Mittwoch durch die Brandenburger Straße in Potsdam.Alle Bilder anzeigen
Foto: A. Klaer
25.04.2018 22:40Ein breites Bündnis gegen Antisemitismus zog am Mittwoch durch die Brandenburger Straße in Potsdam.

Potsdam - Bis zu 300 Potsdamer sind am Mittwochabend gegen Antisemitismus auf die Straße gegangen. Unter dem Motto „Potsdam trägt Kippa“ zogen die Teilnehmer vom Standort der Jüdischen Gemeinde in der Werner-Seelenbinder-Straße über die Friedrich-Ebert-Straße durch die Fußgängerzone bis zum Brandenburger Tor. „Diese Aktion bewegt uns“, sagte Ud Joffe, Vorsteher der Potsdamer Synagogengemeinde. Und das sei ein gutes Zeichen gegen den immer stärker werdenden Antisemitismus in Deutschland, meinte Mykhaylo Tkach von der Jüdische Gemeinde.

Anlass war der Angriff eines syrischen Flüchtlings auf einen jungen Israeli mit Kippa in der vergangenen Woche im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Ähnliche Aktionen fanden in Magdeburg, Erfurt, Köln und im benachbarten Berlin statt. Allerdings kam zu der Aktion in Potsdam, zu der die Nagelkreuzgemeinde am Standort der einstigen Garnisonkirche und die beiden großen jüdischen Gemeinden der Stadt kurzfristig am Montag eingeladen hatten, kein Vertreter des Vereins der Muslime in Potsdam – anders als angekündigt.

Eigentlich hatte dessen Imam Kamal Abdallah im Vorfeld sein Kommen zugesagt. Und auch in einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ erklärt er, wer als Muslim gegen Juden sei, missbrauche die Religion für die Politik. Und: „Wir als Muslime erkennen das Judentum und das Christentum als gleichberechtigte Religionen an.“ Man habe auch in der Gemeinde über die geplante Prozession informiert. Doch vor Ort zeigte sich kein Vertreter. Mehrfach fragte Cornelia Radeke-Engst, Pfarrerin der Nagelkreuzgemeinde, vergeblich nach dem Imam – weil dieser auch eine Rede habe halten wollen, wie sie meinte.

Der fehlende Imam

Nach der Demonstration teilte Abdallah den PNN auf Nachfrage mit, er habe es „leider nicht geschafft“. Gegen 16 Uhr habe er einen Termin mit der Stadtverwaltung gehabt – in dem neuen Gebetsraum der Gemeinde in einem ehemaligen Heizhaus hinter der Ladenzeile Am Kanal. Dabei sei es kurzfristig unter anderem um offene Brandschutzfragen gegangen, die noch geklärt und auch beseitigt werden mussten. Daher habe er doch nicht kommen können – obwohl er sich vorbereitet habe. Stellvertreter seien auch nicht greifbar gewesen. Und schon heute stehe die Abnahme des Gebäudes an.

So hielten andere Religionsvertreter die Reden. Radeke-Engst sagte, man dürfe die öffentlichen Räume nicht den Antisemiten überlassen. Dabei sei vor allem das Engagement von Bürgern gefragt. Zudem erklärte sie den auch beim Wiederaufbau der Garnisonkirche viel genutzten Begriff der Versöhnung: Es gehe darum als Menschen mit allen Unterschiedlichkeiten zu leben und dies als Bereicherung zu erleben, „und nicht als Angriff auf uns selbst“. Joffe wiederum warnte davor, die Gewalt gegen Juden mit Gegengewalt zu beantworten: „Eine Gewaltspirale darf es nicht geben.“ Gefreut habe er sich über die klaren Worte des Zentralrats der Muslime gegen die antisemitischen Vorfälle. „Sicherheit und Frieden: dafür stehen Juden genauso wie Christen und Muslime. Wir werden uns nicht spalten!“

Schon im Vorfeld der Aktion gab es viel Solidarität in den sozialen Netzwerken. So warben etwa die SPD-Landtagsabgeordnete Klara Geywitz oder die Linken-Oberbürgermeisterkandidatin Martina Trauth bei Twitter für die Teilnahme, vor Ort waren auch zahlreiche CDU- und Grünen-Vertreter zu sehen. Der frühere Landesbischoff und Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung Garnisonkirche, Wolfgang Huber, twitterte: „Hier geht es darum, unsere Verfassungswerte praktisch zu verteidigen.

Die Kirchen können sich aus dieser Auseinandersetzung nicht heraushalten, sondern müssen praktische Solidarität zeigen.“ Potsdams Sozialdezernent Mike Schubert (SPD) sagte als Vertreter der Stadtverwaltung. „Für Antisemitismus, sei es religiös oder politisch, gibt es keinen Platz in diesem Land.“ Obwohl die Täter von Berlin junge Flüchtlinge gewesen seien, werde man in Potsdam weiter die bisherige Willkommenskultur pflegen. „Wir werden aber den Gegnern der offenen Gesellschaft nicht erlauben, deren Fundamente anzugreifen“, so Schubert. Er hoffe auch ein ähnliches Zeichen im Sinne der Potsdamer Toleranz, wenn am Samstag der besagte neue Gebetsraum für die Potsdamer Muslime eröffnet werde.

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Kommentar: Die Abwesenheit von Vertretern der muslimischen Gemeinde bei "Potsdam trägt Kippa" ist bedauerlich, kommentiert PNN-Redakteur Henri Kramer.

PNN Liveblog: Die Live-Berichterstattung der PNN zur Aktion "Potsdam trägt Kippa".

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