Potsdam : Potsdam passt

Seit sechs Wochen lebt Bundesjustizminister Heiko Maas mit seiner Familie in der Landeshauptstadt. Er ist schon der zweite Wahl-Potsdamer im Kabinett Merkel

Typ Fußballtrainer. Heiko Maas wirkt nicht unbedingt wie ein Spitzenpolitiker. Der 47-Jährige ist Triathlet, seine Frau Kanutin, die beiden Jungs spielen im Fußballverein.
Typ Fußballtrainer. Heiko Maas wirkt nicht unbedingt wie ein Spitzenpolitiker. Der 47-Jährige ist Triathlet, seine Frau Kanutin,...Foto: M. Thomas

Drahtig wirkt er, akkurat, auf den Punkt trainiert. Das weiße Hemd schmal geschnitten, so wie Bundestrainer Joachim Löw es trägt. Würde man die Passanten an diesem Samstagnachmittag in der Babelsberger Rudolf-Breitscheid-Straße fragen, sie würden Heiko Maas sehr wahrscheinlich nicht dort verorten, wo er seine Arbeit macht. Maas ist seit Dezember 2013 Bundesminister der Justiz und für Verbraucherschutz im Kabinett von Angela Merkel. Sein Auftreten, sein Äußeres bricht mit den gängigen Erwartungen an die Spezies Bundespolitiker. Er gäbe, rein visuell, tatsächlich einen guten Fußballtrainer ab, der 47-Jährige. Oder einen Manager.

Eines, das kann man sich schnell vorstellen, ist er bestimmt: ein netter Nachbar. Vor sechs Wochen ist Maas mit seiner Ehefrau Corinna und den Söhnen Jasper, zwölf Jahre alt, und Jannes, acht, nach Potsdam gezogen. In Babelsberg, in der Nähe des Griebnitzsees und Berlins, ist die Familie jetzt zu Hause. Maas ist damit nach Johanna Wanka, CDU-Bundesforschungsministerin, der zweite Wahlpotsdamer im Merkel-Kabinett.

Keine leichte Entscheidung war der Umzug, wie Maas einräumt. Er ist verwurzelt im Saarland, dem Mini-Bundesland mit mittlerweile weniger als einer Million Einwohnern ganz im Südwesten der Republik, dort geboren, aufgewachsen, zum Politiker geworden, hat nie woanders gelebt. Dann die Anfrage von SPD-Parteichef Sigmar Gabriel, Maas war SPD-Wirtschaftsminister und Vize-Ministerpräsident unter CDU-Regierungschefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Kurz, gesteht Maas, habe er überlegt. Sagt: „Es ist schon ein Abenteuer gewesen. Aber ich bereue nichts.“ Bevor er nun die Familie nachholte vor die Tore der Bundeshauptstadt, haben sie erst einmal ein halbes Jahr abgewartet, geschaut, welchen neuen Rhythmus die Bundespolitik bringen würde. Das Ergebnis war dann doch eindeutig, der Plan, die Wochenenden mit der Familie in Saarlouis zu verbringen, Makulatur.

Wer ihm zuhört, glaubt zu erkennen, dass für Maas das Akkurate, das er ausstrahlt, auch auf andere Art wichtig ist. Es muss passen für ihn. In Potsdam, sagt er, passt es. Die Söhne gehen in der Landeshauptstadt zur Schule, auf staatliche Schulen. Ein Hauptkriterium bei der Wohnort-Wahl, sagt er, seien die Schulen gewesen. In Potsdam gebe es „richtig gute“. Die Dichte sozialdemokratischen Spitzenpersonals in Babelsberg – Matthias Platzeck wohnt dort, Dietmar Woidke hat sein Potsdam-Quartier im Kiez – hat bei Maas’ Wahl im Übrigen keine Rolle gespielt. Dass Platzeck schon lange dort wohnt, wusste er gar nicht. „Die einzige Beratung dazu gab es mit meiner Frau.“

In den Schulferien hat die Familie die neue Umgebung ausgiebig erkundet. Sie sind durch Potsdams Innenstadt gelaufen – „enorm vielfältig und enorm angenehme Atmosphäre“ – , waren beim Kanalsprint am Stadtkanal, haben das Sportareal am Luftschiffhafen besucht, dort in der Kanuscheune gegessen. Immer unerkannt, privat. Maas ist Sportler, Triathlet, seine Frau Corinna war Profi-Kanutin. Beide können sich vorstellen, in Potsdam einen neuen Heimatverein in ihrer Disziplin zu finden. Ihre Jungs sind längst Mitglieder in einem Babelsberger Fußballverein. Maas sagt, das sei ihm wichtig, die sozialen Kontakte, die Verankerung. Besonders für die Kinder. Und auch, weil er als Bundesminister eben doch kein ganz normales Leben führe. „Man muss rausgehen, sich auch engagieren.“

Maas selbst trainiert regelmäßig auf dem Rennrad, am liebsten fährt er Richtung Beelitz. Und wann immer es geht durch Philippsthal. Dort haben es ihm die kleinen Tische, auf denen die Philippsthaler Obst, Gemüse und Blumen aus eigenem Garten anbieten, samt Kasse des Vertrauens, angetan. „Das finde ich faszinierend, das kannte ich nicht“, sagt er.

Eine passende Kirchengemeinde sucht die Familie noch. Corinna Maas ist evangelische Religionslehrerin, bald steht die Konfirmation des älteren Sohns an. Jüngst waren sie zum Gottesdienst in der Nikolaikirche. Der Pfarrer, sagt Maas, habe eine sehr aktuelle Predigt gehalten. Es sei um die Krisen in der Welt gegangen. „Er hat also unwissentlich vor jemandem gesprochen, der mitentscheiden musste, ob Deutschland Waffen in den Irak liefert.“ Diese andere Perspektive jenseits des Politischen, die sei ihm wichtig. Die Predigt habe ihn beschäftigt. Er wolle Impulse von außen bekommen, für das Wertegerüst, den gesunden Menschenverstand.

In dieses Schema passen seine politischen Vorhaben durchaus. Maas hat die Mietpreisbremse angekündigt, die Details werden derzeit diskutiert. Er will Maklerprovisionen für Wohnungsmieter abschaffen, den sogenannten Mordparagrafen ändern, der auf die NS-Zeit zurückgeht. Für die gesetzliche Frauenquote hat er sich im Januar für die Bild-Zeitung gar als Rosenkavalier mit dunklem Anzug, roten Rosen und einem Grundgesetz im Arm inszenieren lassen. Eher die Ausnahme für einen Bundespolitiker. Einst soll jedoch schon seine saarländische Herausfordererin Annegret Kramp-Karrenbauer gespottet haben, Maas’ Wahlplakate sähen aus wie Werbung für Männerparfüm.

Was Potsdams Politik angeht, ist Maas ganz gut im Bilde. Zum Wiederaufbau der Garnisonkirche aber möchte er sich nicht äußern. Da wolle er erst noch mehr wissen, sagt er. Über den seit Jahren andauernden Konflikt um den umstrittenen Uferweg am Griebnitzsee, bei Maas fast vor der Haustür, weiß er besser Bescheid. „Ich stand auch schon am Zaun“, sagt er und meint die seit Jahren von einigen der privaten Grundstückseigner gesperrten Abschnitte des ehemaligen Postenwegs der DDR-Grenzer. Er hoffe, sagt Maas, dass es der Stadt gelinge, den Weg wieder zu öffnen. Das Interesse der Allgemeinheit daran sei groß. Auch in anderer Hinsicht ist der Politiker in Potsdam angekommen. Am Morgen, sagt er, sei er schon schwimmen gewesen. Im Heiligen See. Natürlich an der legalen Badestelle.