• Potsdam hat Platz: Aktivisten kämpfen für Geflüchtete

Potsdam hat Platz : Aktivisten kämpfen für Geflüchtete

Mit einem Protest-Camp werben Aktivisten auf dem Platz der Einheit für die Aufnahme Geflüchteter aus den griechischen Elendslagern. Auch Oberbürgermeister Mike Schubert wartet auf Zusagen vom Bund.

Die ganze Woche schon harren Mitglieder von Potsdam-Konvoi und der Initiative Seebrücke in einem Camp auf dem Platz der Einheit aus.
Die ganze Woche schon harren Mitglieder von Potsdam-Konvoi und der Initiative Seebrücke in einem Camp auf dem Platz der Einheit...Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Doch, es wagten sich auch ein paar Mutige auf den Platz der Einheit. Ein paar Potsdamer, die es mehr oder minder vehement ablehnen, Geflüchtete aufzunehmen: in Deutschland, in Brandenburg – und erst recht in Potsdam. Sie trauten sich auf den Platz der Einheit, wo der Potsdam-Konvoi, die „Initiative für Solidarität mit Menschen auf der Flucht“, seit Montag (15.06.2020) rund um ein bequemes Sofa ein Protest-Camp aufgebaut hat.

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Unterschriftensammlung für eine Petition

Unter Schatten spendenden Bäumen sammelten zwei bis drei Dutzend Aktivisten, unterstützt von der Initiative Seebrücke, bis zu diesem Freitag Unterschriften für eine Petition. Tag und Nacht, 24 Stunden lang. Mehr als 200 Besucher trugen sich ein, etliche taten dies im Internet. Gefordert wird die Unterbringung von mindestens 2000 Menschen im Land. Symbolisch sollte das Sofa zeigen: Brandenburg hat Platz – vor allem angesichts der rund 2,5 Millionen Einwohner, die sich auf eine große Fläche verteilen.

Aus erster Hand: Einige Aktivisten waren selbst in den Lagern und berichteten davon.
Aus erster Hand: Einige Aktivisten waren selbst in den Lagern und berichteten davon.Foto: Carsten Holm

Unter den Passanten, die bei der kleinen Zeltstadt mit Bänken und Sesseln vorbeikamen, waren auch Ängstliche. Einer von ihnen fragte etwa, wie viele Geflüchtete Deutschland noch „vertragen“ könne. Ein älterer Mann berichtete, er bekomme nur 600 Euro Rente, da könne man doch nicht noch Geld für „die alle“ ausgeben. Die Schulen seien schlecht, Potsdam sei zu schmutzig, behaupteten andere, auch sie argumentieren mit den Staatsausgaben für Asylbewerber.

Mehr Druck auf Bundesinnenminister Seehofer gefordert

Die „Konvoi“-Leute blieben gelassen. Sie versuchten, so Aktivistin Deena Caspary, „zu erklären, dass das eine mit dem anderen nichts zu tun hat“. Die meisten aber zeigten Verständnis für die Menschen, die in Elendslagern wie Moria auf Lesbos, dem laut BBC „schlimmsten Flüchtlingslager der Welt“, zusammengepfercht hausen müssen. Einige der Aktivisten, unter ihnen der Erzieher Pascal Loerch und die Deutschlehrerin Caspary, berichteten Besuchern von ihren Erfahrungen. Sie hatten im vergangenen Herbst jeweils vier Wochen auf Lesbos für Hilfsorganisationen gearbeitet und wurden Augenzeugen der humanitären Katastrophe.

Die Aktivisten fordern die Auflösung der Flüchtlingslager.
Die Aktivisten fordern die Auflösung der Flüchtlingslager.Foto: Ottmar Winter

Von der Politik ist Pascal Loerch enttäuscht. „Seit ich auf Lesbos war, hat sich die furchtbare Lage noch verschlimmert. Die Bundesregierung und die Landesregierungen sagen immer nur, was sie wollen, wollen, wollen.“ Er hofft, dass aufnahmewillige Länder über den Bundesrat Druck auf Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ausüben, um Menschen aus extremen Situationen zu retten.

Trotz vieler Worte ist in Potsdam bislang noch nichts passiert

Auch Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) hatte schon vor Monaten Bereitschaft signalisiert, zusätzliche Flüchtlinge aus den griechischen Lagern in der Stadt aufzunehmen – in einem ersten Schritt sollten es fünf unbegleitete Minderjährige sein. Doch passiert ist bislang nichts, nicht einmal von den 47 minderjährigen Flüchtlingen, die Deutschland im April aufgenommen hat, wurden welche nach Potsdam geschickt. „Die Zahl 47 ist natürlich keine, die glücklich macht und bei der man die Hände in den Schoß legen sollte“, so Schubert jetzt auf PNN-Anfrage. „Wir werben daher weiterhin dafür, zügig mehr Kinder und Jugendliche aufzunehmen und trotz aller Diskussionen, die anderweitig gerade geführt werden, schrittweise auf die Zahl von wenigstens 1000 zu kommen.“

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert bei seinem Besuch im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.
Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert bei seinem Besuch im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.Foto: PNN

Schubert war im Februar selbst auf Lesbos, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Er berichtete von 300 Menschen, die sich eine Dusche teilen, vom Mangel an Wasser und Toiletten. „Und wir hier diskutieren Tag für Tag über hygienische Bedinungen und Ziele“, so Schubert mit Blick auf die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung in Deutschland. „Vor dem Hintergrund fragt man sich schon, was passiert, warum das nicht schneller geht.“

Unterstützung vom Bündnis Sichere Häfen

Auch in den Lagern wächst die Ungeduld, Deena Caspary hat etwa regelmäßigen Telefonkontakt mit einem 17-jährigen Afghanen , der seit bald einem Jahr im Lager Moria lebt: „Er fragt immer: Wann holst du mich? Und er sagt: Du musst mich auf eine Liste setzen.“ Sie sorgt sich um ihn: „Wenn er 18 Jahre alt wird, ist er kein unbegleiteter Flüchtling mehr, sondern ein erwachsener junger Mann. Dann wird er in der Schlange derjenigen, die da rauswollen, ganz hinten stehen.“

Unerwartete Unterstützung erhielt Potsdam-Konvoi am Donnerstag übrigens vom Bündnis Sichere Häfen, das von der Stadt Potsdam koordiniert wird. Ursula Löbel, die bei der Landeshauptstadt den Bereich Partizipation und Tolerantes Potsdam leitet, besuchte das Sofa-Camp und löste ein großes Problem. Mit den Punk-Bands Mackermassaker und Noxe hatten die Aktivisten ein Benefizkonzert zugunsten Geflüchteter verabredet, nach ein paar sonnigen Tagen zogen aber Regenwolken auf. Löbel sorgte dafür, dass die Stadtverwaltung einen Pavillon von drei mal sechs Metern zur Verfügung stellt. Widriges Wetter war damit wurscht.

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