• Potsdam für Blinde erlebbar machen: Architektur zum Hören

Potsdam für Blinde erlebbar machen : Architektur zum Hören

Akustische Beschreibungen von Potsdams Sehenswürdigkeiten: So macht die Audioskriptorin Anke Nicolai die Stadt für Blinde und Sehbehinderte erlebbar.

Beschreiben ist ihr Beruf. Anke Nicolai ist Audioskriptorin. 
Beschreiben ist ihr Beruf. Anke Nicolai ist Audioskriptorin. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Glienicker Brücke, Schloss Babelsberg, Holländisches Viertel – Potsdams reiches architektonisches Erbe zieht jährlich Millionen Besucher an. Doch was ist mit Touristen, die eine Sehbehinderung haben? Auch sie können die Landeshauptstadt genießen, dank der kostenlosen App „Potsdam Stadtführungen“, in der 26 Sehenswürdigkeiten im gesamten Stadtgebiet beschrieben werden. Wer zum Beispiel die Nikolaikirche besucht, bekommt folgendes zu hören: „Auf dem Dach des Kubus erhebt sich ein imposanter Tambour mit umlaufender Säulenkolonnade und einem Kranz aus stilisierten Palmblättern.“

Geschrieben wurden die Texte von der Audioskriptorin Anke Nicolai zusammen mit ihrem Kollegen Detlef Tomschke. Als sie von der Stadtverwaltung gefragt wurde, ob sie akustische Beschreibungen von Potsdams Sehenswürdigkeiten erstellen kann, nahm sie begeistert an, obwohl die Aufgabe nicht leicht war: „Architektur zu beschreiben ist die größte Herausforderung für uns“, sagt die 43-jährige Berlinerin. „Je üppiger und größer ein Gebäude ist, desto schwieriger wird es. Bei den Schlössern ist es nicht einfach, den Aufbau so zu beschreiben, dass wirklich ein Gesamtbild entsteht. Beim Holländischen Viertel hingegen war es einfacher, weil es nicht so viele Details gibt.“

Die Beschreibungen gehen vom Großen ins Kleine

Um die Übersicht zu bewahren, geht Nicolai stets vom Großen ins Kleine, fängt mit Aufbau, Dächern und Kuppeln an, geht über zu Fassaden, Türen und Fenstern, bis hin zu einzelnen Schmuckelementen. Im Falle von Schloss Sanssouci klingt das dann so: „Oberhalb der Weinbergterrassen gelegen, besteht es aus dem etwa 90 Meter langen Haupttrakt mit zwei Seitenflügeln und dem dahinter liegenden halbkreisförmigen Ehrenhof. Ganz im Stile eines französischen Lustschlösschens ist Schloss Sanssouci eingeschossig und verfügt nur über zwölf Räume, die durch hohe Sprossentüren mit dem Garten verbunden sind.“

Nicolai hat viel Erfahrung darin, anderen Menschen Dinge zu schildern, die sie nicht sehen können: „Ich habe einen blinden Vater und bin damit großgeworden, ihm die Umgebung zu beschreiben. Auch später hatte ich immer Kontakt zu blinden Menschen, das war total normal für mich.“ 1997 bot der Deutsche Blindenverband das erste Ausbildungsseminar für Audioskriptoren an. Nicolai nahm teil und studierte anschließend Sozialpädagogik. Es gibt nicht viele Audioskriptoren in Deutschland: „Wir sind etwa 70 und kennen uns fast alle“, sagt Nicolai. Organisiert sind sie im Verband Hörfilm e.V., den Nicolai 2000 mitgegründet hat.

Nicolai arbeitet auch als Live-Sprecherin

Audioguides sind nur ein kleiner Teil von Nicolais Arbeit, den Hauptteil macht das Texteschreiben für Film- und Fernsehproduktionen aus, darunter Tatort, Polizeiruf oder die Serienadaption von „Das Boot“. Dazu gibt sie auch Workshops, hält Vorträge und stellt für die Berlinale die Filme zusammen, die eine Audiobeschreibung bekommen. Einsprechen tut sie die Texte nicht, eine Ausnahme sind Theater- und Opern-Aufführungen, wo sie als Live-Sprecherin das Gezeigte beschreibt.

Hauptschwierigkeit von Nicolais Arbeit besteht in der Verknappung: Was erwähnt man, was nicht? Für den Potsdamer Audioguide etwa hatte sie pro Gebäude drei Minuten Zeit: „Bei Sanssouci konnte ich natürlich nicht alle Figuren auf dem Dach beschreiben, sondern nur, dass da welche stehen.“ Manchmal geht sie aber auch auf Details ein, die sie zunächst weggelassen hätte: „Beim Jan Bouman-Haus wies mich meine blinde Kollegin Roswitha Röding darauf hin, dass davor eine alte Wasserpumpe steht. Das ist ein schönes Detail für Blinde, weil es etwas ist, was sie selber anfassen können.“

Architektonische Fachbegriffe müssen erläutert werden

Eine weitere Herausforderung für Nicolai bestand darin, dass ihr für manche Details die Wörter fehlten: „Schwierig war zum Beispiel die russische Kolonie: Dort war ich vorher noch nie, ich wusste gar nicht, dass es so was in Potsdam gibt." Nicolai musste sich erstmal einlesen und viel recherchieren, um bestimmte Bezeichnungen herauszufinden. Im Falle der russischen Holzhäuser fehlte ihr das Wort für die großen Front-Balkone: „Der scheinbare Eingangsbereich wird von einem Altan mit vier verzierten Holzpfeilern und kunstvoll geschnitzten Balustraden überfangen. Die Pfeiler tragen den Atlan, ähnlich einem Balkon, der fast die gesamte Hausbreite einnimmt“, heißt es dazu im Audioguide.

Doch auch hier lauert ein Problem: Wenn zu viele architektonische Fachbegriffe verwendet werden, ist die Beschreibung zwar genau, aber für Laien nicht mehr verständlich. Deshalb müssen alle Fachbegriffe kurz erklärt werden, auch das kostet Zeit. Und nicht nur korrekt müssen die Beschreibungen sein, sondern auch neutral: „Subjektive Eindrücke oder Wörter wie ’schön’ haben da keinen Platz“, sagt Nicolai.

Barrierefreiheit im Tourismus wird immer wichtiger

Seit Dezember ist die App mit den Stadtführungen für Sehbeeinträchtigte online. Kerstin Lehmann, Koordinatorin für barrierefreien Tourismus bei der Tourismus Marketing Brandenburg GmbH, ist sich sicher, dass das Angebot gut angenommen wird: „Barrierefreiheit im Tourismus hat in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen.“ Dies sei unter anderem auf den demografischen Wandel und einer deutlichen Zunahme älterer Gäste zurückzuführen, die bis ins hohe Alter reiselustig bleiben, so Lehmann.

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