Potsdam : Erinnerung und Distanz

An mehreren Orten wurden am Montag in Potsdam an den Mauerbau vor 57 Jahren erinnert – und dabei der Opfer gedacht.

Horst Plischke war erst 23 Jahre alt als er in den frühen Morgenstunden des 19. November 1962 nördlich der Glienicker Brücke ins Wasser der Havel stieg, um an das gegenüberliegende Westberliner Ufer zu schwimmen. DDR-Grenzsoldaten entdeckten seinen Fluchtversuch und schossen auf ihn. Vier Monate später wurde die Leiche des jungen Potsdamers im Jungfernsee gefunden. Er war ertrunken. Bei dem Toten fand man eine Einberufung zum Wehrdienst. Horst Plischke ist eines von rund 140 Todesopfern an der Berliner Mauer.

Am gestrigen Montag jährte sich der Beginn des Mauerbaus zum 57. Mal. In Potsdam wurde daran bei mehreren Veranstaltungen erinnert: an der Glienicker Brücke, an der Stubenrauchstraße und in Groß Glienicke. Es war zwar kein rundes Jubiläum – dennoch war es ein besonderes: Denn erstmals ist seit dem Fall der Mauer mehr Zeit vergangen als die 28 Jahre, die das trennende Bauwerk überhaupt stand. Die wachsende zeitliche Distanz, war dann auch ein Thema, das viele Teilnehmer der Gedenkveranstaltungen ansprachen.

Die Glienicker Brücke war in diesem Jahr der Ort für das zentrale Gedenken der Landeshauptstadt Potsdam und des Landes Brandenburg in Kooperation mit der Fördergemeinschaft Lindenstraße 54. Dort, am Fuße der Bronzeplastik Nike, wurde in Erinnerung an die Opfer von Mauer und Todesstreifen ein Kranz niedergelegt. Rund 120 Menschen hatten sich dazu am Nachmittag versammelt, darunter Zeitzeugen und Politiker aus allen Landtagsparteien sowie von der FDP.

Heutzutage fahren Autos und Busse in beiden Richtungen über die Glienicker Brücke, Ausflugsschiffe sind auf der Havel unterwegs. Fahrradtouristen halten an, um zu fotografieren. Die Szenerie ist eingebettet in die Welterbelandschaft der Schlösser und Gärten. Wenig erinnert daran, dass an dieser Stelle jahrzehntelang nicht nur Potsdam von Berlin, sondern auch Deutschland und Europa getrennt waren – durch Mauer und Todesstreifen.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) nahm Bezug auf den Gedenkort: „Das wir uns hier frei bewegen können, ist nicht selbstverständlich.“ Man müsse Kindern und Enkeln von damals berichten und die Erinnerung an das Unrecht wach halten. Potsdams Sozialbeigeordneter Mike Schubert (SPD) – in Vertretung von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) – erzählte vom Versuch, seiner zehnjährigen Tochter zu erklären, dass einmal zwischen Potsdam und Berlin eine Mauer stand. „Wir verneigen uns vor dem Mut und der Courage derjenigen, die versuchten diese Mauer zu überwinden.“

Anschließend machten sich viele der Teilnehmer mit auf den Weg zum zehnten sogenannten Potsdamer Mauerverlauf, zu dem die Stadt Potsdam gemeinsam mit der Fördergemeinschaft Lindenstraße eingeladen hatte. Von der Glienicker Brücke ging es entlang des früheren Mauerverlaufs zur ehemaligen Sondersicherheitszone Klein Glienicke. Der Filmemacher und Buchautor Jens Arndt sowie Denkmalpfleger Jörg Limberg berichteten an einzelnen Standorten über den Mauerbau und das Grenzsystem.

Eine Stunde vor der Veranstaltung hatten die Landesverbände der CDU aus Berlin und Brandenburg zum Mauergedenken geladen – ebenfalls an der Glienicker Brücke. Erster Redner war CDU-Oberbürgermeisterkandidat Götz Friederich, der das Gedenken nutzte, um auf den laufenden Wahlkampf aufmerksam zu machen. Mehr als 60 Gäste nahmen an der Veranstaltung teil, darunter der Brandenburger Partei- und Fraktionschef Ingo Senftleben und Jörg Schönbohm, Ehrenvorsitzender der Brandenburger CDU.

Auch an der Gedenkstätte in der Stubenrauchstraße wurde am Montag der Mauertoten gedacht. Dorthin hatte das Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte bereits um 13 Uhr eingeladen. Ein gutes Dutzend kam in Babelsberg zusammen. Manfred Kruczek und Heike Roth vom Forum-Verein und die Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur Maria Nooke legten gemeinsam einen Kranz am Kreuz vor dem erhaltenen Rest der Original-Mauer nieder. Ab dem nächsten Jahr soll wie berichtet auch an das Ende von SED-Diktatur und Teilung auf dem Potsdamer Luisenplatz erinnert werden. Das hatten die Stadtverordneten beschlossen. Laut Roth ist man auf einem guten Weg. Ein Beirat soll in diesem Jahr Entwürfe für einen Gedenkort begutachten.

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