Potsdam : Der Unangepasste

Konrad Elmer-Herzig war vieles: Parteigründer Umweltschützer, Pfarrer der Erlösergemeinde. Jetzt geht er in den Ruhestand

Am runden Tisch sind alle gleich. Pfarrer Konrad Elmer-Herzig, der am morgigen Sonntag um 15 Uhr von seiner Gemeinde mit einem Gottesdienst verabschiedet wird, ließ sich für den runden Abendmahltisch in der Erlöserkirche durch ein Gemälde von Lucas Cranach d. Ä. inspirieren. „Der Tisch bleibt, auch wenn ich gehe“, sagt Elmer-Herzig.
Am runden Tisch sind alle gleich. Pfarrer Konrad Elmer-Herzig, der am morgigen Sonntag um 15 Uhr von seiner Gemeinde mit einem...Foto: Andreas Klaer

Wenn ein Pfarrer in den Ruhestand geht, ist das nicht mit dem Ausräumen des Schreibtisches getan. Konrad Elmer-Herzig, seit fast 19 Jahren Pfarrer an der Erlöserkirche, entschuldigt sich für die Unordnung im Arbeitszimmer. „Ich bin am Packen“, sagt der große, schlaksige Mann inmitten von überbordenden Bücherregalen, Papierstapeln, Erinnerungsstücken. Am kommenden Sonntag wird er von der Gemeinde bei einem Gottesdienst verabschiedet, Ende Juli verabschiedet sich Elmer-Herzig dann selbst aus Potsdam und Deutschland. „Wir gehen für eine Weile nach Thailand, wo meine Frau an einer deutschsprachigen, christlichen Schule unterrichten wird.“

Elmer-Herzig, 65 Jahre alt, ist und war vieles, Theologe und evangelischer Pfarrer, Umweltschützer, Parteigründer, Berufspolitiker und Familienvater – von zwei erwachsenen Töchtern aus erster Ehe, zwei Söhnen im Grundschulalter, und bereits Großvater von drei Enkeln. Eine Biografie, die so konsequent unangepasst verlief – dabei aber stets von einem inneren Wertekanon geprägt wurde „Ich bin kein zwanghafter Typ, das dürfen Sie schreiben“, sagt er selbst an diesem gewittrigen Nachmittag – der Pfarrer im bequemen T-Shirt. Angesichts des prasselnden Regens hofft er, dass die Dachdecker das Dach in seinem Haus, das gerade saniert wird und wo die Familie nach dem Thailand-Aufenthalt einziehen will, schon fertig haben. Denn ein Pfarrer, der geht, verlässt nicht nur das Arbeitszimmer, sondern auch die Dienstwohnung – ein geschätztes Privileg gerade zu DDR-Zeiten. Aus dem beschaulichen Potsdam-West wegzuziehen, das falle gerade den Jungs schwer, und er hofft, demnächst mehr Zeit für sie zu haben.

„Aber ich glaube kaum, dass ich demnächst weniger zu tun haben werde“, sagt Elmer-Herzig. Er will sich jetzt unter anderem verstärkt als Umweltaktivist engagieren. Dafür werben, Blockheizkraftwerke in Einrichtungen wie Seniorenzentren einzubauen. Mit dem neu entwickelten Stirling-Motor seien solche kleinen BHKWs sogar einfamilienhaustauglich. Über CO2- Einsparbilanzen kann er lange und leidenschaftlich reden. 2004 hat er mit den Stadtwerken den Kirchenstromtarif ausgehandelt, in dessen Folge Geld für Umweltprojekte zusammenkam. Dafür wurde 2010 die Erlösergemeinde mit dem 1. Preis beim Klimawettbewerb des 33. Deutschen Evangelischen Kirchentags ausgezeichnet.

Zu seinem Vermächtnis zählt er auch, dass heute die Kirchturmuhr wieder schlägt. Eine Kirche brauche eine Uhr, fand er, mit lärmempfindlichen Anwohnern einigte er sich auf einen Kompromiss: Von Mitternacht bis sechs Uhr schweigt jetzt die Turmuhr. Gemeinsam mit Pfarrer Martin Kwaschik konnte er den Gemeindekirchenrat überzeugen, das Abendmahl an einem runden Tisch statt einem eckigen Altar zu feiern – der Altar wurde daraufhin abgebaut. „Am runden Tisch sind alle gleichberechtigt – und in gleicher Entfernung zum geistigen Zentrum.“ Dass der Begriff auch politische Relevanz birgt, sei dabei ein schöner Nebengedanke.

Man kommt nicht umhin, mit Pfarrer Elmer-Herzig über Politik zu reden. Das Elternhaus gab möglicherweise die Richtung vor: Der Vater, einst SPD-Mitglied, hielt die Ideale der Weimarer Republik in Ehren. Als dieser als Naturschutzbeauftragter es 1961 wagte vorzuschlagen, den Grenzstreifen im Biosphärenreservat Südharz schmaler zu gestalten, „da wurden wir – das war eigentlich vorhersehbar – leider über Nacht umgesiedelt“, sagt Elmer-Herzig.

In Halle studiert er Theologie, arbeitet in Aschersleben als Jugendpfarrer, geht dann nach Ostberlin und wird dort Studentenpfarrer, später Dozent am Berliner Paulinum, wo evangelische Pfarrer ausgebildet werden. Und er gehört zu dem kleinen Kreis, der im Sommer 1989 unter abenteuerlichen Bedingungen die SDP gründete, die erste oppositionelle Partei in der DDR, die sich bald darauf in SPD umbenannte. Am 4. November 1989 spricht er auf der legendären Großdemonstration auf dem Alexanderplatz, vier Minuten auf einer improvisierten, zusammengezimmerten Holzbühne. Bis heute ist er mit den Mitstreitern von damals in Kontakt. Bis 1994 war er selbst Bundestagsabgeordneter, versuchte während der vier Jahre in Bonn, den Begriff Mitmenschlichkeit im Grundgesetz zu verankern. Leider vergeblich. Das wäre ihm sehr wichtig gewesen, sagt er. Dass die „Mitmenschlichkeit“ heute in der Präambel der EU-Verfassung verankert ist, sei immerhin ein kleiner Trost.

1994 verlor er seinen Wahlkreis an die PDS. Bitter war das, der SED-Nachfolgepartei zu unterliegen. Hätte er anderswo, vielleicht in Potsdam, sich weiter politisch engagieren sollen? „Die Plätze waren zu dem Zeitpunkt längst alle vergeben“, sagt er rückblickend. Und weiter: „Ich habe auch nicht die Ellenbogen, um an die wahren Hebel der Macht zu kommen – unter Schröder hab ich gelitten.“ Er hatte zwar das durchaus verlockende Angebot vom kürzlich verstorbenen Reinhard Höppner, damals Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, dessen Redenschreiber zu werden – aber Elmer-Herzig wollte zurück in seinen Beruf. Und so bekam er 1995 die Pfarrstelle in Potsdam-West, zwei Wochen vor Einstellungsstopp, da hatte er wirklich Glück, sagt er.

Am gestrigen Freitag bekam Konrad Elmer-Herzig den Verdienstorden des Landes Brandenburg verliehen. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) persönlich hatte ihn dafür vorgeschlagen – Woidke lernte ihn während seiner Zeit als Studentenpfarrer kennen. Vor allem jedoch freut sich Elmer-Herzig über die Auszeichnung, weil damit an die erste Garde der friedlichen Revolution in der DDR erinnert werde. „Und bitte sagen Sie nicht Wende, das ist eine Wortschöpfung der damaligen SED-Führungsriege, der sollten wir damit kein Denkmal setzen.“

 

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