Potsdam : Der große Helfer

Kaum war Manfred Hildenbrand aus Potsdam im Ruhestand, ließ der Offizier in Reserve sich auf Auslandseinsätze schicken. Besonders half er in Afghanistan beim Wiederaufbau.

Anne-Kathrin Fischer
Manfred Hildebrand ist 77 Jahre alt und stammt aus Stuttgart. Nach der politischen Wende kam er als Aufbauhelfer nach Potsdam.
Manfred Hildebrand ist 77 Jahre alt und stammt aus Stuttgart. Nach der politischen Wende kam er als Aufbauhelfer nach Potsdam.Foto: A. Klaer

Terroranschläge der Taliban, Gewalt, Drogenanbau, eine schlechte Regierung, Missbrauch von Frauen – aus Afghanistan hört man selten Gutes. Das ärgert Manfred Hildenbrand. Er findet die Berichterstattung einseitig. Da sei es kein Wunder, dass die Menschen in Deutschland ein überwiegend negatives Bild von Afghanistan hätten. Hildenbrand dagegen kann auch viel Positives über das krisengeschüttelte Land erzählen.

Der Potsdamer sitzt auf dem Sofa in seiner gemütlichen Wohnung in Babelsberg. Oft war der 77-Jährige hier in den vergangenen Jahren nicht anzutreffen. Der Diplomingenieur und Pionier-Stabsoffizier der Reserve der Bundeswehr reiste mehrmals nach Afghanistan, um dort Bauvorhaben zu überprüfen und zu begleiten. „In meinem Zivilberuf war ich Architekt und Stadt- und Regionalplaner“, sagt Hildenbrand. Nach Potsdam kam der gebürtige Stuttgarter 1991, kurz nach der politischen Wende. Zuvor hatte er sich im Rahmen der „Schnellen Aufbauhilfe Ost“ als Referatsleiter im Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung beworben. Dort war er für den Aufbau der Regionalplanung in Brandenburg zuständig und übernahm die Fachaufsicht über die fünf Regionalen Planungsgemeinschaften im Land.

2004 wurde er in den Ruhestand versetzt – drei Jahre später folgte sein erster Einsatz als Technischer Berater der Nato-Behörde Namsa (Nato Maintenance and Supply Agency). „Die suchten dringend einen wie mich“, sagt Hildenbrand. Was ihn qualifizierte? 1962 bis 1999 absolvierte Hildenbrand berufsbegleitend 80 Wehrübungen bei der Bundeswehr. Mit dem damit erreichten Dienstgrad war er Oberst der Reserve. Somit galt er als idealer Kandidat: Mit dem Militär in Führungsfunktionen vertraut, vom Baufach, längerfristig verfügbar, auslandserfahren, gesundheitlich belastbar und der englischen Sprache mächtig.

„Als mir die Chance zum Auslandseinsatz geboten wurde, habe ich sofort ja gesagt“, sagt Hildenbrand. 2007 verbrachte er sechs Monate im deutschen Feldlager Marmal bei Mazar-e-Sharif im Norden Afghanistans, wo er bei mehreren Bauprojekten für die Bauaufsicht und Qualitätskontrolle zuständig war. Es baute eine türkische Firma, sie hatte die Ausschreibung innerhalb der Nato-Staaten gewonnen. „Ich hatte darauf zu achten, dass die Bauprojekte fristgerecht und deutschen Qualitätsstandards entsprechend fertiggestellt werden“, so Hildenbrand.

Das wichtigste Projekt, das unter seiner Aufsicht fertiggestellt wurde, war das Maingate – das Haupttor mit Wachgebäude des Bundeswehr-Feldlagers Marmal. „Das ist ein außerordentlich komplexes Bauwerk mit viel Technik“, erklärt er. Fahrzeuge von Besuchern beispielsweise können nicht direkt ins Lager fahren, sondern müssen aus Sicherheitsgründen zur Überprüfung mehrere Schleusen durchlaufen, ehe sie ins Innere gelangen. Eine weitere Herausforderung war die Verlegung von 14 Kilometer langen, unterirdischen Rohren mit insgesamt 90 begehbaren Verteilerschächten für elektrische Telefonleitungen und Glasfaserkabel.

Nicht immer habe er sich Freunde gemacht, wenn er penibel auf die Einhaltung von Qualitätsstandards oder Fristen gepocht habe, sagt Hildenbrand. Doch sein Einsatz habe sich gelohnt: Seit der Errichtung des Maingates habe es keine schwerwiegenden Anschläge mehr gegeben – ganz im Gegensatz zu der Zeit davor, wie der Bauaufsichtsleiter betont.

2012 kam die nächste Anfrage für einen Auslandseinsatz. Es wurde ein Technischer Berater und Projektleiter für die Errichtung einer niederländischen Kaserne auf dem Erweiterungsgelände des deutschen Feldlagers in Kunduz gesucht. „Offensichtlich hatte die Namsa gute Erfahrungen mit mir gemacht“, sagt Hildenbrand. Während dieses Einsatzes lernte er den Leiter der Bauabteilung Kunduz der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) kennen. Dieser fragte ihn, ob er im Bedarfsfall für eine Mitarbeit zur Verfügung stehe. „Ich war keine drei Wochen zuhause, da rief er an“, sagt Hildenbrand – und muss lachen. Von 2013 bis 2015 war er mehrmals für die GIZ in Kunduz und beaufsichtigte den Bau ziviler Einrichtungen. Diesmal handelte es sich um Infrastrukturmaßnahmen, die im Auftrag des Bundesentwicklungsministeriums und des Auswärtigen Amtes realisiert wurden. „Das Land hat jahrzehntelang nur Krieg und Bürgerkriege erlebt, da ist so viel zerstört worden.“ Es wurden Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Gebäude für die öffentliche Verwaltung, Sport- und Spielanlagen, Straßen und Brunnen und vieles Weiteres neu oder wiederaufgebaut.

Ein Anliegen der GIZ sei, dass die deutschen Experten beim Bau der Einrichtungen afghanische Mitarbeiter fachlich anleiten. „Damit sie selbst mal etwas bauen können, wenn wir nicht mehr da sind“, erklärt Hildenbrand. „Wir haben alle sehr gute Erfahrungen mit den afghanischen Kollegen gemacht“, lobt er. „Sie waren immer aufgeschlossen, lernbereit, dankbar und hochmotiviert, sodass ich mir auch gar keine Gedanken mache, dass sie es nicht ohne uns schaffen werden.“ Mittlerweile beschränken sich Hildenbrands Einsätze nicht mehr nur auf Afghanistan. In diesem Jahr war er fast vier Monate in Dohuk in der autonomen Region Kurdistan im Irak. Im Juli kam er nach Potsdam zurück.

Lange stillsitzen wird er sicher nicht: Anfang Oktober beschloss die Geberkonferenz in Brüssel eine weitere Finanzhilfe für Afghanistan in Höhe von 15,2 Milliarden US-Dollar. Im Gegenzug wurde gefordert, dass afghanische Flüchtlinge aus den EU-Staaten in ihr Heimatland zurückkehren können. „Es gibt zwar immer noch die Taliban, aber auch erste Erfolge bei Friedensverhandlungen mit ihnen“, sagt Hildenbrand. „Ich teile die Einschätzung, dass Afghanistan in weiten Teilen mittlerweile ein sicheres Land ist.“ Die strukturellen Verhältnisse hätten sich durch die Entwicklungshilfe bereits deutlich verbessert, das Land brauche aber weitere Unterstützung von außen. Es fehle vor allem an Investoren, die den vielen jungen Afghanen eine Perspektive bieten und die wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen.

Auch wenn das Telefon nicht klingelt – Hildenbrand ist keiner von denen, die sich im Ruhestand langweilen. „Mir war es nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben noch keinen Tag langweilig“, stellt er klar. So ist er noch heute Mitglied der Landesgruppe Brandenburg des Reservistenverbandes, deren ehrenamtlicher Vorsitzender er 17 Jahre lang war und die er mitgegründet hat. Er engagiert sich als Leiter von alljährlich stattfindenden Begegnungen unter dem Leitmotiv „Völkerverständigung und Versöhnung“. Seit vielen Jahren ist er Mitglied im Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Außerdem ist er Vertreter der Potsdamer CDU/ANW-Fraktion im Seniorenbeirat und engagiert sich in der Fördergesellschaft für den Wiederaufbau der Garnisonkirche. „Von den 22500 Unterschriften habe ich allein 5000 gesammelt.“

Und dann gibt es da noch dieses eine Anliegen: Hildenbrand will so oft wie möglich zeigen, dass es auch viel Positives aus Afghanistan zu berichten gibt. Seit fünf Jahren hält er in Berlin und Brandenburg Dia-Vorträge über seine Auslandseinsätze, zeigt Fotos, berichtet von fröhlichen und dankbaren Menschen.

Am heutigen Dienstag hält Manfred Hildenbrand um 18 Uhr einen Vortrag in der Nagelkreuzkapelle in der Breiten Straße 7. Der Eintritt ist frei

 

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