• Potsdam: Bewegung im Dauerstreit um die Garnisonkirche

Potsdam : Bewegung im Dauerstreit um die Garnisonkirche

Neuer Dialog zwischen Garnisonkirche-Befürwortern und Aufbau-Gegnern – und weitere Protestaktionen mit Musik und viel Spott.

Musik gegen den Wiederaufbau. Am gestrigen 85. Jahrestag des „Tags von Potsdam“ protestierten einige Gegner mit Musik an der Garnisonkirchenbaustelle und später im Hauptbahnhof. Weil die Aktion unangemeldet war, ermittelt nun die Polizei.
Musik gegen den Wiederaufbau. Am gestrigen 85. Jahrestag des „Tags von Potsdam“ protestierten einige Gegner mit Musik an der...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Vertreter der Fördergesellschaft und der Stiftung zum Wiederaufbau des Gotteshauses sowie der dort angesiedelten Nagelkreuzgemeinde werden am morgigen Freitag mit den Kritikern aus der Martin-Niemöller-Stiftung zusammenkommen, um inhaltliche Gegensätze in Bezug auf das Großprojekt zu erörtern. Der Chef des Fördervereins, der Potsdamer Verwaltungsrechtler Matthias Dombert, sagte jetzt auf PNN-Anfrage, es gelte auch hier, dass es besser sei, „miteinander als übereinander zu reden“. Schließlich wolle die Niemöller-Stiftung nach ihrem Anspruch Feindbilder abbauen, wie Dombert sagte: „Ich möchte die vorhandenen Gräben zwischen uns verkleinern“.

Doch die Gegensätze sind groß. Seit Monaten übt sich die 1977 im Zuge der Friedensbewegung gegründete Niemöller-Stiftung mit Sitz in Wiesbaden in grundsätzlicher Kritik an dem Wiederaufbau an der Breiten Straße. Unter anderem würde das aktuelle Konzept die Geschichte der früheren Militärkirche verfälschen, zudem sei für die geplante Versöhnungsarbeit viel zu wenig Geld eingeplant. Seit Jahren wird schon über den im vergangenen November begonnenen Wiederaufbau des Garnisonkirchenturms gestritten – Gegner befürchten unter anderem, wegen der Geschichte des Baus könnte ein Wallfahrtsort für Neonazis entstehen. Die Befürworter planen in dem Turm ein Versöhnungszentrum, in dem Lehren aus der Geschichte gezogen werden sollen – gerade in Bezug auf den Nationalsozialismus. Allerdings hatte die Stiftung Anfang Januar auch versöhnlichere Töne angeschlagen: Man begrüße das angebotene Gespräch – allerdings müsse es einen „Neustart der inhaltlich-konzeptionellen Arbeit und eine intensivere Auseinandersetzung mit der Rolle der ehemaligen Garnisonkirche, vor allem während der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus“ geben. Die Stiftung hatte erst am Montag bestätigt, es gebe bisher noch gar kein Konzept zum Umgang mit der NS-Zeit und dem Tag von Potsdam. Derzeit sei ein Historiker damit beauftragt, für den Internetauftritt der Kirche den Forschungsstand zum Thema auszuwerten (PNN berichten).

Das nun anberaumte Gespräch zwischen den Beteiligten fügt sich denn auch aus Sicht des Vereinsvorsitzenden Dombert in die gegenwärtig laufende „Akzentuierung der konkreten Friedens- und Versöhnungsarbeit von Stiftung und Fördergesellschaft ein“. Letztere plane die Arbeit mit Schulklassen, Workshops und Gesprächsreihen – was auch jetzt vor Ort in kleinerem Umfang praktiziert wird. Das Konzept wolle sich der Versöhnungsarbeit auf mehreren, unterschiedlichen Ebenen widmen, so Dombert. Es soll dabei auch um Versöhnung innerhalb der Stadtgesellschaft gehen – aber etwa auch um den Versuch, sich thematisch mit der Überwindung von Gräben zwischen Stadt- und Landbevölkerung zu befassen – was nach den Worten Domberts auch in der Region Berlin und Brandenburg durchaus ein Thema sei. Auf internationaler Ebene seien Gespräche mit Vertretern der Zivilgesellschaft in Russland oder Weißrussland angestrebt, um so der „Entfremdung zwischen den Bürgern verschiedener Nationen entgegenzuwirken“.

Bereits in der Projektvorstellung der Stiftung zur Kirche im Internet heißt es, das Bauwerk solle „zu einer Bürgerkirche, zu einem Ort der Friedens- und Versöhnungsarbeit und der (Bewusstseins-)Bildung werden“, genutzt als „Symbolkirche und Erinnerungsort“. In Zusammenarbeit mit vielen Partnern aus Wissenschaft, Forschung und Kultur wolle man die unterschiedlichen Bezüge der wechselvollen Geschichte aufarbeiten und vermitteln. So gilt die Kirche als Zeichen des preußischen Militarismus und war während des Nationalsozialismus vereinnahmt worden, gerade auch durch den „Tag von Potsdam“ 1933. „Kaum ein kirchlich geprägter Ort in Deutschland ist so intensiv mit Aufstieg und Fall, menschlicher Leistung und Versagen behaftet wie diese Kirche“, heißt es von der Stiftung weiter. Daher sei die Kirche gerade geeignet, „die Spur unserer Geschichte zurückzuverfolgen, zu analysieren, daraus zu lernen, sie aber auch mit ihren Katastrophen anzunehmen“. Und: „In dieser Kirche können wir alle gemeinsam unser Gewissen schulen.“

Die Gegner sehen das anders. Am gestrigen Mittwoch, an dem sich der „Tag von Potsdam“ 1933 zum 85. Mal jährte, kam es an der Baustelle zu einem unangemeldeten Protest gegen den Wiederaufbau. Die Teilnehmer sangen und musizierten und sperrten dabei teilweise aber auch den Zugang zur Baustelle. Das rief die Polizei auf den Plan. Die Personalien aller 14 Teilnehmer seien aufgenommen worden – einer musste dafür zwischenzeitlich in Handschellen genommen werden, weil er fliehen wollte, wie die Polizei mitteilte. Da die Versammlung nicht angemeldet war, aber wegen der Plakate vorbereitet schien, bestehe der Verdacht auf einen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz. Ermittelt werde außerdem wegen Nötigung, so die Polizei. Acht Teilnehmer wollten offenbar wenig später im Hauptbahnhof Plakate aufhängen, erneut wurde die Polizei alarmiert. Die Demonstranten erhielten Hausverbot und eine Anzeige wegen Hausfriedensbruches.

Im April ist eine weitere Protestaktion geplant – und es schwingt viel Spott mit. Ein neu gegründetes „Komitee für preußische Leichtigkeit“ lädt in den sozialen Netzwerken zur „Größten Massenversöhnung aller Zeiten“ am Samstag, den 14. April, ab 10 Uhr auf dem Alten Markt. Im Aufruf heißt es: „Das große Festival der politischen Beliebigkeit. Inspiriert vom Garnisonkirchenversöhnungsallerlei bieten wir allen Menschen, die gutwillig und lebensfroh sind, die Chance, sich mit irgendwem und irgendwas zu versöhnen.“ Auf einer Werbung für den Aufzug sind Adolf Hitler, Altbischof und Garnisonkirchen-Wegbereiter Wolfgang Huber sowie der frühere DDR-Staatsratschef Walter Ulbricht zu sehen, der die 1945 bei einem Bombenangriff zerstörte Kirche 1968 sprengen ließ. Dazu kommt der Spruch: „Seit 5.45 Uhr wird zurückversöhnt“ – ein Bezug zu der bekannten historischen Lüge Adolf Hitlers („Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“), mit der er den Angriff auf Polen am 1. September 1939 rechtfertigen wollte. Das selbst ernannte Komitee hatte zuletzt im Internet eine satirische Kollage mit der prominenten Garnisonkirchen-Befürworterin Katarina Witt veröffentlicht – unter dem Titel: „Vorsicht vor unseriösen Spendensammlern“.

Zudem laden Wiederaufbaugegner der neuen evangelischen Profilgemeinde „Die Nächsten“ für den heutigen Donnerstag zu einer Andacht auf dem Alten Markt und ab 19.30 Uhr zu einer Debatte: „Garnisonkirche der Nation – Gesegnete Kriege vor 1933“ im Alten Rathaus. 

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