• Potsdam-Babelsberg: Wenn Boote fliegen

Potsdam-Babelsberg : Wenn Boote fliegen

Ein Babelsberger Start-up stellt Hightech-Segeljachten und Zubehör her. Nur sechs Monate nach der Gründung exportiert es bereits weltweit und hat einen Innovationspreis gewonnen.

Gebogener Erfolg. Wie ein flacher Stoßzahn sieht das steuerbare Foil aus, mit dem die Gründer Catarina Jentzsch und Thilo Keller Segelbooten zu mehr Geschwindigkeit verhelfen.
Gebogener Erfolg. Wie ein flacher Stoßzahn sieht das steuerbare Foil aus, mit dem die Gründer Catarina Jentzsch und Thilo Keller...Foto: A. Klaer

Babelsberg - Wie ein abgeflachter Stoßzahn sieht das Teil aus, wiegt zwei Kilogramm, und kann ein Boot zum Fliegen bringen. Auf diesem sogenannten Foil beruht die Geschäftsidee des Start-ups von Catarina Jentzsch und Thilo Keller in Babelsberg. Seit einem halben Jahr gibt es die Firma, und schon die ersten Stücke exportierten sie in alle Welt. Erst in der vergangenen Woche ging ein Paket nach Australien, berichten die beiden in ihrer Werkstatthalle, umgeben von Booten und Einzelteilen. Vor zwei Wochen wurde die junge Firma für ihr Kontrollsystem der Foils mit einem Entwicklerpreis der Branche, dem Foiling Week Innovations-Award, ausgezeichnet.

Als Foiling wird ein wichtiger Trend im Segelsport bezeichnet. Mithilfe zweier Tragflächen, Foils genannt, nutzt das Boot bei hoher Geschwindigkeit den Auftrieb und gleitet nur noch auf den Flügeln. Der Rumpf berührt das Wasser nicht, durch den geringeren Widerstand schießen die Boote mit bis zu dreifacher Windgeschwindigkeit über Meer oder See. Bisher war Foiling Profis vorbehalten. Die weltbekannte Regatta „America’s Cup“ wurde 2013 erstmals mit foilenden Katamaranen ausgetragen.

Thilo Keller ist selbst Segler – und studierter Schiffbauingenieur. Als der Tüftler die fliegenden Boote getestet hatte, wollte er sich auch eins bauen. „Erst einmal nur für mich selbst, ich habe damals überhaupt kein Geschäft im Kopf gehabt“, sagt Keller. Der 30-Jährige hatte schon im Studium Boote gebaut, damals noch in der elterlichen Garage in Berlin.

Drei Jahre bastelte er an dem System. Sein Anspruch: Es sollte rein mechanisch steuerbar sein, ohne anfällige Elektronik, sich automatisch regulieren und bei niedrigerer Windgeschwindigkeit funktionieren. Kurz gesagt: für den Durchschnittssegler bedienbar und gewissermaßen „idiotensicher“, wie er es ausdrückt.

Seine Freundin, Catarina Jentzsch, ebenfalls Seglerin, erklärt, die Segler wollten alle fliegen, aber es sei bisher zu anspruchsvoll gewesen. „Auf den Booten der A-Cat-Klasse hat man als Segler sowieso schon drei Leinen und das Steuer. Wenn für das Foilen noch zwei Leinen dazukommen, wird es sehr komplex“, sagt die 32-Jährige. Mit der Technik, die Keller entwickelte und die seit Ende 2016 serienreif und mittlerweile patentiert ist, geht es ohne zusätzliche Leinen. „Hightech, aber einfach“, kommentiert Jentzsch. Bald flog Keller mit 50 Kilometern pro Stunde über den Wannsee.

Im Juni dieses Jahres ging es dann plötzlich ganz schnell. Jentzsch und Keller waren bei der Foiling Week, einem internationalen Branchentreffen der Bootsflieger am Gardasee. Dort wurde der australische Rekordsegler Paul Larsen auf Kellers Boot aufmerksam, schaute sich die Konstruktion an und ging an Bord. Er rief die Organisatoren der Foiling Week dazu, so erzählen es Keller und Jentzsch. Dort entstand dann ein Video, ein Interview mit Keller, per Facebook übertragen. Diesem Video verdanken die beiden wohl einen großen Teil ihrer Bekanntheit in der Branche: Über 16 000 Mal wurde es angeklickt. Schon vor Ort sprachen die ersten Segler sie an, danach kamen Anfragen von Designern und Ingenieuren, ob man das System auch für andere Bootstypen umbauen könnte.

Mit Gründerförderung von Bund und EU riefen die beiden Potsdamer im Juni ihre Firma AST – Advanced Sailing Technologies GmbH – ins Leben. Hilfe bekamen sie von der TU Berlin, ein Professor für Strömungslehre ist ihr Mentor. Ihre Halle suchten sie aber in Potsdam, hier gründeten sie auch die Firma. „Die Förderlandschaft in Brandenburg ist besser als in Berlin“, sagt Jentzsch. Dazu komme die Nähe zum Segelstandort Wannsee.

Noch ist die Firma klein: drei Leute, neben den beiden Gründern noch ein Bootsbauer, den Keller bei einer Regatta kennenlernte – unter der Dusche. Er und Keller arbeiten an den Teilen und den Booten. Jentzsch, die ursprünglich in Babelsberg Film- und Fernsehproduktion studiert und mit ihrem Film „Nach Wriezen“ sogar einen Grimme-Preis gewonnen hat, kümmert sich um Buchhaltung und Vertrieb. Sie suchen noch weitere Bootsbauer, aber Fachkräfte sind rar. Sie erwägen zudem, auch einen Teil der Produktion auszulagern, um die Kosten niedrig zu halten. Größter Konkurrent im Bereich Bootsbau seien die Polen, so Keller.

Fast alles bei AST ist Handarbeit, 60 Stunden ackern die Gründer pro Woche. Die Foils sind aus Kohlenstofffaser. Die Faserbänder werden mit flüssigem Kunstharz getränkt, dann in eine Form gelegt und unter Vakuum gepresst und gebacken. Sechs bis acht der Foiling-Sets haben sie bisher verkauft. Abhängig vom Umfang kostet das Umrüsten eines Segelboots auf Foils 8000 bis 10 000 Euro.

Der neue Verkaufsschlager ist eher ein Nebenprodukt: sogenannte Decksbeläge, Schaumstoff, der auf das Boot geklebt wird, damit der Segler nicht ausrutscht. Seit zwei Monaten bieten die Gründer diese an, seither seien jeden Tag ein oder zwei Bestellungen im Postfach, so Jentzsch. „Wir haben da wohl einen Nerv getroffen.“ Bei Bootsmessen ziehen sie damit von Stand zu Stand, sprechen mit Werftbetreibern oder Bootshändlern.

Das nächste größere Projekt, in das Keller derzeit am meisten Zeit steckt, ist eine Jolle mit Foils. Ein Boot, wie er es bisher ausgestattet hat, kostet segelfertig stolze 35 000 Euro. Die Jolle, ein kleines, flaches Segelboot, soll es mit Foils für weniger als 10 000 Euro geben. Ein Modell aus Holz steht derzeit in der Halle, wird noch verfeinert und soll als Abdruck für die weiteren dienen. 20 Stück wollen sie in diesem Jahr bauen, einige Anfragen gebe es schon. „Angst, dass es nicht läuft, haben wir nicht, eher, dass wir nicht hinterherkommen mit der Produktion“, sagt Jentzsch.

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