Potsdam : Ausgegrabene Dekadenz

Archäologen förderten Reste des einstigen Prunks aus den Fundamenten des Palast-Hotels zutage. Wichtigere Entdeckungen erhoffen sie sich aber auf dem Grundstück des Palastes Barberini.

Beackerter Boden. 3500 Quadratmeter Fläche sollen die Archäologen durchwühlen. Aus dem Schutt des Palast-Hotels wurden Einrichtungsgegenstände geborgen, etwa Porzellanhunde, eine Tasse mit Hakenkreuz und alte Ofenkacheln aus dem 17. oder 18. Jahrhundert.Alle Bilder anzeigen
05.06.2012 23:20Beackerter Boden. 3500 Quadratmeter Fläche sollen die Archäologen durchwühlen. Aus dem Schutt des Palast-Hotels wurden...

Innenstadt - Es sind nur wenige Stücke, doch lassen sie den einstigen Luxus erahnen: Eine Glasvase von Émile Gallé, einem berühmten französischen Jugendstilkünstler, Geschirr aus der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin, edles Silberbesteck. Und nicht zuletzt ein kleiner Schatz aus Kupfermünzen, mit einer dicken Kruste aus Grünspan überzogen. Ohne jede Kaufkraft freilich, auch damals schon. Doch konnte man mit den Münzen in der Spielbank des Palast-Hotels ganz bestimmt die eine oder andere echte Reichsmark erzocken.

Bevor ab 2013 an der Alten Fahrt die historische Bebauung wiederersteht, gehört das Areal zwischen Schlossbaustelle und Havel den Archäologen. In wenigen Wochen haben sie ein Panoptikum kaiserzeitlicher und bourgeoiser Dekadenz aus den freigelegten Fundamenten des Palast-Hotels gebuddelt. Am gestrigen Dienstag wurden die bisherigen Funde der Öffentlichkeit präsentiert. Allein die Zahl hat die Fachleute überrascht: „Ich hatte eigentlich erwartet, dass alles längst ausgeräumt ist“, sagte Grabungsleiterin Nicola Hensel. Spektakuläres ist aus Expertensicht nicht dabei, doch zeichnen die Stücke ein recht eindrucksvolles Bild davon, wie mondän es seinerzeit im ersten Haus am Platze zuging. Spätbarocke Möbelbeschläge aus Kupfer zeugen von der edlen Einrichtung, ebenso eine schwere Kugel aus geschliffenem Kristall, die einst einen Kronleuchter zierte.

Ein paar Schritte weiter, auf den Grundstücken Humboldtstraße 3 und 4, haben die Archäologen weitaus Älteres aus dem Boden geholt. Laut Hensel verlief hier einst ein hölzerner Kanal, der vom Stadtschloss aus in die Havel führte. In dem alten Bett fanden sich Ofenkacheln aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, auch Stücke von Tonpfeifen aus dem 17. Jahrhundert wurden zutage gefördert.

Weitaus Spektakuläreres versprechen sich die Archäologen indes vom Untergrund des früheren Palastes Barberini. Derzeit entfernen Bagger die Grasnarbe, in den nächsten Tagen soll auch hier losgegraben werden. Auf dem Gelände des früheren Innenhofes hofft Hensel, weitere Zeugnisse der mittelalterlichen Stadt Potsdam zu finden. Zu erwarten seien auch Funde aus der Steinzeit und Hinterlassenschaften aus der Zeit der slawischen Siedlung. Deren befestigte Burg reichte bis zum Alten Markt, auch ein bereits bei früheren Grabungen in der Burgstraße entdecktes Gräberfeld könnte laut Hensel auf den Grundstücken der Brauerstraße 1-3, also neben dem Alten Rathaus, wieder auftauchen.

Insgesamt 3500 Quadratmeter wollen die Archäologen untersuchen, ein gutes Drittel haben sie bereits geschafft. Bis Ende September sollen die Ausgrabungen beendet sein. Wobei sich der Aufwand erhöht, „je näher wir zum Alten Markt kommen“, sagte Stadtarchäologin Gundula Christl. Nach dem Abschluss der Grabungen haben die Archäologen ein ebenso komplettes wie detailliertes Bild der einzelnen Siedlungsepochen im Herzen Potsdams. „Ich glaube nicht, dass es in Deutschland noch eine Stadt gibt, in der der mittelalterliche Siedlungskern so umfassend erforscht wurde wie in Potsdam“, erklärte Joachim Wacker, der beim Landesamt für Denkmalpflege für Potsdam zuständig ist.

Eine Auswahl der besten Fundstücke haben die Archäologen bereits dem Archäologischen Landesmuseum übergeben. Denn nach dem brandenburgischen Denkmalrecht gehört alles, was an geschichtlichen Funden aus dem Boden gegraben wurde, dem Land. Sollte aber das Potsdam-Museum Interesse zeigen, Fundstücke in einer eigenen Ausstellung zu zeigen, können sie beim Landesmuseum ausgeliehen werden, sagte Wacker.

Im Frühjahr 2013 soll dann an der Alten Fahrt gebaut werden. Der Sanierungsträger rechnet damit, dass demnächst die ersten Bauanträge gestellt werden.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!