• Was aus den Willkommensschülern wurde: Zeinabs Sehnsucht

PNN-Serie: Was aus den Willkommensschülern wurde : Zeinabs Sehnsucht

Über die Willkommensklasse der Potsdamer Da-Vinci-Gesamtschule haben die PNN schon oft berichtet. Nun wollten wir wissen, wie es für die Schüler danach weiterging und haben einige von ihnen aufgespürt. Heute: Zeinab Hussein aus Syrien.

Zeinab will studieren, bei ihren Noten wird das auch kein Problem sein.
Zeinab will studieren, bei ihren Noten wird das auch kein Problem sein.Foto: Ottmar Winter/PNN

Wenn man Zeinab sprechen hört, braucht man sehr lange, bis man merkt, dass Deutsch nicht ihre Muttersprache ist. Die 19-Jährige redet tatsächlich völlig akzentfrei, es ist höchstens mal ein Artikel oder eine Satzstellung, bei der sie ins Stocken gerät. Und das, obwohl sie erst seit drei Jahren in Deutschland ist. Und eigentlich auch lieber ganz woanders wäre. Aber der Reihe nach.

Sieben oder acht Jahre alt war Zeinab erst, als sie ihre syrische Heimat verließ. Gemeinsam mit ihrer Familie ging sie aus dem kurdischen Qamischli im Norden des Landes in die Türkei. Erst lebten sie nahe der Grenze zu Syrien, dann mehrere Jahre in Istanbul. „Das ist auch der Grund, warum ich zwar Kurdisch und Türkisch kann, aber kaum Arabisch“, sagt sie.

In Istanbul fühlte sich Zeinab sehr wohl, sie war dort auf der Schule, hatte viele Freundinnen und einen Freund. Doch dann entschied die Familie, dem Vater nach Deutschland zu folgen – Ende 2015 kamen Zeinab, ihre Mutter und ihre drei Geschwister zu ihm nach Potsdam. „Er wollte, dass wir wieder wie eine richtige Familie zusammenleben“, sagt Zeinab. Natürlich ging sie mit.

Zu sechst in einer Ein-Zimmer-Wohnung

Die ersten eineinhalb Jahre lebten die Husseins zu sechst in einer Ein-Zimmer-Wohnung, 2017 fanden sie endlich eine Bleibe mit vier Zimmern Am Schlaatz. Dort teilt sich Zeinab nun ein Zimmer mit ihrer neunjährigen Schwester, das andere Kinderzimmer bewohnen ihre 13 und 18 Jahre alten Brüder. Klar, ein Zimmer für sich alleine wäre noch besser, räumt sie lächelnd ein. Aber eigentlich verstehen sie sich gut und im Vergleich zu vorher ist die Verbesserung enorm.

Zu Hause ist nicht viel Platz, deshalb ist Zeinab oft in der Stadt-und Landesbibliothek.
Zu Hause ist nicht viel Platz, deshalb ist Zeinab oft in der Stadt-und Landesbibliothek.Foto: Ottmar Winter/PNN

Mit der deutschen Sprache hatte Zeinab vor ihrer Ankunft in Potsdam nichts zu tun, sie sprach kaum ein Wort. Daher kam sie anfangs in die Willkommensklasse an der Da-Vinci-Gesamtschule. Dort merkten die Lehrer schnell, dass sie besonders begabt ist und förderten Zeinab – unter anderem, indem sie ihr vorschlugen, den Mathe-Club am Helmholtz-Gymnasium zu besuchen. Doch als sie nach einem halben Jahr dort auch in die Regelklasse gehen wollte, taten sich zunächst Hürden auf. „Als syrische Kurden hatten wir keine Staatsangehörigkeit“, erklärt Zeinab. Deshalb habe man sie zunächst abgelehnt. Doch dann bekam sie Unterstützung aus dem Schulamt und schließlich im Herbst 2016 einen Platz am angesehenen Helmholtz-Gymnasium.

Zeinab bekommt ein Schülerstipendium

Auch an der Schule wurde die besondere Auffassungsgabe des Mädchens bald erkannt, so dass die Direktorin ihr die Bewerbung für das Schülerstipendium „Grips gewinnt“ der Joachim Herz Stiftung empfahl, das sich an leistungsstarke Schüler mit finanziellen, sozialen oder kulturellen Schwierigkeiten richtet. „Es haben sich 1000 Schüler beworben und nur 200 wurden genommen“, erzählt Zeinab nicht ohne Stolz. 

Seitdem bekommt sie monatlich 150 Euro, kann an Seminaren teilnehmen oder die Beratung in Anspruch nehmen. Sie ist sogar so etwas wie eine Vorzeige-Stipendiatin der Stiftung geworden. Gemeinsam mit einem Jungen aus Wismar ist Zeinab das Gesicht des aktuellen Imagefilms für „Grips gewinnt“.

Ihre wichtigsten Unterstützer: Wilfred und Helma

Doch die wichtigste Unterstützung bekam Zeinab nicht von Lehrern oder der Stiftung, sondern von Wilfred. Den 75-jährigen Potsdamer hatte Zeinab über dessen Frau kennengelernt, Helma. Sie arbeitete in der „Schatztruhe“ der Arbeiterwohlfahrt Am Schlaatz, einem Sozialkaufhaus, wo Zeinab eines Tages etwas besorgen wollte. Bei dieser Gelegenheit kam sie mit der Dame ins Gespräch – und folgte ihrer Einladung nach Hause. 

Seit diesem Tag ist Zeinab fast jeden Tag bei Helma und Wilfred. „Anfangs hat Wilfred mit mir jeden Tag Deutsch geübt“, sagt sie. Dann fing er auch an, ihr bei den Hausaufgaben oder der Vorbereitung von Referaten zu helfen. Der 75-Jährige hat laut Zeinab Physik und Elektrotechnik studiert und kennt sich außerdem hervorragend mit Geschichte aus. Das einzige Fach, in dem Wilfred der jungen Zeinab nicht weiterhelfen konnte, war Englisch. Deshalb ist sie jede Woche mittwochs bei einer Bekannten von Wilfred und Helma zur Englisch-Nachhilfe. Wilfred und Helma sind wie Großeltern für mich“, sagt Zeinab. Auch ihre Familie kennt die beiden mittlerweile gut.

Nicht alle Mitschüler begegnen Zeinab positiv

Trotz aller Unterstützung: den Wechsel von der Willkommensklasse in die reguläre Gymnasialstufe war auch für Zeibab schwer, wie sie sagt. „Auf einmal können die Lehrer keine Rücksicht mehr nehmen“, sagt sie. Ihr sei es am Anfang oft peinlich gewesen, wenn sie etwas nicht verstanden habe. Deshalb sei sie auch sehr zurückhaltend gewesen.

Die neuen Mitschüler hätten sie unterschiedlich aufgenommen. „Manche waren sehr nett zu mir“, sagt sie. „Aber es gibt auch welche, die ein Problem damit haben, dass ich Migrationshintergrund habe.“ Mehr will sie dazu nicht sagen, ein unangenehmes Thema. 

Zeinab sehnt sich nach Istanbul

Überhaupt scheint das der einzige Haken an Zeinabs unglaublicher Erfolgsgeschichte zu sein: sie hat noch keine richtig engen Freunde gefunden – von Wilfred und Helma abgesehen. Vor allem deshalb sehnt sich die 19-Jährige wohl immer noch nach Istanbul zurück. 

Ihre Eltern setzen alle Hoffnung darauf, dass ihre Tochter ein gutes Leben in Deutschland haben wird. „Sie sind sehr stolz auf mich, aber sie verlangen auch viel“, sagt Zeinab. „Wenn ich eine Zwei habe, sind sie enttäuscht.“ Das passiert allerdings selten – letztes Schuljahr hatte Zeinab einen Notendurchschnitt von 1,2. Einen akademischen Hintergrund hat sie nicht: Ihr Vater arbeitet als Eisenflechter auf dem Bau, ihre Mutter war Analphabetin, als sie nach Deutschland kam.

Doch Zeinab will studieren, darüber ist sie sich schon seit Jahren im Klaren. Medizin oder Psychologie, da schwankt sie noch. Ein Platz an einer Universität dürfte ihr sicher sein.


Die nächste Folge erscheint am Dienstag. Dann stellen wir Britney Nyarori aus Kenia vor.