• PNN-Serie „Prost, Potsdam!“, Teil 6: Bar Rückholz: Der Drink ist nur der Feenstaub

PNN-Serie „Prost, Potsdam!“, Teil 6: Bar Rückholz : Der Drink ist nur der Feenstaub

Alexander Michel ist Architekt und Barkeeper. Im Rückholz soll für seine Gäste deswegen alles zusammenpassen: Die Bar soll mehr sein, als nur ein Ort zum Trinken


Alexander Michel mixt in der Bar Rückholz.
Alexander Michel mixt in der Bar Rückholz.Foto: Manfred Thomas

Einst schwang hier der Metzger sein Hackebeil, jetzt wird statt des Fleischwolfs nur noch der Barlöffel gedreht: Und zwar von Alexander Michel und seinem Team in der Bar Rückholz. Wer sie betritt, wird sich vermutlich bereitwillig auf eins der knuddeligen Ecksofas plumpsen lassen, die hier zum Verweilen einladen. Man befindet sich in durchaus geschichtsträchtigen Räumen. Alte Kacheln zeugen davon, der Berliner Adolph Pieck verlegte sie Anfang der 1900er Jahre als seine Meisterarbeit. Ohne Fugen. „Das ist wirklich große Kunst“, sagt Barinhaber Michel. 

Die Fliesen sind über 100 Jahre alt.
Die Fliesen sind über 100 Jahre alt.Foto: Manfred Thomas

Steht er nicht hinter dem Tresen, arbeitet er als Architekt und wohl auch deshalb hat er das Rückholz so gut in Szene gesetzt. Ein Architekt war es auch, der das Haus in der Sellostraße nach der Wende übernahm. Da hatte das heutige Rückholz seine Zeit als Metzgerei bereits hinter sich, in der DDR wurde hier die Wäsche des Kiezes gesammelt. Was blieb war der alte Eichenboden, die Fliesen und ein paar Fleischhaken an der Wand, kunstvoll verziert mit Kuh- und Schweinekopf. Heute halten sie ein Glasregal, darunter steht ein Klavier, auf dem im Rückholz bei einem der vielen Themenabende mit Musik, Comedy und Kneipenquiz auch gern gejammt werden darf.

Drinkauswahl auf Spielkarten

Michel übernahm die Bar 2013. Der heute 43-Jährige stand bereits mit 18 Jahren hinter dem Tresen. Während des Studiums in Potsdam war er als Barkeeper überall in Deutschland unterwegs und lernte sein Handwerk noch ganz klassisch bei der Deutschen Barkeeper Union. Von dem verstaubten Image des Vereins ist im Rückholz allerdings nichts zu finden – hier werden die Cocktails spielerisch präsentiert: Die Drink-Auswahl wird in einem Glaskästchen geliefert, in dem Spielkarten liegen – auf ihren Rückseiten finden sich die Muster der alten Fliesen wieder. Auf den Karten zu lesen sind die Ingredienzien der Cocktails. 

French Mule ist eine der Spezialitäten in der Bar Rückholz
French Mule ist eine der Spezialitäten in der Bar RückholzFoto: Manfred Thomas

Besonders gern getrunken wird der Rosmarin Mango Fizz. Auf der Karte stehen aber auch Drinks wie der Berliner Apfelkuchen (Korn, Zitronensaft, Vanillesirup, Rhabarberschorle) oder German Old Fashioned (Asbach 8, Quittengelee, Mozart Bitters, Orangen Bitters), in denen Schnäpse, von denen man sonst lieber die Finger lässt, auf solide Art neue Ehre erwiesen wird. 

Wie zu Zeiten der Prohibition

Seit kurzem werden sie auch in der Küche im hinteren Teil der Bar serviert, die Michel zum Speakeasy umgestaltet hat – wie einst zu Zeiten der Prohibition. Wer hier sitzen will, muss zwar nicht durch eine Geheimtür, sich aber erstmal durch viel roten Samt wühlen. Wer nicht weiß, dass sich etwas hinter dem Vorhang verbirgt, strebt den Weg in die Bar hinter der Bar auch nicht an. Dabei – so meint Michel – finden die besten Partys ja bekanntlich in der Küche statt. 

Wie einst zur Prohibition üblich ist der hintere Teil der Bar versteckt hinter einem Samtvorhang.
Wie einst zur Prohibition üblich ist der hintere Teil der Bar versteckt hinter einem Samtvorhang.Foto: Manfred Thomas

Für ihn ist klar: „Der Drink ist der Feenstaub zu einem guten Gespräch an einem schönen Abend.“ Soll heißen: Der Cocktail muss handwerklich gut sein, soll sich aber bei den Rückholz-Besuchern nicht in den Vordergrund drängen. Das Rückholz sei ein Ort, der Geschichten erzähle – vom Sofa aus den 20er Jahren, dem Tresen aus einem ehemaligen Feinschmeckerlokal in Hamburg bis zum alten Radio in der Ecke, alles Mobiliar, das Michel zusammengesammelt hat. Und auch die Gäste sollen sich hier treffen, um Geschichten zu erzählen, vom 20-Jährigen am Kicker bis zum 70-Jährigen, der sich hier mit alten Schulfreunden trifft. Das Rückholz, so betont Michel, sei ein Abbild der Themen der Zeit in seinem Potsdamer Kiez. Die Drinks sind dabei nur die Kür.

Auch Hund Lotti ist gelegentlich in der Bar.
Auch Hund Lotti ist gelegentlich in der Bar.Foto: Manfred Thomas

Bar Rückholz, Sellostraße 28, montags bis samstags 18 bis 4 Uhr, im Internet: www.facebook.com/bar.rueckholz

+ + + + + + + + +

In unserer Serie "Prost, Potsdam!" testen wir Bars in der Stadt. Bereits vorgestellt haben wir die Bar 54, die Unscheinbar, die Bar Fritz'n, die Bar Gelb und die Bar-O-Meter.

+ + + + + + + + +

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

Autor