• PNN-Serie: Potsdam vor der Bundestagswahl: Wahlkampf mit Aufblashai

PNN-Serie: Potsdam vor der Bundestagswahl : Wahlkampf mit Aufblashai

Ihre Gesichter sind auf Wahlplakaten in ganz Potsdam zu sehen. Doch wer sind die Menschen, die den Wahlkreis vertreten wollen? Die PNN stellen sie vor. Heute: Norbert Müller (Die Linke).

Alexander Fröhlich
Zwischen Filterblase und normalen Leuten. Norbert Müller, kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, hofft auf einen Wiedereinzug.
Zwischen Filterblase und normalen Leuten. Norbert Müller, kinder- und jugendpolitischer Sprecher der Linken im Bundestag, hofft...Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Ihre Gesichter gehören derzeit zum Stadtbild: Die Direktkandidaten, die von ihren Parteien in Potsdam ins Rennen um ein Bundestagmandat geschickt worden sind, haben meist viele Plakate hängen lassen. Das ergibt für den Wähler ein Bild – aber nicht mehr. Wer sind die Menschen, die den Potsdamer Wahlkreis 61 im Bundestag vertreten wollen? Welche Ziele haben sie? Wie kamen sie in die Politik? Was bewegt sie? Um ins Gespräch zu kommen, haben wir die Bewerberinnen und Bewerber von CDU, SPD, FDP, Linke, AfD, Bündnis 90/Die Grünen und der Freien Wähler eingeladen – an einen bewegten Ort: Die PNN-Redakteurinnen und Redakteure gehen mit den Kandidaten auf eine Fahrt mit Tram oder Bus quer durch die Landeshauptstadt. Was sie dabei erfahren, lesen Sie hier.

Heute: Mit Norbert Müller (Die Linke) in der Tram 96 von der Viereckremise bis zur Marie-Juchacz-Straße – und wieder zurück.

Den Mann kennt er schon. Er spricht ihn immer an, wegen des Straßenbaus in Potsdams Norden, wegen der Staus, weil die Pendler Schleichwege nehmen. Gerade ist Norbert Müller aus Fahrland gekommen, wo er mit seiner Frau und den beiden Kindern ein Eigenheim bewohnt, hat seinen Wagen an der Tram-Haltestelle Viereckremise geparkt, im Kofferraum liegen Wahlplakate. Müller hört zu. Später in der Tram wird er sagen: Das Thema ist nicht sein Feld. Zuhören, das muss er trotzdem.

Bei dieser Bundestagswahl kann der 31-Jährige erstmals aus eigener Kraft ein Mandat erringen. Nicht im Wahlkreis. Aber diesmal ist er halbwegs abgesichert. Mit Platz vier auf der Landesliste und nach den Umfragen, die die Linke auf Platz drei sehen, dürfte es klappen.

Markenzeichen Schiebermütze und Kinnbart

Bislang war der Mann, Markenzeichen Schiebermütze und Kinnbart, Nachrücker. 2013 kam er so in den Landtag, 2014 in den Bundestag. Wobei Müller den Ruf als Nachrücker nicht gelten lässt. 2013 bei der Bundestagswahl wäre er fast über die Landesliste mit Platz sechs einzogen. „Es war knapp, nur wenige hundert Stimmen“, sagt er. Auch sein damaliges Erststimmenergebnis, das über das Direktmandat im Wahlkreis 61 entscheidet, findet er beachtlich. 20 Prozent waren das. Wenn man bedenkt, dass er das Erbe von Rolf Kutzmutz, dem Altvorderen der Linken in Potsdam, antrat, der hier Ergebnisse von mehr als 28 Prozent einfuhr.

Potsdam hat sich verändert, sagt Müller. Draußen ziehen die Wohngebiete im Norden der Stadt vorbei. „Die Mieten“, sagt Müller, „sind viel zu hoch.“ Er wolle eine richtige Mietpreisbremse, die auch wirkt gegen Spekulanten und Privatisierungen. Im Wahlkampf hat er einen Aufblashai dabei mit dem Spruch: „Miethaie zu Fischstäbchen“. Müller blickt aus dem Fenster, zeigt auf die Einfamilienhäuser in der Eigenheimsiedlung an der Heinrich-Mann-Allee: „Es geht auch um die Menschen, die da wohnen. Die haben auch zu kämpfen. Die Linke will Wohlstand für alle.“ Und mehr Geld für Kitas vom Bund. Müller ist kinder- und jugendpolitischer Sprecher seiner Fraktion. In Potsdam musste er zwei Mal auf einen Kitaplatz warten. „Wir konnten das ausgleichen, mit der Oma und weil meine Frau ein halbes Jahr nicht gearbeitet hat. Aber andere Familien oder Alleinerziehende, die wegen fehlender Betreuung nicht arbeiten können – das geht nicht.“

Müller hat die Tram-Strecke ausgesucht

Die Tramstrecke hat sich Müller ausgesucht, es passte am besten. Und doch zeigt sich hier, wie sehr sich die Stadt bewegt, welche Probleme drängen. Nach den neuen Wohngebieten, der Innenstadt mit den historisierenden Wiederaufbauten, mit der Fachhochschule, deren Abriss Müller ablehnt, später der Schlaatz, die DDR-Neubaublöcke, Am Stern und Drewitz mit den Nachwende-Mietskasernen.

Die Wohngebiete aus DDR-Zeiten, das sind doch Linke-Gebiete? Müller winkt ab. Hier leben viele Abgehängte, viele, „für die sich die Politik nicht mehr interessiert“ – und die die Politik nicht mehr erreicht. „Die Wahlbeteiligung hier ist schlecht“, sagt Müller. Das soziale Gefälle sei gewachsen, Potsdam sei westdeutscher geworden. Und wie will er da bestehen? „Potsdam ist bunt, seit 30 Jahren“, erklärt der 31-Jährige. Aktive aus der linken Szene von damals hätten Familien, es gibt Nachwuchs. Das habe sich 2016 bei den – auch von Müller angemeldeten – Protesten gegen die rechte Gruppe Pogida gezeigt. Sagt einer, der Mitglied im Verein Rote Hilfe ist, der vom Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft wird. Müller winkt ab, das Thema sei durch, die Aufregung darum vorbei. „Bei den Mitgliederversammlungen habe ich keine Steineschmeißer gesehen, ganz im Gegenteil.“

Müller studiert wieder

Zurück zur Platte. Müller kennt das Leben dort. In Strausberg ist er in seinem solchen Viertel aufgewachsen, wo die Arbeitslosigkeit hoch war. Auch die Familie war betroffen, seine Mutter Lehrerin, der Vater NVA-Offizier, später ohne Job, dann Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, prekäre Beschäftigung. Was Aufbau Ost war, erlebte Müller als Not und Niedergang. Ein kleinbürgerliches Elternhaus nennt es Müller. Egal, wie sich seine Eltern abstrampeln, für großen Wohlstand reicht es nicht. In der Stadt östlich von Berlin wird er früh politisch aktiv, erst bei der Jugendorganisation Solid, mit 16 Jahren tritt er der damaligen PDS bei, demonstriert gegen Bundeswehr-Gelöbnisse. Nach dem Abitur studiert er in Potsdam Geschichte und Lebensgestaltung- Ethik-Religionskunde auf Lehramt. Zu Ende gebracht hat er es nicht. „Noch nicht“, sagt Müller. Wegen der Jobs in der Politik: Geschäftsführer der gewerkschaftsnahen Parteiströmung Sozialistische Linke, Mitarbeiter einer Europa-Abgeordneten, seit 2012 Vize-Landesparteichef. Er sei jetzt wieder eingestiegen ins Studium. Das will er schaffen. „Wenn ich es durchziehe, fehlt nur ein Semester.“

Der Bundestag sei eine Filterblase

Und wenn es nicht klappt? Das mache ihm keine Sorgen. Es finde sich etwas. Ewig im Bundestag bleiben wie andere, das will er nicht. „Die leben in ihrer Filterblase“, sagt Müller. „Du kommst in den Bundestag, die Saaldiener begrüßen dich mit Namen, dir werden die Türen aufgehalten, das mache ich sonst für andere.“ Er sei froh, wenn er nach langen Sitzungstagen nach Hause komme, mit den Nachbarn, denen es weniger gut geht, ein Bier trinken kann. „Normale Leute“, meint Müller. Dann der Garten, Gemüse anbauen, Handarbeit. Das erdet. Müller sagt: „Ich sehe die Gefahr, dass man sich verändert und abhebt.“ Das haben ihm auch andere vorgehalten. Dazu gehört auch die Geschichte mit der Fahrbereitschaft des Bundestags. Die Fraktionsführung im Bundestag ermahnte Müller 2016, weil er sie zu oft genutzt hat zwischen Berlin und dem Umland. Das alles habe ihn nachdenklich gemacht. Er steigt aus der Tram aus, setzt sich ins Auto. Es gibt viel zu tun. Wahlplakate aufhängen.

Das Wahlprogramm: Wofür Norbert Müller steht.

+++ PNN Serie zur Bundestagswahl +++

Als Nächstes erscheint die Folge mit SPD-Kandidatin Manja Schüle 18. September. CDU-Kandidatin Saskia Ludwig hat nicht zugesagt, den PNN für dieses Format zur Verfügung zu stehen.

Mehr zur Wahl, wer in den Bundestag kommen könnte und aktuelle Umfragen gibt es hier.

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