• PNN-Interview zum Vorlesetag: „Vorlesen ist eine Kunstform“

PNN-Interview zum Vorlesetag : „Vorlesen ist eine Kunstform“

Zum bundesweiten Vorlesetag erklärt der Potsdamer Autor Martin Klein, wie er Kinder für Bücher begeistert und warum er Kinderliteratur für unterschätzt hält

Der Vorleser. Martin Klein schreibt Bücher und liest aus ihnen vor. Eine gute Vorbereitung und das Eingehen aufs Publikum sind ihm wichtig.
Der Vorleser. Martin Klein schreibt Bücher und liest aus ihnen vor. Eine gute Vorbereitung und das Eingehen aufs Publikum sind ihm...Foto: Andreas Klaer

Herr Klein, Sie sind nicht nur Kinder- und Jugendbuchautor, sondern lesen auch immer wieder auf Veranstaltungen.

Ja, mindestens 100 Mal im Jahr, das ist schon fast mein zweiter Job (lacht).

Wie funktioniert das perfekte Vorlesen?

Also zunächst muss man das Vorlesen ernst nehmen, das ist nicht irgendwas, sondern eine Kunstform. Auch ich übe die Texte vor jeder Veranstaltung sehr gründlich. Ich glaube aber, das perfekte Vorlesen gibt es nicht, das ist sehr individuell. Zumal die Art des Vorlesens auch immer von der jeweiligen Situation abhängt, da gibt es ja ganz unterschiedliche.

Zum Beispiel?

Nun, zum einen das Vorlesen im privaten Raum. Vielleicht mit ein bis drei Kindern. Da sind die Freiheiten relativ groß. Man kann sich auf die Couch legen oder hinsetzen, alles ist ganz locker. Und der Vorleser bestimmt ganz alleine, wie er liest: langsam, schnell, betont, unbetont. Jeder muss das so machen, wie er es am liebsten mag, dann finden es die Kinder auch gut. Bei Lesungen mit vielen Kindern ist das etwas anders.

Sie meinen in Schulen oder Bibliotheken?

Genau, oft hat man dort 30 bis 50 oder noch mehr Kinder vor sich, da funktioniert das mit dem Lümmeln nicht mehr. Die Kinder müssen dann auf Stühlen sitzen, sonst wird es zu unruhig. Und hier ist es mir wichtig, dass ein interaktiver Part dabei ist. Ich frage die Kinder zwischendurch mal etwas oder sie erzählen einen Satz zu Ende. Das funktioniert gut. Das Schöne bei der Größe von höchstens bis zu 50 Zuhörern ist, dass man das Publikum noch bewusst wahrnimmt und fast jedes Kind mitnehmen kann.

Schaffen Sie es, dass immer alle zuhören?

Nein, bei manchen Lesungen geht es nur darum, lebend wieder rauszukommen (lacht). Natürlich gibt es immer ein paar, die auch mal abdriften, unangenehm wird es dann, wenn ich durchgreifen muss, dann macht es manchmal keinen richtigen Spaß mehr. Die Aufmerksamkeitsspanne ist tatsächlich ganz unterschiedlich.

Wahrscheinlich auch abhängig vom Alter?

Ja natürlich. Erstklässlern kann man mehr als 45 Minuten Vorlesezeit nicht zumuten und das muss alles sehr aufgelockert sein. Aber in der Mittelstufe sollte die Aufmerksamkeitsspanne schon mal 90 Minuten durchhalten können. Ich sage immer: Ein klarer Geist braucht einen festen Po. Leider ist der oft nicht lange vorhanden (lacht).

Glauben Sie, dass das etwas mit den modernen Medien zu tun, die auch Kinder immer häufiger nutzen? Also Smartphone, Tablets etc.?

Zum Teil schon. Aber ich denke, es hängt immer noch viel davon ab, ob Kindern zu Hause vorgelesen wird oder nicht. Das wirkt sich nicht nur auf die Aufmerksamkeit aus, sondern auf das eigene Leseverhalten, die Lust am Lesen. Ich finde das ganz wichtig und es gibt immer wieder Kinder, die Vorlesen von zu Hause nicht kennen, das ist schade.

Sie organisieren auch das Kinder- und Jugendprogramm des Festivals LitPotsdam. Sind die Lesungen gut besucht?

Nun ja, das kommt immer darauf an, welcher Autor zusagt. Als etwa Paul Maar 2015 in Potsdam war, der zum Beispiel mit seiner Sams-Reihe schon zu den Klassikern gehört, war es natürlich voll.

Das war bei Ihnen in Babelsberg in dem ehemaligen Pferdestall. Wollen Sie dort regelmäßig Lesungen stattfinden lassen?

Ja, das ist ein Nachbarschaftsprojekt hier vor Ort, an dem etwa 15 Parteien beteiligt sind. Der Stall ist eine informelle Begegnungsstätte. Einmal im Jahr soll es auch eine Lesung geben, Konzerte, aber auch nachbarschaftliches Public-Viewing zu den Fußballmeisterschaften.

Also auch ein Ort, um zukünftig mehr Kinder- und Jugendbücher vorzustellen?

Nicht vornehmlich. Ich versuche natürlich, gerade für LitPotsdam bekannte Autoren zu gewinnen. In diesem Jahr wollte ich Cornelia Funke nach Potsdam holen. Ich kenne sie von früher, und sie ist die deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin mit dem größten internationalen Erfolg. Das hat aber leider nicht geklappt, weil sie in Kalifornien wohnt. Ansonsten gehen wir einfach viel in die Schulen, weil die Leute eben sonst nicht zu uns kommen.

Wird Kinder- und Jugendbuchliteratur so wenig wertgeschätzt?

Leider ja. Das können Sie schon daran sehen, dass Astrid Lindgren trotz ihrer riesigen gesellschaftlichen Relevanz und der Vielzahl an Werken nie mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden ist. Ich finde, man kann schon von einem Dünkel in der Literaturwelt sprechen, der völlig unangemessen ist. Die Arbeit von uns Kinderbuchautoren wird im Kulturbetrieb traditionell geringer geschätzt. Das ist im angelsächsischen Raum ganz anders.

Inwiefern?

Niemand würde etwa Stephen King, der ja auch Jugendbücher schreibt, als Jugendbuchautoren bezeichnen. Dort sind einfach alle Autoren. Ich glaube, auch in der DDR hatte Kinderliteratur einen anderen Stellenwert als im Westen. Die Autoren hatten ihre Nische, durften vielleicht auch Dinge schreiben, welche in der Erwachsenenliteratur zu brisant gewesen wären.

Haben Sie denn das Bedürfnis, auch mal erwachsenere Bücher, vielleicht sogar dunklere Bücher zu schreiben?

Nein, ich fühle mich sehr wohl, wo ich bin und habe auch eine gewisse Harmoniesucht (lacht). Außerdem haben meine Bücher auch fast immer eine Ebene für Erwachsene.

Mir fällt dabei Ihre Weihnachtsgeschichte „Alle Jahre Widder“ ein …

Ja, die ist sprachlich auch sehr erwachsen, vielleicht an manchen Stellen für Kinder gar nicht verständlich. Ansonsten achte ich schon darauf, gewisse kindliche Formate einzuhalten, was aber nicht heißt, dass ich meine Leser in Watte packe. Es geht durchaus um relevante Lebensthemen wie den Umgang mit der Natur, Tieren oder auch Akzeptanz von Andersartigkeit.

Zum Ende noch einen unbedingten Vorleselektüretipp?

Für mich sind nach wie vor „Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ von Mark Twain ein absoluter Meilenstein, das kann ich jedem nur empfehlen.

Das Gespräch führte Sarah Kugler

Zur Person:

Martin Klein, 55 Jahre alt, wurde in Lübeck geboren und ist Kinder- und Jugendbuchautor sowie Garten- und Landschaftsplaner. Er lebt als freier Autor in Babelsberg und Berlin-Kreuzberg. Seine Bücher werden in 20 Ländern verlegt und in 13 Sprachen übersetzt.

In Potsdam beteiligen sich am heutigen Freitag 22 Vorleser am bundesweiten Vorlesetag. Alle Termine: www.vorlesetag.de