• Potsdam: Anwohner wehren sich gegen geplante Straßenbahn-Trasse nach Krampnitz

Pläne für Krampnitz : Die Tramtrasse durch den Vorgarten

Die Stadt lobt ihren Dialog mit Anwohnern der geplanten Straßenbahnstrecke nach Krampnitz – doch Betroffene haben seit mehr als einem Jahr nichts mehr von den Planern gehört.

Erika Jahnke soll einen Teil ihres Vorgartens in Fahrland verkaufen - dort führt die geplante Tram nach Krampnitz entlang. 
Erika Jahnke soll einen Teil ihres Vorgartens in Fahrland verkaufen - dort führt die geplante Tram nach Krampnitz entlang. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Für den umstrittenen Bau einer Tramtrasse in das geplante Stadtviertel Krampnitz droht die Stadt notfalls auch mit Enteignungen entlang der Strecke, sollten Eigentümer dem Rathaus nicht die benötigten Grundstücke verkaufen. Nach dem derzeitigen Planungsstand werden rund 90 Teilflächen von Grundstücken für die Straßenbahnstrecke benötigt. „Unser Ziel ist es, Enteignungen zu vermeiden und einvernehmliche Lösungen für den notwendigen Grunderwerb zu finden“, sagte Stadtsprecher Markus Klier den PNN jetzt auf Anfrage. Dazu seien zunächst alle betroffenen privaten Eigentümer über die Planungen informiert und erste direkte Gespräche aufgenommen worden.

Allerdings sind manche Reaktionen bisher für die Stadt unangenehm. So hatte der frühere Verkehrsplaner Manfred Angel, Eigentümervertreter des neu gebauten Wohnhauses in der Tschudistraße 6, bereits vergangene Woche eine Klage gegen die Planungen angekündigt – weil die Tram aus seiner Sicht viel zu nah an dem schon 2015 genehmigten Bau vorbeiführe, unter anderem mit Lärm und Erschütterungen zu rechnen sei (PNN berichteten). Nachbarn würden sich dem anschließen wollen, hatte er gesagt. Widerstand gibt es auch anderswo: Erika Jahnke, Anwohnerin in der Straße, kündigte gegenüber den PNN notfalls ebenfalls den Gang vor Gericht an. Ihr Fall zeigt, wie wenig Kommunikation mit Anwohnern erfolgt.

Manfred Angel
Manfred AngelFoto: Ottmar Winter

Geplante Tramtrasse bereitet Sorgen

Erika Jahnke und ihr Mann Wolfgang wohnen an der Bundesstraße, gegenüber befindet sich das bekannte Restaurant „Zur Tenne“. Vor anderthalb Jahren hatten sie einmal Besuch aus dem Rathaus, wie sie erzählen. Ein Grundstücksankäufer erklärte ihnen, dass für die Tramtrasse ein Teil ihres mit einer Mauer abgegrenzten Vorgartens weichen müsse und sie diesen verkaufen sollten. Ihre Antwort formulierten sie auch schriftlich. Die Forderung der Stadt sei inakzeptabel, da mit diesen Planungen die Tram nur wenige Meter am Haus vorbeifahren würde, „man sonst beim Kaffeetrinken jedem Straßenbahngast persönlich Guten Tag sagen“ müsse, schrieb das Rentnerpaar. 

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Seither leben die Jahnkes in Sorge, auch vor den möglichen Bauarbeiten direkt vor ihrem Häuschen. Denn von den Tramplanern haben sie nach eigener Aussage seit dem ersten Besuch nichts mehr gehört. Schon seit mehr als 100 Jahren gehören Haus und Garten der Familie. „Wir haben hier viel erlebt, zu DDR-Zeiten sind hier nachts manchmal Dutzende Panzer vorbeigefahren – und nun hatten wir gedacht, im Alter wird es ruhiger“, sagt Erika Jahnke. Ihr Mann hat sich auch beim Online-Bürgerdialog der Stadt und der Verkehrsbetriebe zu dem Großprojekt beteiligt. Sein Eindruck: „Egal, welche Einwände dort gebracht wurden, das wurde alles abgeschüttelt.“ Auf der Homepage des Dialogs unter www.tram96.de erklärt ein Trassenplaner des kommunalen Verkehrsbetriebs (ViP) in einem Video den genauen Streckenverlauf. Zu Familie Jahnkes Grundstück stehen im zugehörigen Projektplan die Stichpunkte „Grundstückseingriff“ und „Versetzung Grundstückseinfriedung“. 

An der Tschudistraße 6a soll künftig die Tramtrasse verlaufen.
An der Tschudistraße 6a soll künftig die Tramtrasse verlaufen.Foto: Ottmar Winter

Die Stadt und ihre Planer loben derweil ihren coronabedingt vor allem über das Internet geführten Bürgerdialog aus dem vergangenen Jahr. Hinweise aus der Bürgerschaft seien „eingehend geprüft und bewertet“ worden. „Sofern möglich werden sie im Rahmen der Entwurfsplanung berücksichtigt“, teilte der Verkehrsbetrieb erst am vergangenen Freitag mit. 
Bereits am vergangenen Mittwoch hatte sich das Rathaus angesichts der Klagedrohung von Anwohner Angel zu einer Pressemitteilung entschlossen. Die Überschrift: „Tram in Potsdams Norden: Stadt bleibt im Gespräch mit Anwohnern“. Man widerspreche dem Eindruck, die Potsdamer:innen würden nicht in die Planung eingebunden. Derzeit erstelle man unter anderem Schall- und Erschütterungsgutachten. Erst wenn die Ergebnisse vorliegen, könne man „konkrete Maßnahmen zur Einhaltung des gesetzlich vorgeschriebenen Lärmschutzes ableiten“, so die Verwaltung. 

Im Bürgerdialog heißt es auch, es sei von drei bis vier Jahren Bauzeit auszugehen – und größere Einschränkungen, auch bei der Bundesstraße 2, seien „punktuell“ möglich. Schon bei der 2017 erfolgten Verlängerung der Tram vom Volkspark aus bis zum Campus Jungfernsee hatte es monatelang Staus im Norden gegeben. Und auch diese verlängerte Strecke soll nun, nur vier Jahr später, noch einmal teilweise zweispurig ausgebaut werden.

Grundlegende Änderungen so gut wie ausgeschlossen 

Zugleich stellte das Rathaus klar: Die 150 Millionen Euro teure Tramtrasse sei das aktuell wichtigste Infrastrukturprojekt, profitieren würden davon nicht nur Krampnitz, sondern auch andere Ortsteile wie Fahrland. Prinzipielle Änderungen will das Rathaus nicht mehr vornehmen. Alternative Streckenverläufe habe man schon im Rahmen der Ende 2019 abgeschlossenen Vorplanung untersucht. Im Ergebnis sei die zweigleisige Streckenführung über die Insel Neu Fahrland die „beste Variante, um eine schnelle, sichere und kostengünstige Erschließung mit der Straßenbahn sowie eine geringe Beeinflussung des Autoverkehrs auf der Bundesstraße sicher zu stellen“. Ferner muss die Bahn ein eigenes Gleisbett besitzen, damit das nötige Fördergeld von Bund und Land fließen kann. 

Anwohner Angel hatte auch gefordert, die Stadt solle auf die teure Tram-Erweiterung verzichten und lieber auf O- oder E-Busse setzen. Auch das lehnt die Stadt als nicht praktikable Lösung ab. Für einen attraktiven Nahverkehr sei eine eigene Trasse entscheidend. Doch eine Trasse für Busse wäre noch breiter als die für eine Tram, hieß es vom Rathaus: „Bauliche Eingriffe ließen sich damit nicht verringern.“ Zudem müssten, wenn ein Bus verwendet wird, Fahrgäste weiter an der Tramendhaltestelle Campus Jungfernsee umsteigen. „Das wäre keine Lösung für das steigende Fahrgastaufkommen“, so die Stadt. 

Auf dem ehemaligen Kasernengelände Krampnitz sollen einmal bis zu 10.000 Menschen wohnen, was auch den angespannten Potsdamer Wohnungsmarkt entlasten und bei vollständiger Umsetzung 4500 neue Arbeitsplätzen und 22 Millionen Euro Steuereinnahmen mehr pro Jahr einbringen soll. Man plant dabei ein möglichst autoarmes Viertel, für das die ab Ende 2029 geplante Tram immens wichtig wäre. Allerdings: Sollte das bereits um Jahre verzögerte Projekt weiterhin nicht vorankommen, hatte Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) erklärt, dürfe Krampnitz vorerst nur von bis zu 5000 Menschen besiedelt werden.

Bedenken auch gegen Fahrradschnellweg

Neben der Tramtrasse ist zwischen Krampnitz und Innenstadt auch ein 4,6 Kilometer langer Fahrradschnellweg geplant. Dieser soll von der Ketziner Straße aus über heutige Wiesen und Felder verlaufen, auch entlang eines Waldes, direkt an das Ufer des Neu Fahrländer Sees. Dann folgt die Strecke der Ringstraße in Neu Fahrland – und von dort geht es südlich zu einer neu zu errichtenden Brücke über den Sacrow-Paretzer-Kanal. Auf der anderen Seite verläuft der Weg dann über den Fahrländer Damm in Richtung Lerchensteig und weiter über die Straße Am Golfplatz zur Amundsenstraße. Als Kosten gibt die Stadt 6,4 Millionen Euro an, inklusive des Brückenbaus. Verhandlungen mit betroffenen Grundstückseigentümern finden noch nicht statt. „Konkrete Gespräche können erst geführt werden, wenn mit den tatsächlichen Planungen begonnen wurde. Derzeit wird die Ausschreibung vorbereitet“, sagte Stadtsprecherin Christine Homann den PNN auf Anfrage. Bis 2024 soll die Genehmigungsplanung abgeschlossen, danach gebaut werden. Auch dieses Vorhaben ist nicht unumstritten. So hat die Neu Fahrländer Ortsvorsteherin Carmen Klockow (Bürgerbündnis) bereits erklärt, der geplante asphaltierte Weg führe durch das Landschaftsschutzgebiet Königswald. Auch die Ringstraße sei bisher nur schmal und ohne Bürgersteig, dort wohnten viele Familien mit Kindern. Die Stadtverwaltung sagte zu solchen Bedenken auf Anfrage, konkrete Betrachtungen erfolgten im Zuge der Planung.


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