• Perspektive einer Sterbenden: Perspektive einer Sterbenden

Perspektive einer Sterbenden : Perspektive einer Sterbenden

Filmprojekt im Startbüro Babelsberg verknüpft Bildende Kunst und Virtual Reality.

Heike Kampe
Motive eines Leidensweges. „Die sterbende Valentine Godé-Darel“ heißt ein Bild des Malers Ferdinand Hodler von 1915, das den Widorskis als Inspiration diente.
Motive eines Leidensweges. „Die sterbende Valentine Godé-Darel“ heißt ein Bild des Malers Ferdinand Hodler von 1915, das den...

Das Büro ist noch etwas karg: zwei Schreibtische mit Lampen, ein Stuhl und ein graues Sofa. Auf dem Fensterbrett stehen Glaskannen und Tee. „Wir sind erst gestern eingezogen“, erklärt Martina Widorski, die einen Bildband des Schweizer Malers Ferdinand Hodler in den Händen hält. „Wir“ – das sind Martina und Kurt Widorski, beide Absolventen der Filmuniversität Babelsberg „Konrad Wolf“. „Valentine, Bleistift auf Papier“ nennt das Künstlerpaar das Projekt, dem sie sich in ihrem frisch bezogenen Büro in der Marlene-Dietrich-Halle auf dem Gelände des Studio Babelsberg ein Jahr lang intensiv widmen wollen.

„Es ist etwas, das es so noch gar nicht gibt“, sagt Martina Widorski, die an der Filmuni Drehbuch und Dramaturgie studiert hat. Malerei, Film, Musik und Virtual Reality wollen die Künstler miteinander verweben, um sich einem gesellschaftlichen Tabuthema zu nähern: dem Tod. Martina Widorski schlägt das Buch in ihren Händen auf und deutet auf ein Bild, das Hodler 1909 gemalt hat. Es zeigt eine junge, schöne Frau, die lachend über ihre Schulter blickt. Valentine Godé-Darel war die Geliebte des Malers. Einige Seiten weiter ein anderes Bild: Es zeigt dieselbe Frau, nur sechs Jahre später, doch diesmal ausgezehrt und bleich - Valentine auf ihrem Totenbett.

1912 erkrankte Valentine an Gebärmutterhalskrebs. Ferdinand Hodler begann, sie exzessiv zu malen und hielt ihre Erkrankung und den Sterbeprozess in seinen Bildern fest. Diese sollen nun im Mittelpunkt der Arbeit des Künstlerpaars Widorski stehen. „Das Ziel ist es, die Leute anzuregen, über das Leben und ihr eigenes Sterben nachzudenken“, erklärt Martina Widorski. In einem nachgebauten Sterbebett liegend, sollen die Besucher der geplanten Installation über eine VR-Brille die Bilder der sterbenden Valentine betrachten.

Die Perspektive, die sie dabei einnehmen, ist entscheidend: Schließlich liegen sie wie die Sterbende in einem Bett und sind in ihrer Sicht eingeschränkt. „Damit wollen wir spielen“, erklärt die Künstlerin. Auch eine Klangkomposition wird zur Installation gehören. Derzeit feilen die Künstler noch am Konzept für die Umsetzung ihrer Idee. Bewegte Bilder sollen etwa durch Animationen entstehen, die real gefilmten Aufnahmen gegenüberstehen. Das Besondere: Die Bilder werden mit einer 360-Grad-Kamera gedreht. „Wir werden viel ausprobieren und testen.“

Das Thema Tod gärte schon lange in Martina Widorski. Bereits vor einigen Jahren sei sie auf Hodler und seinen Sterbezyklus gestoßen, als sie in der Badewanne ein Kunstmagazin gelesen habe. Dessen bewegte Geschichte zog sie sofort in ihren Bann. Nun wagt sie sich gemeinsam mit ihrem Mann an die Umsetzung der Ideen. „Die Bilder sind eine Herausforderung“, gibt sie zu. Doch die Besucher ihrer Installation sollen nicht geschockt werden. Im Gegenteil: Es gehe ihr darum, das Bewusstsein darüber zu wecken, dass das Leben wertvoll und ein Geschenk sei, auch wenn es mit dem Tod ende. „Die Bilder haben die Kraft dazu“, ist die Künstlerin überzeugt.

Ein Jahr lang können die Widorskis nun das liebevoll „Schwalbennest“ genannte Nachwuchsbüro als Arbeitsplatz nutzen. Es gehört zum Startbüro Babelsberg, einer gemeinsamen Initiative der Filmuniversität und des Studio Babelsberg, die vom Medienboard Berlin-Brandenburg und der Brandenburger Förderbank ILB unterstützt wird. Seit 2015 werden jedes Jahr Absolventen der Filmuniversität gefördert, die für besondere Projekte nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern auch ein Startkapital von 10 000 Euro und Beratungen durch Mentoren erhalten.

Der Zeitplan des Teams, das von einer Szenografin und einem Kameramann ergänzt wird, ist ambitioniert: 2018 jährt sich Ferdinand Hodlers Todestag zum 100. Mal. Dann soll es die ersten Ausstellungen der Installation in Berlin und Bern geben.

Derzeit ist Martina Widorski neben den Planungen der künstlerischen Umsetzung ihrer Ideen hauptsächlich mit der Akquise von weiteren Geldern beschäftigt. Die 10 000 Euro sind ein willkommenes Startkapital für das Projekt, doch reichen sie bei Weitem nicht aus. „Wir rechnen mit rund 70 000 Euro“, sagt die Künstlerin. Sie ist nun mittendrin im Geschehen, neben ihrem Büro werden Filme gedreht, auf dem Gelände tummeln sich die Filmschaffenden aus aller Welt.

In den nächsten Tagen soll das karge Büro noch wohnlicher werden: „Das Erste, was ich noch ins Schwalbennest mitbringen werde, sind ein paar Zimmerpflanzen“, sagt Martina Widorski und lacht. Heike Kampe