Orientierungshilfe : Linke will Straßenschilder für Sehbehinderte in Potsdam

Der Linke-Politiker Sascha Krämer will Straßenschilder für Sehbehinderte montieren lassen. Der Behindertenbeirat begrüßt die Idee. Die Stadt Wedel hat dies bereits umgesetzt.

Hilfreich. Vor allem Menschen, die nur noch ein geringes Sehvermögen haben, soll durch die Zusatzschilder geholfen werden.
Hilfreich. Vor allem Menschen, die nur noch ein geringes Sehvermögen haben, soll durch die Zusatzschilder geholfen werden.Foto: picture alliance/dpa

Potsdam - Die schleswig-holsteinische Stadt Wedel hat es vorgemacht und nun soll auch Potsdam folgen - zumindest nach Ansicht des Linke-Stadtverordneten Sascha Krämer. Nach Wedels Vorbild sollen an ausgewählten und frequentierten Straßen und Plätzen in Potsdam Straßennamenschilder für Menschen mit Sehbehinderung montiert werden. Einen entsprechenden Antrag hat Krämer jetzt für die nächste Stadtverordnetenversammlung Ende Januar eingebracht. Bei der Umsetzung solle sich das Potsdamer Rathaus der Erfahrungen der 34.000-Einwohnerstadt aus dem Kreis Pinneberg bedienen, heißt es.

Auf Blindenschrift wird bewusst verzichtet

Wedel ist nach eigenem Bekunden bundesweit bislang die einzige Kommune, die auch ihre Straßenbeschilderungen barrierefrei gestalten will. Bei den Schildern handelt es sich um zwei aneinanderliegende Bauklötze, die in einer Höhe von etwa 1,40 Meter zusätzlich an den Mast des Straßenschildes angebracht werden. 

Erfunden hat sie der 75-jährige Volker König, ein seit rund 50 Jahren blinder Ingenieur aus Wedel. Bei der Beschriftung habe er bewusst auf die Blindenschrift, die sogenannte Brailleschrift, verzichtet, weil ohnehin nur noch zehn Prozent der Betroffenen diese Punktschrift wirklich lesen könnten, so König gegenüber den PNN. „Außerdem wären die Schilder dadurch doppelt so teuer geworden.“ Vor allem aber wäre diese Investition völlig überflüssig, meint der Erfinder: „Meine Orientierungshilfe ist vor allem für Menschen gedacht, die noch ein Restsehvermögen haben. Für vollständig erblindete Menschen sind sie keine Hilfe, da die Schilder für sie kaum zu finden sein dürften“, erläutert König.

Viele Kommunen haben bereits Interesse

Finanziert wurden die Schilder in Wedel über Fördermittel und Spenden. Laut König belaufe sich der Stückpreis je nach Ausführung auf rund 120 Euro. Bislang seien 118 Stück montiert, sagt der Ingenieur. Insgesamt wolle die Stadt 381 der bauklotzartigen Schilder anbringen. 129 weitere fertige Exemplare lägen bereits beim Bauhof vor, so König. Bislang sei die Resonanz sehr gut. Bereits mehrere deutsche Kommunen, zum Beispiel aus Bayern und Hessen, hätten angefragt. Kürzlich habe sich zudem auf offener Straße ein Mann im Namen seiner sehbehinderten Ehefrau herzlich bei ihm für die Schilder bedankt, berichtet Volker König.

Bedarf in Potsdam soll geklärt werden

Linke-Politiker Krämer hat von dem Projekt über Facebook erfahren. „Auch im Nachrichtenmagazin Spiegel etwa war ein entsprechender Bericht.“ Vor Ort sei er noch nicht gewesen. Ob es in Potsdam überhaupt einen Bedarf für Straßenschilder für Sehbehinderte gibt, solle im Zuge der Antragsbearbeitung herausgefunden werden, so Krämer. Als Finanzierungsmodell könne er sich unter anderem auch eine Crowdfunding-Aktion vorstellen.

Stadt muss bei Barrierefreiheit nachrüsten

Manuela Kiss, Vorsitzende des Potsdamer Behindertenbeirats, findet die Idee grundsätzlich gut. „Bisher gibt es in Potsdam noch gar keine Orientierungshilfe für sehbehinderte Menschen“, sagt Kiss. In Berlin dagegen gebe es spezielle Apps, die einen durch die Stadt lotsen. Die Methode aus Wedel sei aber aus ihrer Sicht „noch nicht ganz ausgereift“. „Eben, weil die Brailleschrift fehlt“, so Kiss. Wenn man schon nachrüstet, sollte man alle Menschen mit Behinderung bedenken, auch die vollständig Erblindeten. Das Argument des Wedeler Erfinders König lässt Kiss nicht gelten. „Die Schwierigkeit, eine Orientierungshilfe zu finden, existiert ja immer.“ Deshalb sei es eben auch unerlässlich, solche neuen Angebote auf der Internetseite der Stadt abrufbar zu machen, vor allem „abhörbar zu machen“. Von einer wirklich barrierefreien Internetpräsenz sei Potsdam aber noch weit entfernt, so die Vorsitzende des Behindertenbeirats.