• Organisator der Potsdamer Impfdemo: "Eine Impfpflicht bei Sars-Cov-2 ist unverhältnismäßig"

Organisator der Potsdamer Impfdemo : "Eine Impfpflicht bei Sars-Cov-2 ist unverhältnismäßig"

Sven Hausdorf ist Organisator der montäglichen Demo gegen eine Impfpflicht. Im Interview erklärt er, wieso er auf die Straße geht und wie er auf die Vereinnahmung von rechts reagiert.

Hunderte Menschen beteiligten sich zuletzt an den Potsdamer Demonstrationen der Impfpflicht-Gegner.
Hunderte Menschen beteiligten sich zuletzt an den Potsdamer Demonstrationen der Impfpflicht-Gegner.Foto: Andreas Klaer

Herr Hausdorf, Sie organisieren jeden Montag eine Demonstration in der Potsdamer Innenstadt gegen eine allgemeine Impfpflicht. Warum tun Sie das? 
Weil ich der Meinung bin, dass eine allgemeine Impfpflicht gegen das Sars-Cov2-Virus gegen meine und unser aller Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verstößt. Die Entscheidung, ob sich ein Mensch impfen lässt und gegen welche Krankheit, sollte uns selbst überlassen bleiben und nicht auf staatliche Anordnung geschehen.

Kritiker dieser Haltung sagen, dass durch die Pandemie eine Notlage herrscht und man deswegen handeln muss.
Ich sehe auch, dass durch die Pandemie seit zwei Jahren eine Notlage entstanden ist. Und selbstverständlich muss da gehandelt werden, aber mit besseren Mitteln als einer Impfpflicht. Als Hauptziel war von den meisten Politikern vorgegeben, dass unsere Krankenhäuser vor der Überlastung bewahrt werden sollen. Und hier wurde auch in den vergangenen beiden Jahren wenig bis nichts getan, um die Lage zu verbessern - nachdem schon 20 Jahre lang das Gesundheitssystem kaputt gespart wurde. Dass nun wir Bürger über die Impfpflicht dafür mit unserer körperlichen Unversehrtheit haften müssen, finde ich nicht richtig und unverhältnismäßig.

Aber das Bundesverfassungsgericht hat zum Beispiel schon für Impfpflichten gestimmt, wenn vor allem der Schutz vor den Folgen einer Infektion die Sorge vor möglichen Nachteilen überwiegt.
Mir fehlt der Sachverstand, um diese Entscheidungen des BVerfG zu beurteilen. Meinem persönliches Rechts- und Unrechtsempfinden nach halte ich eine Impfpflicht bei SARS-CoV-2 für unverhältnismäßig.

Sven Hausdorf ist Organisator der montäglichen Demos gegen eine Impfpflicht.
Sven Hausdorf ist Organisator der montäglichen Demos gegen eine Impfpflicht.Foto: Gordon Schirmer/promo

Glauben Sie, dass Impfungen gefährlicher sind als eine Infektion?
Ich bin kein Wissenschaftler und auch kein Mediziner. Ich bin mir aber sicher, dass der Zulassungsprozess für einen Impfstoff in Deutschland von der gesetzgeberischen Seite normalerweise mehrere Jahre dauert. Erst, wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, kann man sicher sagen, ob ein Impfstoff schädlich ist oder nicht. Bei diesen relativ neuen mRNA-Technologien müssen wir also tatsächlich noch auf ein paar Daten warten. Ich verzichte vorerst darauf, mir über die vermeintliche Sicherheit oder Unsicherheit der Impfung ein abschließendes Urteil zu bilden.

Die meisten Wissenschaftler sehen es so: Sie gehen nicht von Langzeit-Nebenwirkungen aus. Sind Sie eigentlich selbst gegen Corona geimpft?
Da möchte ich ein wenig ausholen: Ich bin teilweise progressiv und konservativ, einige Dinge können sich weiterentwickeln, andere sollen bleiben. Und ich fand die Zeit noch toll, in der man nicht wie selbstverständlich nach seinem Gesundheitsstatus gefragt wird und Menschen sich dann auch das Recht herausgenommen haben, darauf nicht zu antworten. Aber Sie können wahrscheinlich daraus ableiten, dass ich nicht geimpft bin. Ich bin genesen.

Warum haben Sie sich denn gegen ein Vakzin entschieden?
Da kann ich mich wiederholen und auf mögliche Langzeitnebenwirkungen verweisen - von denen ja einige behaupten, dass es sie nicht geben würde. Gerade Produkte aus der pharmazeutischen Industrie benötigen doch einer gesonderten Prüfung. Ohnehin habe ich die Einstellung, so wenig Medikamente wie möglich zu nehmen. Ich habe mich auch noch nie gegen die Grippe oder andere saisonale Krankheiten impfen lassen. 

Da vertraue ich als junger Mensch, der keine bekannten Vorerkrankungen hat, doch auf mein Immunsystem - das aus meiner Sicht geringe Risiko, mich mit Corona zu infizieren und dann den schweren Verlauf, nehme ich in Kauf. Ich trinke auch Alkohol, rauche Zigaretten, das sind für mich Lebensrisiken. Es gibt natürlich Menschen, die haben ein größeres Sicherheitsbedürfnis - aber das sollte keinen Einfluss darauf haben, wie ich mit meinem Körper umgehe.

Aber gerade bei Impfungen geht es doch auch um den Schutz anderer Menschen vor schwersten Erkrankungen.
Ich kann den Gedanken verstehen. Aber die Frage ist gerade bei der Corona-Impflicht auch, dass dafür immer wieder unterschiedliche Argumente angeführt werden: Einmal geht es um die Überlastung der Intensivstationen, dann wieder die Ausrottung des Virus, was absolut illusorisch ist. Vielmehr ist es so, dass dieses Virus anscheinend sehr schnell mutiert und selbst geimpfte Menschen infizieren kann. Wir müssen lernen, damit zu leben. Das haben wir auch bei anderen Krankheiten getan, ohne medizinische Eingriffe verpflichtend zu machen.

Was halten Sie denn von der geltenden Masern-Impfpflicht für Kinder?
Ich persönlich empfinde jede Impfpflicht als eigentlich nicht hinnehmbar. Wenn eine Impfung funktioniert, dann braucht man dafür keine Pflicht, weil die Leute sie aus Überzeugung nehmen.

Mit Ihren Demonstrationen machen Sie sich nicht nur Freunde. Man würde damit auch Verschwörungstheorien und Rechtsradikale mobilisieren, lautet eine Kritik. Besorgt Sie das?
Natürlich mache ich mir da Gedanken. Aber in unserem Orgateam haben wir auch mit solchen Vorwürfen gerechnet. Menschen, die Corona-Maßnahmen kritisieren, werden eben vielfach als Nazis und Rechtsextreme dargestellt, warum auch immer. Aber das ist ein Zusammenhang, den ich persönlich nicht herstellen kann. Zu unseren Demos kommt der Durchschnitt der gesamten Gesellschaft, es kommen Leute von Linken, SPD, Grünen, CDU, FDP und sicherlich einige, die die AfD wählen.

Aber auch Rechtsextreme haben Bilder von Ihren Aufzügen in sozialen Medien geteilt.
Auch wir haben gemerkt, dass ein kleiner Prozentsatz der Teilnehmer zu einem gewissen Publikum angehört, dessen Meinung wir nicht teilen. Dagegen haben wir uns mehrfach positioniert, uns gegen politische Einflussnahme von Vereinen und Parteien gewehrt und deutlich gemacht, was für ein Selbstverständnis wir eigentlich von den Teilnehmern erwarten. 

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Wir sind Bürger einer Republik, die ihre Rechte wahrnehmen und nicht Revolutionäre im Widerstand gegen ein totalitäres Regime. Nach diesem beherzten Abgrenzen zu dieser politischen Seite hin sehen wir, dass die unserer Meinung nach ohnehin schon geringe Menge der Teilnehmer aus diesem Spektrum weiter abnimmt. Für uns ist das Thema eigentlich gegessen. Trotzdem gibt es immer noch lautstarke Gegendemonstrationen.

Klarer Standpunkt. Teilnehmer der Kundgebung gegen eine Impfpflicht am vergangenen Montag.
Klarer Standpunkt. Teilnehmer der Kundgebung gegen eine Impfpflicht am vergangenen Montag.Foto: Ottmar Winter PNN

... weil eben viele auch ganz anderer Meinung sind als Sie, aus guten Gründen ...
Aus meiner Sicht haben wir in der Gesellschaft ein riesengroßes Problem - und zwar damit, Freiheit als etwas Notwendiges zu akzeptieren. Eine Gruppe wie unsere, die sich lediglich für das Grundrecht der körperlichen Unversehrtheit einsetzt und sich gegen die Vereinnahmung von Rechtsradikalen wehrt, wird von der Gesellschaft, der Spitze der Stadt und den Medien gleich als Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Nazis oder Corona-Leugner diffamiert. Dass uns wegen dieser Bitte nach Verhältnismäßigkeit und dem Achten auf Grundrechte ein so kalter Wind entgegen bläst, das hat mich zutiefst erschrocken. Ich finde es bedrohlich, dass jemand, der einfach nur für Grundrechte demonstriert, auf einmal in den Dunstkreis von Verschwörungstheoretikern und Rechtsextremisten geschoben wird. Das hätten sich vor zwei, drei Jahren nur wenige Leute so vorstellen können.

Das klingt alles sehr pessimistisch.
Vor drei Jahren war es auch im linken Spektrum Standard, dass man auf den Einfluss der Pharmaindustrie achtet oder nicht kollektiv die Grundrechte einschränkt. Das ist inzwischen so sehr gekippt, dass ich mir tatsächlich Sorgen mache um die freiheitlich-demokratische Grundordnung, zu der wir uns alle bekennen.

Sie glauben nicht, dass die Einschränkungen nur zeitweise sind?
Ich werde von Zeit zu Zeit pessimistischer. Massive Freiheitseinschränkungen sind alltäglich geworden, die meisten scheinen sich damit zu arrangieren. Wir haben jetzt schon Sachen, die man sich vor Jahren nicht hätte vorstellen können - denken Sie an Eingangskontrollen mit Checks zum Impfstatus. Dieser Wechsel in unserer Werten ist für mich erschreckend. Wenn wir davon ausgehen, dass im Zuge des Klimawandels die Häufigkeit der Pandemien zunehmen wird, dann bin ich besorgt, dass dieser Pandemiestatus, in dem wir uns gerade befinden, irgendwann zur neuen Normalität wird: dass wir jeden zweiten oder dritten Herbst und jeden Winter neue Eindämmungsverordnungen gegen ein neues Virus und damit erneute Eingriffe in unsere Grundrechte über uns ergehen lassen müssen. Das ist eine Richtung, in die die Gesellschaft geht, mit der ich nicht einverstanden bin. Und auch einer der Gründe, warum wir auf der Straße sind.

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Aber mit der Impfung kann man doch gegen Pandemien ankämpfen.
Inwieweit es möglich ist, sich aus dieser Pandemie "herauszuimpfen", kann ich nicht beurteilen. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit als Abwehrrecht des Bürgers gegenüber dem Staat sollte aber unabhängig davon gelten. Dass die Grenze meiner Freiheit die Freiheit des Anderen ist und dass diese Grenze sich im demokratischen Prozess ständig verschiebt, ist klar. Aber es gibt hier unverrückbare rote Linien und die freie Entscheidungsgewalt über den eigenen Körper ist die dickste. Eine Überschreitung ist nicht hinnehmbar.

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