Potsdam : Oder es klingelt …

Die 100-jährige Margarete Hollmann meistert ihren Alltag fast ohne fremde Hilfe

Erhart Hohenstein

Ganz allein wohnt Margarete Hollmann auf dem Küssel in einer alten Villa, die Patina angesetzt hat, mit einem verwunschenen Garten. Mit nur geringer Hilfe hält sie die sieben Räume in Ordnung. Sie lässt sich das Mittagessen von der Volkssolidarität bringen, versorgt sich aber sonst selbst. Laufen kann sie noch leidlich, nach einer Staroperation vor drei Jahren liest sie wieder ohne Brille. Die promovierte Medizinerin interessiert sich für psychotherapeutische Behandlungen, für Malerei, Musik ... Im Gespräch wirkt sie gedankenreich und aufgeschlossen.

Dies alles wäre nicht ungewöhnlich, wenn Dr. Margarete Hollmann nicht heute 100 Jahre alt würde. Drei Tage feiert sie das Jubiläum, mit zusammen etwa 150 Gästen, den Kindern, Enkeln und Urenkeln, Freunden und Bekannten, in Villa und Garten. Früher gaben sich hier Prominente wie Karl Foerster, der oft selbst gezüchtete Staudenpflanzen mitbrachte, oder der Kunsthistoriker Wilhelm Fraenger die Klinke in die Hand. Der große Bekanntenkreis ergab sich auch daraus, dass Ehemann Prof. Dr. Werner Hollmann einer der fähigsten und bekanntesten Potsdamer Ärzte war. 1937 aus Heidelberg zunächst nach Brandenburg/Havel gekommen, übernahm er 1950 die Stelle des Chefarztes der Inneren Abteilung des Bezirkskrankenhauses Potsdam und lehrte als Professor an der Berliner Charité. 1967 ging er in den Ruhestand. Seine herausgehobenen Positionen hatte Hollmann allein der fachlichen Kompetenz zu verdanken - beim SED-Regime biederte er sich nicht an. In einer Zeit, als viele Ärzte in den Westen wechselten, blieb er jedoch seinen Potsdamer Patienten treu.

Margarete Hollmann verzichtete auf ihre eigene Karriere, um die fünf gemeinsamen Kinder aufzuziehen, die später u.a. Juristen oder Mediziner wurden. Ihrem Ehemann, der unter hoher beruflicher Belastung stand und manchmal cholerisch reagierte, sicherte sie ein ruhiges häusliches Umfeld und wurde zu seiner Gesprächspartnerin auch in fachlichen Fragen. Sie schloss Kontakte zu Künstlern, wovon noch heute eine Vielzahl von Gemälden in ihrem Haus zeugen, begann selbst zu malen und zu dichten. Eine Leidenschaft hat sie mittlerweile aufgeben: das Reisen. Zu Besuchen bei ihren am nächsten wohnenden Kinder in Berlin und Hannover fühlt sich Margarete Hollmann aber auch mit 100 noch in der Lage: „Natürlich werde ich dann mit dem Auto abgeholt ...“

Nicht immer verlief ihr Leben so friedlich wie jetzt im Alter. Bei der Eroberung der Stadt Brandenburg durch die russische Armee floh sie im Frühjahr 1945 mit ihren fünf Kindern - die jüngste Tochter war gerade acht Tage alt - auf abenteuerlichen Wegen nach Norddeutschland. Ihr Ehemann aber blieb in der umkämpften Stadt bei seinen Patienten, die er in Luftschutzbunker gebracht hatte. Monate später tauchte er dann, nach einer Fahrt auf dem Kohletender einer Lok, verrußt und verdreckt in dem schleswig-holsteinschen Dorf auf, um seine Familie zurückzuholen.

Tief ins Gedächtnis eingegraben hat sich bei Margarete Hollmann auch der 13. August 1961. Am Tag des „Mauerbaus” entschieden sich vier ihrer fünf Kinder, in den Westen zu gehen. Das enge Familienleben war damit nicht mehr möglich. Auch deshalb freute sich die Mutter sehr, als 1989 die Grenze fiel. „Leider konnte mein Mann, der 1987 gestorben war, dieses historische Ereignis nicht mehr miterleben”, blickt sie zurück. Heute verlaufen ihre Tage ruhig, vergehen aber manchmal wie im Flug. „Es dauert doch erheblich länger als früher, bis ich meine Alltagspflichten im Haus bewältigt habe”, verrät die 100-Jährige. Anschließend setzt sie sich hin, um zu lesen und Briefe zu schreiben. Oder es klingelt, weil Bekannte mit ihr Kaffee trinken möchten oder sich Freunde für ein paar Tage einmieten ...

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