• Oberlin-Bildungswerk in Potsdam: Die Köche der Kanzlerin

Oberlin-Bildungswerk in Potsdam : Die Köche der Kanzlerin

Am Tag der offenen Tür im Berufsbildungswerk des Oberlinhauses stellten junge Erwachsene – auch mit Handicap – ihre Ausbildungsberufe vor. Die Bildungseinrichtung ist deutschlandweit einzigartig.

Unter Dampf. In der Lehrküche des Oberlin Berufsbildungswerks kochen die Azubis Florian Keck und Ronny Nowecki (v.l.).
Unter Dampf. In der Lehrküche des Oberlin Berufsbildungswerks kochen die Azubis Florian Keck und Ronny Nowecki (v.l.).Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Heute gibt es Havelzander mit Schmorgurke und Spanferkelrücken mit Champangerkraut. Als Nachtisch Crêpes. „Ich hab den Teig angerührt und das Apfelragout gemacht“, sagt Florian Keck. Der 20-Jährige ist Azubi im zweiten Lehrjahr im Oberlin Berufsbildungswerk. Noch ein Jahr, dann wird er Beikoch sein, ein staatlich anerkannter Berufsabschluss. „Vielleicht hänge ich dann gleich den Koch dran“, sagt er. So wie sein Mitschüler Ronny Nowecki. In Zeiten des Fachkräftemangels stehen für beide die Chancen gut, danach eine passende Arbeitsstelle zu bekommen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, auch wenn sie etwas länger brauchten, ihren Weg zu finden. Ihnen geht es wie vielen der 500 jungen Erwachsenen mit oder ohne Behinderung, die derzeit am Oberlin-Berufsbildungscampus in der Steinstraße lernen und arbeiten. Manche machen eine Ausbildung, andere absolvieren ein Praxisjahr zur Orientierung.

Im Ausbildungsvorbereitungsjahr zum Wäschepfleger wird mit Spaß und viel Dampf gebügelt.
Im Ausbildungsvorbereitungsjahr zum Wäschepfleger wird mit Spaß und viel Dampf gebügelt.Foto: Andreas Klaer

Aus Roßlau nach Potsdam ins Internat

Berufe und mögliche Bildungswege wurden beim Tag der offenen Tür am Freitag vorgestellt. Dazu reisten Schulklassen aus Potsdam und ganz Brandenburg an, Jugendliche mit Eltern und manchmal auch nur die Eltern, um sich für ihre Kinder zu informieren. Kinder wie Florian: Fachoberschulreife abgebrochen, dann Diagnose ADS und verschiedener emotionaler Störungen. Darüber spricht Keck ganz offen. Koch wollte er werden, weil er da nicht mit so vielen Menschen auf einmal zu tun hat. Viele Menschen auf einmal – da kann er sich nicht konzentrieren, sagt er. Die Küche hier ist übersichtlich, die Berufsschulklassen extra klein. Und: „Die Lehrer hier haben eine Vorstellung davon, dass es eben verschiedenste Menschentypen gibt“, sagt Keck. Deshalb kam er für die Ausbildung aus Roßlau nach Potsdam und wohnt hier im Internat.

Wie sein Mit-Azubi Ronny Nowecki aus Brandenburg an der Havel. In der Grundschule wurde bei ihm eine Lese-Rechtschreibschwäche festgestellt. Es folgte die Versetzung in eine Förderschule. „Aber für die Förderschule war ich zu schlau“, sagt Ronny und lächelt leicht verschmitzt. Anschließend besuchte er eine therapeutische Schuleinrichtung und schließlich fiel, nach einem Besuch zum Tag der offenen Tür, die Entscheidung für Potsdam. Hier fühlen sich beide junge Männer jetzt wohl. Und lernen kochen. Die Lehrküche versorgt das hauseigene Restaurant und bietet hochwertiges Catering. Sie sind gut nachgefragt und beliefern immer wieder Veranstaltungen, manche mit sehr berühmten Gästen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel die Oberlinrede hielt, kam sie extra zu den Azubis in die Küche.

Doreen Bienert zeigt selbstgemachtes Eis der Eismeierei. Im Ausbildungsvorbereitungsjahr zum Wäschepfleger wird mit Spaß und viel Dampf gebügelt.
Doreen Bienert zeigt selbstgemachtes Eis der Eismeierei. Im Ausbildungsvorbereitungsjahr zum Wäschepfleger wird mit Spaß und viel...Foto: Andreas Klaer

Deutschlandweit seltene Ausbildung

Damals war auch Doreen Bienert dabei, die jetzt das dritte Lehrjahr zur Fachkraft für Speiseeis absolviert. „Sie lernt alles, was man können muss, um ein Eiscafé zu leiten“, sagt Werkstattleiter Guntram Kreisst. Dazu gehört die Herstellung von Eis, Eistorten und kleineren Speisen, der Ablauf im Gastraum, Rechnungswesen und Personalmanagement. Bienert hat schon eigene Rezepte entworfen. Zuletzt war sie vier Wochen für ein Praktikum in Vicenza in Italien. Und hat gesehen, dass auch Italiener manchmal Zutaten aus der Tüte nutzen. Das hat sie überrascht. „Wir nehmen nur natürliches aus der Region“, sagt sie. Nach dem Ende der Lehre will sie im Haus, in der sogenannten Eismeierei, bleiben und den Kundenstamm ausbauen. Das Oberlineis gibt es auch am Tag der offenen Tür, zum Beispiel Gebrannte Mandel und Blutorange. Andere Azubis backen Brot, Pizza und Waffeln, es duftet durch die Flure.

In den Werkstätten sind die Maschinen Freitagnachmittag schon aus. Reinschauen kann man dennoch, es riecht nach Holz, Druckerschwärze und Metall. Hier kann man Berufe in den Bereichen Mediengestaltung, Einzelhandel, Lagerwirtschaft, Hauswirtschaft, Holz- und Metalltechnik, Wirtschaft und Verwaltung lernen. Auch Orthopädietechniker werden von Oberlin ausgebildet – ein anspruchsvoller Beruf, der sehr nachgefragt ist, so Abteilungsleiter Rainer Schönherr. „Wir sind fast die einzigen in Deutschland, die diese Ausbildung anbieten.“ Jugendliche mit normaler Berufsbildungsreife können pflegerische und soziale Berufe wie Heilerzieher lernen. Ab Oktober werden der Abschluss zum Pflegefachmann und zur Pflegefachfrau nach den neuen Ausbildungsrichtlinien angeboten.

Berufsbegleitung mit Therapie

Die Bildungseinrichtung am Rande von Babelsberg ist die einzige ihrer Art im Land Brandenburg für Jugendliche und junge Erwachsene mit körperlicher Behinderung oder anderen Einschränkungen, psychischen Störungen oder Lernschwierigkeiten, die Kosten trägt dabei jeweils die Arbeitsagentur. Unterrichtet wird in kleinen Klassen und mit weniger Zeitdruck. Nötige begleitende Therapien und Hilfen werden vom Haus und im Haus angeboten. Insgesamt arbeiten etwa 300 Mitarbeiter in Schule, Verwaltung und begleitenden Diensten.

Der Campus am Stadtrand, früher Grenzgebiet, wurde Anfang der 1990er angelegt. Er ist größer, als man von der Steinstraße erahnen kann. Auch Internate gehören dazu, Sporthalle und Sportplatz. Absolventen werden auch nach ihrem Abschluss beim Bewerbungsprozess für einen Job begleitet. „Oberstes Ziel ist die Vermittlung in Arbeit“, so Schönherr.