• Wie Mike Schubert die Potsdamer gewinnen will

Oberbürgermeisterwahl in Potsdam : Der Heimwerker

Er ist hier groß geworden, fest verwurzelt. Nun will Mike Schubert Oberbürgermeister von Potsdam werden. In seiner SPD heißt es: der kann das. Doch lernt die auch von ihm? 

Marion Kaufmann
Mike Schubert sei nah bei den Menschen, heißt es. Und kein bisschen abgehoben.
Mike Schubert sei nah bei den Menschen, heißt es. Und kein bisschen abgehoben.Foto: Martin Müller/PNN

Der Sozialdemokrat kommt zu spät für die Arbeiterklasse. Der Trupp von der Stadtreinigung, neun Männer in orangefarbenen Overalls, macht Rauch- und Kaffeepause vor dem Rewe-Markt. Sie werden am Sonntag nicht zur Stichwahl gehen, nicht mitbestimmen, wer der nächste Oberbürgermeister in Potsdam werden wird: Mike Schubert, 45, SPD, Sozial- und Ordnungsdezernent der Stadt und nach dem ersten Wahlgang mit 32,2 Prozent klarer Favorit? Oder die parteilose Gleichstellungsbeauftragte Martina Trauth, 53, die für die Linke antritt?

„Unsere Partei ist raus“, sagt einer der Männer, Mitte 30, blond, freundliches Gesicht. Und weil ihre Partei raus ist, sagt er nach einem Zug an der Zigarette und einem Schluck Kaffee aus dem Pappbecher, gehen sie auch nicht wählen. Ihre Partei, das sei die AfD.

Nicht die SPD also. Für sie als Arbeiter, als Angestellte der Potsdamer Stadtreinigung, deren Aufsichtsratschef der Oberbürgermeister ist, den seit 28 Jahren immer diese SPD stellt. „Die SPD, ja“, sagt ein Endfünfziger mit langem grauen Zauselbart und lässt das „ja“ in einer langen Sprechpause vielsagend in der Morgenluft stehen. Ganz so, als sage dieses „ja“ alles, über die älteste Partei Deutschlands und ihren Zustand in Bund und Land, über Potsdam, das Leben und das Wetter. „Frau Nahles ist für mich ein rotes Tuch“, sagt er. Und der Schubert, der werde ja wohl nicht dafür sorgen, dass ihre Löhne steigen.

Für die SPD geht es um alles

 Der AfD-Kandidat kam im ersten Wahlgang von Potsdam auf Platz fünf hinter denen der SPD, der Linken, der CDU und der Wählergruppe Die Andere. In der Stadt rechnen wohl alle mit einem Sieg Mike Schuberts. Es wäre ein wichtiger für die Partei. Denn die jüngste Meinungsumfrage im Auftrag des Rundfunks Berlin-Brandenburg sieht die SPD in Brandenburg nur noch bei 23 Prozent – gleichauf mit der AfD. Im kommenden Jahr finden hier Landtagswahlen statt und für die SPD geht es um alles, um den Erhalt der Macht, die sie seit 28 Jahren hat. Brandenburgs Sozialdemokratie müsste sich eigentlich fragen: Was macht der Schubert in Potsdam richtig, was im Land nicht gelingt?

Es ist 9.30 Uhr und Mike Schubert ist noch immer nicht aufgetaucht am Wahlkampfstand hier vor dem Rewe-Markt im Kirchsteigfeld, jenem Stadtteil im Süden der Landeshauptstadt, den man links liegen lässt, wenn man aus Richtung Berlin über die Nuthe-Schnellstraße Richtung Potsdamer Innenstadt fährt. Um 9 Uhr wollte er hier sein. Untypisch, dass er noch nicht da ist. Sonst ist Schubert pünktlich, präsent. Wohin man auch kommt in den vergangenen Monaten, er ist schon da. Nur eben nicht hier vorm Supermarkt im Nachwende-Neubaugebiet, das beliebt ist bei Familien und bei Pendlern, weil man seine Ruhe hat und schnell auf der Autobahn ist.

Die Männer von der Müllabfuhr sitzen auf Rohrstühlen, die der Supermarkt-Bäcker vor die Tür gestellt hat. Die Sonne taucht den kargen Vorplatz in ein schönes Licht, es soll ein warmer Herbsttag werden. Der SPD-Stand ist eine Gehwegbreite von ihnen entfernt, aber die Kluft könnte nicht größer sein. „Das war mal ne Volkspartei gewesen“, sagt der Jüngere, der hier im Kirchsteigfeld wohnt. 760 Euro Miete zahle er, für eine Zwei-Raum-Wohnung. „Aber das interessiert die nicht.“ Er deutet mit einer Kopfbewegung Richtung SPD-Stand. „Die kümmern sich doch nur um die Probleme der Flüchtlinge“, sagt er.

„Der Mike ist menschlich schwer in Ordnung.“

„Die SPD ist dann die Brandenburg-Partei, wenn sie mit dem Ohr bei den Menschen ist und sich den Problemen stellt.“ Diesen Satz spricht Mike Schubert am selben Tag, etwa fünf Stunden später, in der Aula eines Potsdamer Oberstufenzentrums in der Innenstadt, bei der Regionalkonferenz der Landes-SPD. Hier wird das Programm für die Landtagswahl in einem Jahr ausgelotet. Hier findet auch Landesparteichef und Ministerpräsident Dietmar Woidke in einer Rede warme Worte für „den Mike“. Der Mike Bischoff, sagt er, der habe früh verstanden, worauf es ankomme, sich eingesetzt für ein beitragsfreies Kitajahr im Land.

Woidke meint Schubert, spricht aber von Bischoff, dem Fraktionschef der Brandenburger SPD.

Die beiden Mikes stehen nebeneinander. Dass die Nachnamen vertauscht würden, das passiere öfter, sagt Bischoff. Und: „Der Mike ist menschlich schwer in Ordnung.“ Er kenne den Schubert quasi von Geburt an. Beide sind in Nordostbrandenburg, in Schwedt geboren. Beide wurden von derselben Hebamme auf die Welt geholt, Schubert acht Jahre später als Bischoff. Und weil die Hebamme den Namen nicht eingedeutscht habe, hießen sie beide Mike und nicht Maik, sagt Bischoff. Mike der Ältere erklärt: „Schubert ist hier tief verwurzelt, er hat viel politische Erfahrung gesammelt, er hat eine klare Vorstellung davon, was in Potsdam getan werden muss.“

Auf Landesebene war er weniger erfolgreich, was ihn gekränkt haben muss

Einige, Weggefährten wie Kontrahenten, innerhalb und außerhalb der Partei, sagen: Der Schubert, der hat sich gemacht. Das Kommunale bekommt ihm. Er ist schlanker geworden, drahtiger in den vergangenen Jahren. Auf Landesebene war er weniger erfolgreich, was ihn, den Ehrgeizigen, Strebsamen, gekränkt haben muss. Um das zu verstehen, und auch Woidkes Distanz zu ihm und umgekehrt, muss man einige Jahre zurückgehen. 2011 war der SPD-Unterbezirkschef Schubert einer von drei „jungen Wilden“ in der SPD, die Kritik an der Diskussionskultur im Landesvorstand übten. Diese müsse offener und kontroverser sein. 

Schubert, damals 38 und Vorsitzender der Parteikommission für das SPD-Leitbild „Brandenburg 2030“, war zu dem Zeitpunkt Büroleiter von Woidke, der damals Innenminister war. Der geißelte den Vorstoß des Trios damals als „entwürdigende Attacke“. Schubert verlor seinen Büroleiterposten, wurde im Ministerium zuständig für den Katastrophenschutz. In seinen letzten Jahren im Innenministerium, bevor er 2016 Sozialbeigeordneter in Potsdam wurde, wirkte Schubert oft verkrampft, angespannt. Arroganz wurde ihm nachgesagt, die vielleicht nur kaschierte Unsicherheit war, gekränkter Stolz.

Auf die Frage, ob er Innenminister werden würde, antwortet er promt 

In den Landtag hat Schubert es auch nicht geschafft. 2009 verlor er gegen den Linken Hans-Jürgen Scharfenberg, 2014 gegen die CDU-Kandidatin Saskia Ludwig. Im Wahlkampf, bei einem Podiumsgespräch mit allen sechs OB-Kandidaten Mitte September, antwortete Schubert auf die Frage, was er machen würde, wenn er in einem Jahr das Angebot bekäme, Innenminister zu werden, ohne zu zögern: ablehnen. Entschieden für Potsdam. Das ist auch sein Motto auf den Wahlplakaten. Ist er angesichts der überschaubaren Zahl an profilierten Köpfen der Landes-SPD trotzdem ein Kandidat für die Zukunft? Einer, der sich, falls er denn gewählt wird, nach acht Jahren im Potsdamer Rathaus im zweiten Anlauf für mehr empfiehlt?

Im Oberstufenzentrum kann Schubert zeigen, welche Visionen er für das Land hat. Dort gruppieren sich nun alle um rechteckige Stehtische. Darauf liegen große, hellbraune Pappen, daneben dicke Edding-Stifte in verschiedenen Farben – Wahlprogrammplanung. Schubert, blaue Jeans, Hemd, Jackett, keine Krawatte, gesellt sich an den Tisch, an dem über „starke Kommunen“ nachgedacht werden soll. Brandenburgs Bildungsministerin Britta Ernst, die Frau von Vizekanzler Olaf Scholz, ist auch in dieser Arbeitsgruppe. Und ein Genosse von der Basis, seit 26 Jahren in der Partei. „Was braucht Brandenburg jetzt? Worauf kommt es an?“, das sind die Leitfragen für den Workshop.

Das Land müsse überall gleichmäßig entwickelt werden, erklärt der Mann von der Basis. Brandenburg, das sei eben nicht nur Potsdam und auch nicht nur die Lausitz, über die jetzt, wo die Kohlekommission im Bund ihre Arbeit aufgenommen hat, viel geredet wird. Schubert hört zu, nickt. So ähnlich hat er es zuvor in seiner Rede auch formuliert. Er will keine Politik „von der Kirchturmspitze“ aus. Brandenburg brauche nicht nur starke Kommunen, sondern starke Regionen.

Kontakte hat er bereits gesucht, zum Nachbarlandkreis Potsdam-Mittelmark und in die Stadt Brandenburg an der Havel, die von einem CDU-Oberbürgermeister regiert wird. Wenn Schubert gewählt werde, wolle man die Zusammenarbeit ausbauen, über die Stadtgrenze hinausdenken.

Das kommt an. Wolfgang Blasig, seit 2009 Jahren SPD-Landrat von Potsdam-Mittelmark und einer der Teilnehmer der eher mäßig besuchten Regionalkonferenz, hat eine Erklärung, warum es für die SPD in Potsdam läuft, in der Fläche des Landes aber schon lange nicht mehr. „Potsdam war schon immer eigen“, sagt Blasig. Mit den Potsdamer Wahlkampfthemen – der Umgang mit dem Zuzug, die Wohnungsnot, der ICE-Anschluss – könne man in anderen Regionen, die mit Wegzug kämpfen, nicht punkten.

Schubert hatte ein Leben vor der Politik

„Keine Ahnung vom Leben“, das ist der Vorwurf, den die Männer der Stadtreinigung im Kirchsteigfeld jenen Politikern machen, die auch in der SPD gut vertreten sind. „Die machen einen halben Monat Praktikum und dann gehn se in die Politik“, sagt der Bartträger. Studium, Praktikum, Politik. Und wenn schon nicht keine, dann wohl nur etwas Ahnung vom Leben.

Auf Schubert trifft das nicht zu. Der kennt das Scheitern nicht nur auf politischer Ebene. 1989 beginnt er eine Ausbildung zum Industrieelektroniker, nach der Wiedervereinigung schließt er eine zweite Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ab. Mit 21 macht er sich als Versicherungsvertreter selbstständig, scheitert, muss Sozialhilfe beantragen. Als Quereinsteiger ohne Abitur – eine Errungenschaft sozialdemokratischer Bildungspolitik, wie ihm später klar geworden sei – studiert er an der Universität Potsdam Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Als Student arbeitet Schubert im Potsdamer Bürgerbüro des Landtagsabgeordneten und Ministerpräsidenten Matthias Platzeck. 18 Jahre lang ist er Stadtverordneter in Potsdam, viele Jahre davon als Fraktionschef.

Schubert, im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie nach Potsdam gezogen, wohnt sich durch die Stadtteile, in Zentrum Ost, einem Plattenbaugebiet, wächst er auf, er wohnt in Kirchsteigfeld, am Brauhausberg, auf dem auch der einstige Landtag steht und das ebenso verblichene Terrassenrestaurant „Minsk“, um dessen Abriss gerade gerungen wird. Inzwischen lebt Schubert mit Frau und zwei Kindern in einem Einfamilienhaus im Ortsteil Golm. Er kennt die verschiedenen Milieus, die Konflikte zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen, zwischen Wohlhabenden und Hartz-IV-Empfängern, dazwischen die Mittelschicht. Aber kennt er auch das Rezept, um diese Stadt zusammenzuhalten?

„Er ist nicht abgehoben" attestiert ihm Matthias Platzeck

Er habe es als in Potsdam Aufgewachsener überzeugend verstanden, die Entwicklungsprobleme der Stadt zu analysieren, zu beschreiben und Lösungen anzubieten. Das sagt Schuberts Mentor Matthias Platzeck. „Er arbeitet ganz klar mit dem Gesicht zu den Menschen, ist viel vor Ort, kann sich in andere hineinversetzen und weicht auch keiner schwierigen oder unangenehmen Debatte aus.“ Platzeck war vor seinem Wechsel ins Ministerpräsidentenamt 2002 selbst vier Jahre Potsdamer Oberbürgermeister. Der frühere Ministerpräsident Manfred Stolpe beschreibt Schubert ähnlich: „Er ist nahe bei den Menschen und ihren Sorgen, kann zuhören und ist nicht abgehoben.“

Die Frage ist: Reicht das, um Potsdam zu regieren? Reicht das gar irgendwann für mehr? Das Format seiner Vorgänger, das sagen auch einige in seiner eigenen Partei, das habe er (noch) nicht. Platzeck und danach 16 Jahre lang Jann Jakobs – das sind zwei Persönlichkeiten, die die wachsende Stadt in ihrer Entwicklung vorangebracht haben, die für Weltoffenheit standen, was bei den Zugezogenen, meist gut Gebildeten aus dem Westen, gut ankam. Daran kann Schubert anknüpfen.

Die Zahlen zeigen: Er hat im ersten Wahlgang in allen Stadtteile gewonnen, in der mondänen Berliner Vorstadt genauso wie in den Plattenbaugebieten, wo vorher die Linke erfolgreich war. Dort mag auch gut angekommen sein, dass sich der Ostdeutsche Schubert in der Debatte um den Umgang mit Bauten der Ost-Moderne anders positionierte als sein Vorgänger. Während der gebürtige Ostfriese Jakobs für den Abriss des Restaurants „Minsk“ war, könnte sich Schubert dessen Erhalt vorstellen – für eine Kita.

Schubert hat auch Versprechen für Besserverdiener parat

Schubert verspricht vielen vieles. Auch für die Besserverdiener, Unternehmer, Wissenschaftler, Familien aus dem roten Berlin, die ins zumindest landschaftlich grüne Potsdam ziehen, hat er etwas anzubieten. Platz für Firmengründungen zum Beispiel, besseren ÖPNV, wohnortnahe Kitas, die Rückzahlung zu viel gezahlter Kitabeiträge an die Eltern, die Aussicht, ein Wäldchen in Babelsberg, das für Sportplätze weichen soll – eine Art Potsdamer Äquivalent zum Hambacher Forst –, doch noch zu verschonen.

Damit können auch CDU- und Grünen-Wähler etwas anfangen. Aber kann Schubert halten, was er verspricht? Auffällig ist, dass viele Entscheidungen, etwa zum „Minsk“, zu den Kitabeiträgen, zum Wäldchen, auf die Wochen nach der Wahl verschoben wurden.

„Laber, laber, laber“, sagt der Bärtige von der Stadtreinigung. Von der SPD komme nichts als Gelaber und die Kandidatin der Linken, die kenne er gar nicht. Aber der Frust, der sich vor dem Supermarkt Bahn bricht, er ist noch nicht die Regel in Potsdam. Die AfD kam beim ersten Wahlgang auf 11,1 Prozent – das ist ungefähr die Hälfte dessen, was die Partei landesweit an Zustimmung verbuchen kann. „Es wird nur gelabert“, sagt der Bärtige unverdrossen, unterdessen stiegen die Mieten, die Löhne nicht. Dann wirft er seinen Kaffeebecher in den Abfallkorb und geht zurück zu seinem Fahrzeug.

Als Mike Schubert gegen 9.45 Uhr am Wahlkampfstand ankommt, sind die Männer von der Stadtreinigung längst weg.