• Obdachlosigkeit in Potsdam: Hilfe braucht viel Zeit

Obdachlosigkeit in Potsdam : Hilfe braucht viel Zeit

Immer mehr Menschen sind in Potsdam von Obdachlosigkeit betroffen – auch Jugendliche wie die 20-jährige Jessi. Im Projekt „Junge Wilde“ schöpft sie neue Kraft.

Stefan Engelbrecht
Die 20-jährige Jessi lebt seit zwei Jahren in der Obdachloseneinrichtung "Junge Wilde" in Potsdam.
Die 20-jährige Jessi lebt seit zwei Jahren in der Obdachloseneinrichtung "Junge Wilde" in Potsdam.Foto: A. Klaer

Potsdam - Fußball ist ihre Leidenschaft. Fußball hat sie gespielt zu einer Zeit, in der es ihr deutlich besser ging. Dann hatte Jessi keine Zeit mehr und musste ihr Hobby beenden. Damals war sie 16, lebte in Sachsen-Anhalt bei ihrem Vater und stand kurz vor der Prüfung zur Mittleren Reife. Jetzt sitzt die 20-jährige Jessi im Aufenthaltsraum mit Billardtisch, Fernseher und Tischtennisplatte im Potsdamer Obdachlosenprojekt für junge Erwachsene „Die Jungen Wilden“ – und erzählt ihre Geschichte. Sie habe erst bei Zerbst gewohnt. „Doch dann starb vor vier Jahren mein Vater und ich musste nach Potsdam zu meiner Mutter ziehen“, sagt die junge Frau und zupft etwas nervös an ihrem dicken Winterpulli. Das muss sie ziemlich aus der Bahn geworfen haben.

Schwierige Wohnungssuche in Potsdam

In ihrem neuen Zuhause bei der Mutter in der fremden Stadt gab es schnell einige Konflikte. Ihre Mutter lebte mittlerweile mit ihrem Partner in einer Wohnung im Stadtteil Am Stern. Den 26 Jahre alten Freund der Mutter kannte Jessi aus Kindergartenzeiten. „Ich habe diese Beziehung nicht akzeptiert, es gab dauernd Krach. Bis ich dann mit 18 zu den Eltern meines Freundes gezogen bin.“ Drei Monate hielt sie dort durch, in der fremden Familie in einer kleinen Wohnung, dann entschieden sich die beiden Jugendlichen, in die Einrichtung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) am Lerchensteig in Bornstedt zu ziehen. „Wir haben versucht, eine eigene Wohnung zu finden, das ist aber in Potsdam sehr schwer“, erzählt Jessi. Und bei ihrer Mutter könne sie nicht mehr einziehen. „Das halte ich nicht aus“, sagt die junge Frau – obwohl das Verhältnis zur Mutter und der vier Jahre jüngeren Schwester mittlerweile besser geworden sei. Sie sei jetzt seit bald zwei Jahren hier in der Einrichtung. „Es ist nicht schlecht, aber das sind ja eigentlich keine tragbaren Zustände.“ Man fühle sich, als ob man gescheitert sei, sagt sie.

Die Einrichtung ist ein einfacher Bungalow auf einem relativ großen freien Gelände mit mehreren möblierten Einzelzimmern, in denen die Jugendlichen untergebracht sind. An den Fenstern stehen viele Blumen, Gardinen verwehren den Einblick ins Innere der Zimmer. Es sieht nach Privatsphäre aus, nach Ruhe. Und Ruhe brauchen die meisten Bewohner, um sich neu zu sortieren.

„Die Obdachlosigkeit in Potsdam nimmt gefühlt zu“

24 Plätze und fünf Notbetten hat das Jugendprojekt „Junge Wilde“, alle sind komplett belegt, wie die Geschäftsführerin des Awo-Bezirksverband Potsdam, Angela Basekow, sagt. Auch das Obdachlosenheim mit 95 Plätzen und zehn Notbetten sei derzeit ausgelastet, ebenso das Familienhaus mit 40 bis 45 Betten. Dennoch werde keiner abgewiesen, schon gar nicht bei den kalten Temperaturen. Dazu gibt es noch die Notaufnahme.

„Die Obdachlosigkeit in Potsdam nimmt gefühlt zu“, so Basekow. Tatsächliche Zahlen dazu gebe es aber nicht. Noch immer werde bundesweit keine Statistik zur Obdachlosigkeit erhoben, kritisiert die Awo-Chefin. Nur damit könne aber nachgewiesen werden, dass mehr Menschen keine Wohnung mehr hätten und durchs soziale Netz rutschen. Gründe für Obdachlosigkeit seien vor allem Schulden, zersprengte Familien oder Krankheiten. Eindeutig sei aber auch, dass es Betroffenen wegen des angespannten Wohnungsmarktes in der Landeshauptstadt immer schwerer falle, eine Wohnung zu finden. „Es gibt in Potsdam keinen sozialen Wohnungsbau“, kritisiert Basekow. Auch tut die Stadt offenbar zu wenig für Obdachlose. So muss sich ein Sozialarbeiter bei den „Jungen Wilden“ um zwölf Bewohner kümmern. In Bayern seien es zwei bis drei Bewohner auf einen Betreuer, sagt der Leiter der „Jungen Wilden, Sascha Podubin. Die Arbeit der Betreuer beinhalte etwa die Begleitung bei Behördengängen, Anti-Drogenberatung, Gruppengespräche sowie den Aufbau von Vertrauen. Die Probleme der Jugendlichen seien massiv und nicht in einem halben Jahr zu erledigen. Die meisten müssten mehrere Jahre hierbleiben.

Nicht alle sind obdachlos

Wenige Möglichkeiten, aus ihrer Situation herauszukommen, haben die Besucher der Suppenküche der Volkssolidarität auf dem Gelände der Stadtverwaltung. Nach Angaben des neuen Leiters der Einrichtung, Detlef Haupt, nutzen täglich 15 bis 20 Bedürftige das günstige Mittagessen. Knapp 40 Personen halten sich in den Räumen täglich auf. Nicht alle davon sind obdachlos. Tatsächlich seien bei dem kalten Wetter weniger hier gewesen, sagt Haupt. Das liege vielleicht daran, dass sie nach Berlin ausweichen.

Immerhin: Einen festen Wohnsitz haben Volkmer Peter (71) und Helga. Sie ist 73 und will ihren Nachnamen nicht nennen, beide sind bereits im Rentenalter. Hier könne man sich unterhalten, treffe Freunde, komme raus aus der einsamen Wohnung, sagen sie. Ähnlich sieht es der 59 Jahre alte Klaus. Er habe vor einigen Jahren seinen Job in der Automobilzuliefererbranche verloren, seitdem beziehe er Hartz IV. Jeden Tag rechne er nun mit einem Jobangebot im Wachschutz. Das reiche dann bis zur Rente.

Die 20-jährige Jessi hingegen will mehr. Nach dem Tief in den vergangenen Jahren will sie jetzt gerne Tierpflegerin werden. Sie sucht ein Praktikum – eher im landwirtschaftlichen Bereich, mit Kühen oder Ziegen. Hunde mag sie auch, aber sie könne nicht in einem Tierheim arbeiten. Das würde ihr das Herz brechen, sagt sie. Und ihr Freund? Hat der auch neue Ziele, will er auch seine Situation verbessern? „Naja, der schläft gerade“, sagt Jessi und lächelt.