Potsdam : Nur nicht zurück auf die Straße

Ende der Förderung: Der Musikant Ralf Kelling gründete eine Schulbibliothek. Nun wird er zum Sozialfall

Guido Berg
Ausgelesen. Die Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Schule wird geschlossen. Ralf Kelling, „der singende Bibliothekar“, hat keine Stelle mehr.
Ausgelesen. Die Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Schule wird geschlossen. Ralf Kelling, „der singende Bibliothekar“, hat keine Stelle...Foto: Andreas Klaer

Das war damals eine Sache, auf die viele stolz waren. Bei der Vorstellung des Programms „Arbeit für Brandenburg“ saß Ralf Kelling als Vorzeigefall sogar neben der Potsdamer Sozialbeigeordneten. Ralf Kelling, Heimkind, Straßenmusiker, über 50-jähriger Langzeitarbeitsloser, wird durch den Aufbau der Schulbibliothek in der Rosa-Luxemburg-Straße „Stabilität im Leben“ finden. Das war nicht nur Kellings Hoffnung – und die Realität sollte sie nicht einmal enttäuschen.

Zumindestens bis zum 10. Oktober 2012. An diesem Tag endet das zweijährige Programm „Arbeit für Brandenburg“. Herr Kelling, was machen Sie dann? „Dann“, sagt der kleine Mann mit den dunklen Augen, „falle ich erst einmal in ein tiefes Loch“. Dem 57-Jährigen droht, „wieder ein Sozialfall“ zu werden.

Die Bibliothek der Rosa-Luxemburg-Schule war Anfang 2011 im Keller eingemottet, verpackt in Kartons. Heute besteht sie aus 1372 Büchern – die Klassensätze ausgenommen. Sie sind registriert, geordnet, beschriftet und in Regalen einsortiert. Diese stehen an den Wänden eines lichtdurchfluteten, mit einer gepolsterten Leseecke ausgestatteten Raums. In der Pause kommen die Schüler und lesen. „Comics gehen am besten“, sagt Ralf Kelling. Auf einem Plakat steht ein Zitat von Aldous Huxley: „Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten.“

Jedes Buch hatte Kelling in der Hand, er hat den ausgefransten Buchrücken mit Tesafilm stabilisiert, den er selbst besorgte. Jedes Buch bekam einen Ausleihzettel, eine Nummer, die Kelling nur in den von ihm gangbar gemachten alten Schulcomputer eingeben muss: Voilà, alle Informationen stehen parat, wie das Buch heißt, wer es ausgeliehen hat und so weiter. 173 von 300 Schülern sind in der Schulbibliothek registriert. „Keine schlechte Quote“, findet Kelling.

Aber das ist noch nicht alles, was Ralf Kelling und die Schule zu einer besonderen Verbindung werden ließ, deren Auflösung nicht nur für ihn so schmerzlich ist. „Die Kinder lieben den einfach …“ Die das mit großer Wehmut sagt, ist Vivianne Schnurbusch, die Chefin des Vereins Kunstgenossen, Träger der für Ralf Kelling im Programm „Arbeit für Brandenburg“ geschaffenen Stelle eines Schulbibliothekars. Auf eine Anschlussfinanzierung für Kelling hat sie sehr gehofft, doch bislang vergebens; für Schulbibliothekare gibt es keine Stellen.

Kelling ist für die Schüler „der singende Bibliothekar“ geworden. Eine Kostprobe? Kelling nimmt seine Gitarre von der Wand, schnappt sich die Mundharmonika der Marke Hohner, die er mithilfe eines Schulterbügels vor den Mund hält, während er in die Saiten greift. Die Kinder sind vernarrt in „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Doch zur Demonstration spielt Kelling „Kokain“ von Hannes Wader: „Oh Mama, komm schnell her. Halt mich fest, ich kann nicht mehr. Cocaine, all around my brain.“

Viele Jahre verdiente sich Ralf Kelling sein Geld als Straßenmusiker. An Liedern wie „Die Gedanken sind frei“ nahm die DDR-Staatssicherheit Anstoß; direkt vom Boulevard Brandenburger Straße weg verhafteten sie ihn und brachten ihn in die Lindenstraße 54. Bis zum Stasi-Knast sind es nur wenige Schritte. Straßenmusik war auch nach der Wende 1989 ein Weg für Kelling, sich über Wasser zu halten. Doch jetzt? „Zurück geht gar nichts mehr“, resigniert der Mann, „Wer geht schon mit knapp 60 zurück auf die Straße?“

In der DDR konnte Kelling nie richtig Fuß fassen. Das fing schon nicht gut an: Als sie ihn mit 18 Jahren aus dem Kinderheim entließen, schrieben sie in seine Akte, ein Kommunist sei aus ihm nicht geworden. Das kam daher, weil er sich gern aus dem Heim „Jenny Marx“ in Rerik an der Ostsee fortschlich, um beim Dorfpfarrer Gitarre spielen zu lernen. Im Heim hieß es, „ich sollte lieber Akkordeonunterricht nehmen …“ Notenlesen kann er bis heute nicht, aber er braucht eine Melodie nur zu hören, schon kann er sie spielen. Die Erzieher im Heim waren vorher Polizisten oder Seeleute. „Das war in den 50er, 60er Jahren so, wer lesen und schreiben konnte, war Lehrer.“ Die Heimpädagogik bestand aus Brüllsätzen wie „Zuhause am Fensterkitt nagen und hier den Mund aufreißen …“ Als sie ihn beim Glockenläuten in der Dorfkirche erwischten, war im „Jenny Marx“ der Teufel los.

Geboren ist Ralf Kelling in Hildesheim. Das ist sicher, denn seine Mutter schob seine Geburtsurkunde in die Windeln, bevor sie ihren neugeborenen Sohn nur wenig östlich hinter der deutsch-deutschen Grenze auf eine Parkbank ablegte und aus Kellings Leben verschwand. Waltraud Kelling war Landarbeiterin und wohnte in einem Heim für obdachlose Mütter, das ist es, was Kelling von ihr weiß. Sein Vater meldete sich später mal bei ihm. Doch: „Ich kam mit dem nicht klar.“

Nach dem 10. Oktober wird die Bibliothek verschlossen. Ohne Aufsicht wäre sie in kurzer Zeit dahin. Stundenweise will Kelling sie öffnen. Ehrenamtlich.

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