Potsdam : NS-Opfer blieben ohne Antwort

Oberbürgermeister-Büro reagierte nicht auf Brief der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten

Guido Berg
Geteilter Himmel. Die Lindenstraße 54 ist als „Stasiknast“ bekannt. Sie war aber auch Tatort im Nationalsozialismus.
Geteilter Himmel. Die Lindenstraße 54 ist als „Stasiknast“ bekannt. Sie war aber auch Tatort im Nationalsozialismus.Foto: Andreas Klaer

Innenstadt - Erneut kommt das Büro des Oberbürgermeisters in die Kritik, weil es auf wichtige Briefe an den Verwaltungschef nicht reagiert. Sorgte kürzlich die Nichtbeantwortung eines Briefes des Potsdamer Ehrenbürgers Friedrich Mielke für Schlagzeilen, ist es nun immerhin die Arbeitsgemeinschaft „Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten“, der seit Januar auf Antwort vom Oberbürgermeister wartet. Diese Vertretung von Opfern der nationalsozialistischen Rassenpolitik wollte von der Rathausspitze über „die erinnerungspolitischen Vorhaben bezüglich des Erinnerungsortes Lindenstraße“ informiert werden, wie Margret Hamm vom Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten nun in einem zweiten, nun offenen Brief, an den Oberbürgermeister informiert. Geschichtlicher Hintergrund des Anliegens ist das zwischen 1934 und 1944 in der Lindenstraße 54 ansässige „Erbgesundheitsgericht“, das auf Grundlage des rassistischen „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ Tausende Menschen zu Zwangssterilisationen verurteilte.

Stadtsprecher Stefan Schulz bestätigte gestern auf PNN-Nachfrage sowohl den Eingang des Briefes der NS-Opfer-Organisation am 30. Januar dieses Jahres als auch das Ausbleiben eines Antwortschreibens. „Ja, der Brief wurde nicht beantwortet“, erklärte der Sprecher: „Es ist bedauerlich und tut uns leid.“ Gleichzeitig kündigte Schulz an, der Bund der Opfer der NS–Rassenideologie werde eine Antwort des Oberbürgermeisters erhalten. Schulz erklärte ferner, in der Sitzung des Kulturausschusses am heutigen Donnerstag werde „ausführlich zum weiteren Vorgehen mit und in der Gedenkstätte Lindenstraße informiert“. Beabsichtigt sei, bis vor der Sommerpause einen Workshop zu veranstalten, an dem alle Opfer-Gruppierungen eingeladen werden. Der Sprecher versicherte, dass explizit auch die Arbeitsgemeinschaft Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten in die Planungen einbezogen werden soll. „Alle Opfergruppen sollen berücksichtigt werden“, erklärte Schulz.

Der Bund der Euthanasie-Geschädigten und Zwangssterilisierten war 1987 zunächst als Verein gegründet worden, wie Briefschreiberin Margret Hamm den PNN gestern sagte. Seit 2010 gebe es nur noch eine Arbeitsgemeinschaft, da das Bundesministerium für Gesundheit die Förderung eingestellt hat. „Jetzt arbeiten wir ohne Geld und ohne Büro“, sagte Magret Hamm. Derzeit vertrete die Arbeitsgemeinschaft noch 400 Opfer, die zumeist schwer traumatisiert seien. Bis Mai 1945 waren aufgrund der Beschlüsse der Erbgesundheitsgerichte etwa 350 000 Menschen zwangssterilisiert worden. Zehntausende wurden Opfer der Euthanasie-Mordaktionen der Nazis. Margret Hamm zufolge ist eine komplette Rehabilitierung und unbürokratische Entschädigung von Opfern und Hinterbliebenen bis heute ausgeblieben.

Als „unfassbar“ bezeichnet sie es, dass in der Lindenstraße 54 noch immer nicht in angemessener Weise an die NS-Opfer erinnert wird. Erst in der vergangenen Woche war eine erneuerte Ausstellung über die NKWD- und Stasi-Opfer des Geheimdienst-Untersuchungsgefängnisses Lindenstraße 54 eröffnet worden. Ein Ausstellungsmodul über die NS-Zeit war in der vergangenen Zeit mehrmals angekündigt worden und wird nun nach Auskunft des Leiters des Oberbürgermeisterbüros, Dieter Jetschmanegg, für das kommende Jahr in Aussicht gestellt.