• Neues Modellprojekt in Potsdam geplant: Gurgeln für Grundschüler

Neues Modellprojekt in Potsdam geplant : Gurgeln für Grundschüler

Das Rathaus bereitet eine neue Teststrategie in Grundschulen vor. PCR-Tests für den Klassenverband sollen Corona-Infektionen schneller feststellen. Eine Genehmigung des Landes steht aber noch aus. 

Potsdam möchte Coronafälle in Grundschulen per Gurgeltest schneller entdecken. 
Potsdam möchte Coronafälle in Grundschulen per Gurgeltest schneller entdecken. Foto: dpa

Potsdam - Die Stadt Potsdam plant ein neues Modellprojekt: Statt der Nasen-Abstrichtests sollen Grundschüler zweimal wöchentlich per Gurgeltest auf das Coronavirus getestet werden. Der Clou: Statt der Schnelltests sollen PCR-Tests zum Einsatz kommen, die Infektionen mit deutlich höherer Sicherheit entdecken. Das kündigte Potsdams Amtsärztin Kristina Böhm am Dienstag in einem Gespräch mit Journalisten an.

Diese neue Teststrategie soll dabei helfen, Corona-Fälle in Schulen früher zu entdecken und Infektionsketten zu brechen. "Wir haben das Schuljahr 2021/22 im Blick. Mit dieser Strategie könnten alle Kinder in den Grundschulen nach den Ferien in Präsenz starten", so Böhm. 

Beginnen könnte der Pilotversuch Gurgeltest jedoch bereits vorher: "In 14 Tagen können wir einsatzbereit sein", sagte Böhm. Man sei bereits im Gespräch mit Partnern, auch das Material - also die Tests - sei bereits vorhanden. Ob das Modellprojekt allerdings wirklich umgesetzt werden kann, hängt vom Land ab. Man warte und hoffe derzeit auf eine Genehmigung durch das Bildungsministerium. 

Wien gurgelt

Gurgeln statt popeln - Wien geht diesen Weg mit der Kampagne "Alles gurgelt!" bereits erfolgreich. Dort werden die Tests in Supermärkten und Tankstellen verkauft und dienen als Nachweis für einen Frisörtermin oder eine Reise. Man habe sich bereits mehrfach mit Österreichs Hauptstadt ausgetauscht, sagte Böhm. Wien habe auch alle Unterlagen online zur Verfügung gestellt - per "Copy and Paste" könne das Prinzip an Potsdams Grundschulen geholt werden.

Amtsärztin und Gesundheitsamtschefin Kristina Böhm.
Amtsärztin und Gesundheitsamtschefin Kristina Böhm.Foto: Sebastian Gabsch

Grundprinzip sind Tests von Gruppen - in diesem Fall des Klassenverbandes - durch einen einzigen PCR-Test. Jedes Kind, so der Plan, führt zweimal wöchentlich zu Hause einen Gurgeltest durch und spuckt in ein Röhrchen. Die Probe wird zweigeteilt. Ein Teil wird in der Schule mit allen anderen Proben aus einer Klasse zusammengeschüttet - und diese Gemeinschaftsprobe dann im Labor per PCR-Test untersucht. Der Test sei hochsensitiv, erläutert Böhm. Sei er negativ, bedeute das, dass alle Schüler der Klasse negativ sind. Sei mindestens ein Kind in der Klasse positiv, falle der Test positiv aus. Dann werde der zweite Teil jeder Probe einzeln untersucht, um die infizierten Kinder zu finden. Das Ergebnis könne am selben Tag, spätestens am Folgetag vorliegen. 

Eis essen am Wochenende dank Schultest

Die Chefin des Gesundheitsamtes sieht in dem Wiener Gurgelmodell einen weiteren Vorteil: Diese könnten für die Kinder für 72 Stunden als Negativ-Testnachweis gelten. "Wenn wir zweimal wöchentlich testen, kann auch das Wochenende mit abgesichert werden. Die Kinder könnten dann auch am Wochenende damit Eis essen oder auf die Bowlingbahn gehen", sagte Böhm. 

Der Hintergrund des neuen Vorstoßes ist das weiterhin aktive Infektionsgeschehen in Kitas und Grundschulen. Dieses flaut nicht ab, im Gegenteil (siehe Corona-Lage). Die Inzidenz liegt insbesondere bei Kindern und Jugendlichen deutlich über dem Landes- und dem Bundesschnitt. 

Dominanz der britischen Variante

Eine echte Erklärung für diese Steigerung hat auch Amtsärztin Böhm nicht. Ein Faktor sei sicher die Dominanz der ansteckenderen britischen Virus-Variante B.1.1.7, ein anderer die schwierigere Eindämmung im Ballungsraum. Um den 13. März, einige Tage nach den Osterferien, kippte die Lage bei den Null- bis Vierjährigen. Das zeigt eine Auswertung der Stadt. Die Kurve der Inzidenz zeigt deutlich nach oben. Etwa zwei Wochen später folgt eine ähnliche Entwicklung bei den Fünf- bis 14-Jährigen. "Wir gehen davon aus, dass die Kinder asymptomatische Infektionen aus den Ferien in die Gemeinschaftseinrichtungen reingetragen haben", sagte Böhm.

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"Wir sind alles andere als glücklich darüber, dass die Inzidenz bei uns nicht so sinkt wie im Umland", machte sie deutlich. "Wir glauben, dass wir durch unsere Strategie mehr Fälle detektieren." So habe man in der zweiten Welle durch die Gruppentestung von Kontaktpersonen aus Gemeinschaftseinrichtungen kaum weitere Fälle entdeckt. "Jetzt ist das anders", so Böhm. Zwar nähmen an den Reihentestungen nur 20 bis 60 Prozent der angeschriebenen Personen teil. Aber häufig entdecke man trotzdem weitere Fälle. Immer wieder identifiziere man über einen positiven Schnelltest eines Kindes eine ganze Familie mit Corona-Infektion.

Ein Fall zieht Kreise

Das kann schnell Kreise ziehen: Böhm beschreibt einen kürzlich aufgetretenen Fall, in dem ein Kind positiv getestet wurde. Die Familie wurde als Kontaktpersonen ebenfalls getestet - und beide Eltern und beide Geschwister waren ebenfalls infiziert. Da Vater und Mutter als Lehrer an verschiedenen Schulen tätig waren und die Geschwister ebenfalls Schulkinder waren, ergaben sich dadurch eine ganze Reihe von Kontaktpersonen an verschiedenen Einrichtungen. Wenn sich in einer Kita die Fälle häufen, werde ein Betretungsverbot ausgesprochen, um "einen Cut zu setzen", so Böhm. Die ganze Einrichtung schließe dann während der Quarantäne - derzeit der Fall in der Kita Sternkinder. 

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Trotz dieser Häufungen präzisierte Böhm: "Wir gehen noch immer davon aus, dass Kita, Schule und Hort nicht Infektionstreiber sind." Vielmehr entdecke man durch die systematische Testung an diesen Orten mehr Fälle, die sonst - Stichwort asymptomatische Infektion - unentdeckt geblieben wären. 

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