• Neues Leben für alte RAW-Halle: Größtes IT-Zentrum Europas entsteht in Potsdam

Neues Leben für alte RAW-Halle : Größtes IT-Zentrum Europas entsteht in Potsdam

Auf dem Gelände der seit Jahren leerstehenden RAW-Halle in Potsdam soll ein international bedeutsames IT- und Innovationszentrum entstehen - und das recht schnell. Es gibt aber auch erste Kritik.

So soll das neue Innovationszentrum in Potsdam einmal aussehen – hier der Blick von der Friedrich-Engels-Straße.
So soll das neue Innovationszentrum in Potsdam einmal aussehen – hier der Blick von der Friedrich-Engels-Straße.Grafik: J. Mayer H. und Partner

Potsdam - Die Bauverwaltung treibt den mindestens 100 Millionen Euro teuren Neubau für ein international bedeutsames IT- und Innovationszentrum auf dem Gelände der denkmalgeschützten und seit Jahren leerstehenden RAW-Halle voran. Für das Großprojekt an der Friedrich-Engels-Straße – die Investoren sprechen von Europas größtem Zentrum dieser Art – soll ein Bebauungsplan im beschleunigen Verfahren aufgestellt werden, kündigte Potsdams Baudezernent Bernd Rubelt (parteilos) am Dienstag vor Journalisten an.

Zwei namhafte Mieter aus der Digitalwirtschaft gefunden

Denn die Investoren wollen das bis zu 33 Meter hohe Gebäude bis Ende 2021 vollendet haben, wie ihr Vertreter Mirco Nauheimer erklärte: „Das Interesse ist schon jetzt sehr groß.“ Man habe bereits zwei namhafte und international tätige Ankermieter aus der Digitalwirtschaft, die mit insgesamt 800 Angestellten einziehen würden – einer davon sei schon in Potsdam tätig. Namen nannte er noch keine – und er dementierte, dass auch der Konzern Google nach der gescheiterten Ansiedlung des Google-Campus in Berlin-Kreuzberg zu den Interessenten zählt. 

Die rund 14 Meter hohe RAW-Halle wird saniert und von neuen Baukörpern umrahmt.
Die rund 14 Meter hohe RAW-Halle wird saniert und von neuen Baukörpern umrahmt.Grafik: J. Mayer H. und Partner

Nauheimer betonte aber mit Blick auf die enge Zeitschiene, die interessierten Firmen hätten „jetzt“ Interesse. Für rund 1000 Arbeitsplätze sind dabei zwei markanter Baukörper geplant, die die ins Projekt integrierte voll Wagenhalle gewissermaßen rahmen – über der einst vom Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) genutzten Halle entsteht eine gezackte und bis zu 33 Meter hohe Dachlandschaft. Unter anderem seien 28.000 Quadratmeter Fläche für Büros geplant, sagte Nauheimer, der selbst in Potsdam wohnt.

Langzeit-Hotel, Sportbereich, Gastronomie und Veranstaltungsraum geplant

Allerdings soll es nicht nur bei reinen Gewerbeflächen bleiben – der Standort soll belebt und bespielt werden, wie Nauheimer sagte. So sind ein Langzeit-Hotel etwa für Gastwissenschaftler, ein Sport- und Fitnessbereich, Gastronomie, Einzelhandel und ein Veranstaltungsraum für bis zu 500 Personen geplant. Dort seien voraussichtlich sogar Konzerte möglich, sagte Nauheimer. Unter dem RAW-Komplex soll eine Tiefgarage mit mehr als 350 Plätzen entstehen. Ebenso soll es hunderte Fahrradstellplätze geben, dazu setzen die Investoren bei der Anbindung auf die Nähe zum Hauptbahnhof. Das Vorhaben unter dem Titel „Creative Village/ Innovation Lab“ umfasst eine Fläche von 3,7 Hektar – das sind fast vier Fußballfelder.

Für den Investoren soll noch schneller Baurecht geschaffen werden

Allerdings muss die Stadtpolitik noch zustimmen. Zunächst wird für die Stadtverordnetenversammlung am 5. Dezember der Aufstellungsbeschluss für einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan eingebracht. Auch der Gestaltungsrat werde bei einer öffentlichen Sitzung noch einmal über das Projekt beraten, kündigte Rubel an, der von einer „außergewöhnlichen Architektur“, einem „innovativem Nutzungskonzept“ und „viel unternehmerischem Mut“ sprach. Nach PNN-Informationen war im Rathaus im Sinne der Investoren auch erwogen worden, noch schneller Baurecht zu schaffen, also auf einen Bebauungsplan zu verzichten. Das habe sich aber als nicht genehmigungsfähig erwiesen, sagte Rubelt.

Das Zick-Zack-Dach soll ein Markenzeichen des neuen Zentrums werden.
Das Zick-Zack-Dach soll ein Markenzeichen des neuen Zentrums werden.Grafik: J. Mayer H. und Partner

Dann hätte man auch die Stadtpolitik nicht fragen müssen – und dort regt sich schon erster Unmut. So sagte die Grünen-Bauexpertin Saskia Hüneke auf PNN-Anfrage, das Projekt sei zwar reizvoll – die Dimensionen für Potsdamer Verhältnisse aber extrem. „Da habe ich Zweifel, wie das passt.“ Rubelt sagte, man habe bereits erste Hinweise aus dem Gestaltungsrat und von der Landesdenkmalpflege in das Projekt eingearbeitet. Zuständig für die Form des Baus ist das Berliner Architekturbüro von Jürgen Hermann Mayer, der weltweit schon futuristisch anmutende Gebäude entworfen hat. Ein Bauantrag werde derzeit vorbereitet, sagte Investorenvertreter Nauheimer.

Investor Trockland ist wieder ausgestiegen

Apropos Investoren: Hier gibt es Neuigkeiten, die aber auch für Fragen sorgen. Denn bisher war bei allen Terminen zur Vorstellung des Anfang des Jahres erstmals präsentierten Projekts die Rede davon, dass der Berliner Projektentwickler Trockland und internationale Kapitalgeber das Vorhaben stemmen – dafür hatten sie das Gelände von der Baufirma Semmelhaack gekauft. Doch Trockland ist ausgestiegen, wie eine Sprecherin der Firma auf Anfrage sagte: „Aufgrund einiger größerer Projekte, auf die sich Trockland gerade vorbereitet, wurde beschlossen, dass wir uns auf diese konzentrieren.“ Daher ist nun die erst vergangenes Jahr gegründete RAW Potsdam GmbH verantwortlich, wie ihr Chef Nauheimer sagte. Hinter der Firma mit Sitz in Berlin stehe wiederum eine Green Palmers Limited mit Sitz in Zypern, die in mehreren Ländern im Immobilienbereich tätig sei. Den aus Europa stammenden Geldgeber hinter dem Gesamtprojekt wolle man noch öffentlich vorstellen, sagte Nauheimer. Auslöser für das Engagement sei auch die angekündigte Erweiterung des Hasso-Plattner-Instituts.

Für Potsdams Wirtschaftsförderer Stefan Frerichs sind das alles Nachrichten, „von denen wir vor ein paar Jahren noch nicht zu träumen gewagt hätten“. Potsdam könne so überregional als bedeutender IT-Standort vermarktet werden. 

So war Potsdam schon im vergangenen Jahr vom Bundeswirtschaftsministerium zu einem von zwölf bundesweiten Digital-Hub-Kommunen in Deutschland ernannt worden. Zudem haben Softwareriesen wie Oracle bereits Standorte in Potsdam, die von Plattner gegründet Firma SAP hat ein großes Innovationszentrum am Jungfernsee errichtet.