• Neues Café in Potsdam: Was hättest du gern, mein Engel?

Neues Café in Potsdam : Was hättest du gern, mein Engel?

Giacomo Vogel wollte nie wie Vater Jürgen Schauspieler werden. Jetzt eröffnete er ein Café in Potsdam.

Das Café "what do you fancy love" von Giacomo Vogel eröffnet Café in der Potsdamer Dortustraße.
Das Café "what do you fancy love" von Giacomo Vogel eröffnet Café in der Potsdamer Dortustraße.Foto: A. Klaer

Potsdam - Mit den Hockern ist das so: Es passen davon mehr auf dieselbe Fläche als Stühle. Und es erhöht die Gast-Fluktuation, sagt Giacomo Vogel. Mit seinem Bruder Ritchie ist er Inhaber eines neuen Cafés in der Dortustraße 52, und beide sind keine Anfänger in Sachen Gastronomie. 2012 eröffneten sie ihr erstes Café in Berlin, das neue in Potsdam ist das siebente. Und das dritte mit dem ungewöhnlichen Namen „What do you fancy love?“.

Der Name hat eine Geschichte. Ritchie Vogel lebte einige Jahre in London, von wo aus er lauter verrückte Gastro-Konzepte und eben diesen Satz zurück nach Berlin brachte. Der lasse sich etwa so übersetzen, erklärt Giacomo: Was hättest du gern, mein Engel? Worauf hast du Lust?

„Das ist ein Name, den man sich merkt, der bleibt hängen“, sagt er am dritten Tag, den das neue „Wottifänzlov“ – so klingt es, wenn der Chef schnell spricht – in der Dortustraße geöffnet ist. Vogel ist glücklich, es ist geschafft, endlich. Länger als ein Jahr dauerte das Gezerre mit der Stadtverwaltung, weil das Geschäft für gastronomische Zwecke umgewidmet, umgebaut und abgenommen werden musste – während die monatliche Miete längst floss. Aber die Inhaber benachbarter Geschäfte trösteten ihn. Und das Ordnungsamt, immerhin, das war schnell, als es um die Nutzungsgenehmigung des Bürgersteigs ging. Die halfen sogar beim Ausmessen, sagt Vogel mit ehrlicher Begeisterung. Verglichen mit Berlin sei das Tischeaufstellen hier übrigens richtig günstig.

Die ersten Gäste sind längst da, Studenten, Touristen, Mütter mit Kinderwagen und Hund. Damit hat er kein Problem, sagt Vogel, die sollen ruhig alle kommen, solange Platz ist. Auch die Sparsamen, die sich mit einem Espresso für zwei Stunden ins W-Lan setzen. Irgendwann, sagt Vogel, wird jeder hungrig. Und wer sich wohl fühlt und hier noch dazu neue Leute kennenlernt, der kommt wieder. Die Idee, hier einen Laden zu eröffnen, hatte seine Stiefmutter, die hier in der Nähe lebt. „Mach doch mal was in Potsdam,“ sagte sie. Also hat er sich über die Einwohnerzahl informiert und an einem Sonntag die Touristenströme in der Brandenburger Straße beobachtet. Er staunte, was da los war. „Außerdem gibt es hier 40 000 Studenten, von denen ein Drittel bestimmt hier wohnt“, schätzt Vogel. „Irgendwo müssen die frühstücken gehen.“

Kalte Küche mit angesagten Superfoods, von Chiasamen bis Kakao-Chips

Die Karte bietet kalte Küche mit angesagten Superfoods, von Chiasamen bis Kakao-Chips. Selbstredend frischen Kaffee, Tees, frisch gepresste Säfte, Shakes, Müslis, dick belegte Bagel und Brote. Auch mit Fleisch, nicht nur vegetarisch. Man ist zwar auf alle Wünsche und Befindlichkeiten eingestellt und bei der Bestellung werden Allergien abgefragt. Aber einschränken wollen sie sich nicht. Das gesunde Zeug muss auch schmecken, sagt Vogel. Wie die handtellergroßen Cookies und saftigen Torten aus ihrer eigenen Bäckerei. Was davon übrig bleibt, und das ist nicht viel, geht abends zur Potsdamer Tafel.

Giacomo Vogel, 29 Jahre alt, hat das Gastro-Geschäft nie gelernt. Aber Schauspieler werden wie sein Vater Jürgen Vogel, das kam auch nicht in Frage. „Wir haben kein Talent“, sagt er nüchtern über sich und seinem Bruder. Als er 15 war, begann er in genau demselben Restaurant zu jobben, in dem sein Vater einst als Schüler gearbeitet hatte. Kartoffeln schälen, Gemüse schnippeln. Arbeiten lernen. Geld verdienen, denn das Taschengeld reichte nicht zum Partymachen. Insofern hat der Vater doch Anteil an der Berufswahl. Außerdem: In der Gastronomie, sagt Giacomo, kann man Menschen schnell glücklich machen, man hat sofort ein Erfolgserlebnis. Das findet er gut. „Jeder hat eben seinen Beruf.“

Nur einmal baten die Söhne ihren Vater um Unterstützung: „Als wir den ersten Laden aufmachten, musste er einen Monat lang täglich eine Stunde vor dem Haus sitzen, Kaffee trinken und nett aussehen“, sagt Giacomo und grinst. Die Leute kamen jedenfalls. Heute ist das nicht mehr nötig. Ob der Vater trotzdem mal nach Potsdam kommen wird? „Mal sehen, bestimmt“, sagt der Sohn. „Er hat ja unheimlich viel zu tun.“

Zwei mal täglich zwischen Berlin und Potsdam

Auch Giacomo Vogel hat zu tun, er pendelt bisweilen zwei mal täglich zwischen Berlin und Potsdam. Einen Mixer ersetzen, den es gleich am ersten Tag entschärft hatte, oder Personalgespräche führen. Wer Bock hat auf ein tolles Team, der sei bei ihm richtig. Das Team entscheidet, ob jemand eingestellt wird. Die Ansprüche des Chefs: „Lächeln, freundlich sein, das kostet nichts“, sagt Giacomo Vogel. „Und Verschlafen ist Scheiße.“ Denn dann muss er selber einspringen und den Laden aufschließen.

Von den Brüdern ist er derjenige, der vor Ort alles managt. Sein Bruder Ritchie ist der Designer im Hintergrund, der einrichtet. Das Corporate Design ist eher nüchtern: grauer Estrich-Fußboden und als Blickfang eine bunte Wand, tapeziert mit Seiten aus Fotobüchern. Holztische, hinterm Tresen Edelstahl, der Durchgang zur Küche offen. Der Kunde soll alles sehen können, auch, dass es sauber ist.

Zum Konzept gehört, dass alle geduzt werden. Und die verlässlichen Öffnungszeiten. An Wochentagen von 8 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag ab 9 Uhr an 365 Tagen im Jahr. Er hat die Erfahrung gemacht, dass gerade an Feiertagen viele nicht wissen, wohin, auch Touristen. Diese Einstellung, dass es gerne etwas familiär sein darf, stammt aus dem Vogel-Clan. „Wir sind eine riesige Patchworkfamilie“, sagt Giacomo, „mit vielen Geschwistern und drei Müttern“. Eine dieser Mütter hilft mit und macht die Buchhaltung, und Giacomos Freundin leitet einen Laden in Berlin.

Sein Fazit nach der ersten Woche in Potsdam: Die Leute ticken hier doch etwas anders als die Berliner. Plastik-Becher, auch wenn die aus 100 Prozent recyceltem Material sind, kommen hier nicht gut an. Er wird wieder Gläser anschaffen und hofft, dass sie ihm nicht, wie in Berlin, massenhaft geklaut werden. „Wir packen den Chiapudding aber auch in eure mitgebrachten Gefäße, kein Problem.“