• Neuer Lernort Garnisonkirche: Kritiker werfen Wiederaufbau-Stiftung mangelnde Distanz zum Rechtsextremismus vor

Neuer Lernort Garnisonkirche : Kritiker werfen Wiederaufbau-Stiftung mangelnde Distanz zum Rechtsextremismus vor

Eine neue Ausstellung im Rechenzentrum übt scharfe Kritik an der Garnisonkirchen-Stiftung. Sie befasst sich insbesondere mit der Entstehungsgeschichte des umstrittenen Glockenspiels.

Baustelle der Garnisonkirche.
Baustelle der Garnisonkirche.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Mit einer kritischen Ausstellung zum Wiederaufbau der Garnisonkirche ist am Freitagabend ein neuer Lernort im Rechenzentrum eröffnet worden. Die Schau wirft der Wiederaufbau-Stiftung mangelnde Distanzierung von Rechtsextremisten vor. Erarbeitet wurde sie vom Kasseler Architekturprofessor Philipp Oswalt, der Martin-Niemöller-Stiftung und mehreren Potsdamer Initiativen. 

Die Schau befasst sich insbesondere mit der Entstehungsgeschichte des umstrittenen Glockenspiels. Die Nachbildung des im Krieg zerstörten Carillons wurde in den 1980er-Jahren auf Initiative des damaligen Bundeswehroffiziers Max Klaar zunächst in Iserlohn errichtet und nach der Wiedervereinigung in Potsdam aufgestellt. Die Inschriften einiger Glocken wurden später als rechtsextrem und revisionistisch kritisiert. 2019 ließ Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) das Geläut abstellen. Doch für die Ausstellungsmacher ist das nicht genug. Ihrer Ansicht nach habe das gesamte Wiederaufbau-Projekt "rechtsradikale  Einschreibungen" wie die Glocken.

Vorwurf: Stiftung sei von extrem rechtem Förderer nachhaltig beeinflusst worden

"Die Problematik beschränkt sich nicht auf das Glockenspiel", sagte Oswalt am Freitag. Klaar sei ein Rechtsextremist und habe mit seinem Verein Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel und später mit Großspenden erheblichen Einfluss auf das Wiederaufbauprojekt genommen. Die Stiftung habe sich nie von Klaars politischen Vorstellungen gelöst. Das sei in ihrer heutigen Arbeit erkennbar. "Die Stiftung beschönigt die Geschichte", so Oswalt. Doch mittlerweile sei das umstrittene Projekt selbst ein Stück Zeitgeschichte und müsse genauer beleuchtet werden.  

Philipp Oswalt, Initiator des "Lernort Garnisonkirche".
Philipp Oswalt, Initiator des "Lernort Garnisonkirche".Foto: Sebastian Rost

Die Ausstellung besteht aus Schautafeln, die sich mit Ereignissen und Personen der verschiedenen Phasen befassen. Über Klaars Glockenspiel-Nachbau heißt es auf einer Tafel: “Von Anbeginn dient das Projekt dazu, eine kontinuierliche Tradition von preußischer Armee, Wehrmacht und Bundeswehr herauszustellen und zu würdigen.” Eine andere Tafel geht auf die Rolle des Generalleutnants a. D. Jörg Schönbohm (CDU) ein, der als Brandenburgs Innenminister zeitweise Schirmherr der Wiederaufbauinitiative war. Mehrfach stellt die Ausstellung heraus, dass der Wiederaufbau immer wieder aus dem extrem rechten Lager nicht nur bejubelt, sondern auch unterstützt wurde, etwa durch Spendensammlungen. 

Befürwortung von Libeskind-Engagement

Die Stiftung solle sich trennen von ihrem "unguten Erbe", forderte deren langjähriger Kritiker Gerd Bauz, der im Vorstand der kirchennahen Martin-Niemöller-Stiftung sitzt. Das Konzept des Wiederaufbaus, der noch nicht vollständig finanziert ist, müsse noch einmal ganz grundlegend hinterfragt werden. Seine Stiftung begrüße ausdrücklich Mike Schuberts Vorschlag, den Architekten Daniel Libeskind zu beteiligen. Libeskind ist bekannt für radikale Entwürfe, die historische Brüche zeigen sollen. Also ziemlich genau das Gegenteil einer historisierenden Nachbildung. 

Streit um Lernort

Philipp Oswalt hält die bisherigen Bemühungen der Garnisonkirchen-Stiftung um einen kritischen Umgang mit der Geschichte und Posititionierung gegen Rechts für unzureichend. Er forderte einen großen, ebenerdig zugänglichen Lernort, der mit einer umfangreichen Ausstellung über die Geschichte der Kirche informieren solle, sagt Oswalt. 

In der Stadt gebe es bereits einen regen Austausch über den Umgang mit der Geschichte, entgegnete Wieland Eschenburg von der Stiftung Garnisonkirche auf PNN-Anfrage. Er werde sich die Ausstellung bei Gelegenheit anschauen und den Dialog mit den Kritikern suchen.

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