• Neuer Gedenkort an Corona-Opfer: Das Erinnern an die Toten zieht um

Neuer Gedenkort an Corona-Opfer : Das Erinnern an die Toten zieht um

Vom Alten Markt zum Bassinplatz: Die St. Peter- und Paul-Kirche wird neuer Gedenkort für die Potsdamer Opfer des Coronavirus.

Der Gedenkort für die Potsdamer Corona-Toten zieht zur Kirche St. Peter und Paul.
Der Gedenkort für die Potsdamer Corona-Toten zieht zur Kirche St. Peter und Paul.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Immer wieder hatte der Wind die Kerzen ausgeblasen, die wochenlang am Obelisken standen. Auch wenn es nur wenige Grablichter waren, die da flackerten und der Alte Markt wegen des Lockdowns und der Kälte fast immer menschenleer blieb: Es war ein anrührendes Bild auf einem der schönsten Plätze der Stadt, mit dem eine Gruppe von Bürgern seit Ende Dezember der Potsdamer Corona-Toten gedachte.

Am Mittwoch (17.2.) soll das Erinnern zur St. Peter und Paul-Kirche am Bassinplatz umziehen. Dort, beim Schaukasten am Eingang, werden künftig Kerzen für die Verstorbenen leuchten. Im Kirchenschiff kann sich jeder mit seinem Namen und ein paar Zeilen in ein Buch eintragen. Trotz einer sinkenden Zahl von Neuinfektionen gibt es noch immer Anlass genug: Bis Sonntag waren in Potsdam 219 Menschen an Corona gestorben.

Teil der Aktion "#Coronatotesichtbarmachen”

Die Potsdamer Linguistik-Professoren Gisbert Fanselow und Manfred Stede haben die Lichter am Alten Markt an den vergangenen Sonntagen entzündet. Sie waren von der Initiative des Berliner Journalisten und Buchautors Cristian Y. Schmidt beeindruckt, der am 6. Dezember am Prenzlauer Berg die inzwischen bundesweite Aktion „#Coronatotesichtbarmachen” gestartet hatte.

Alter Gedenkort für die Corona-Opfer am Obelisk auf dem Alten Markt
Alter Gedenkort für die Corona-Opfer am Obelisk auf dem Alten MarktFoto: privat/G. Fanselow

Auch sie wollten nicht länger tatenlos hinnehmen, dass an den schlimmsten Tagen mehr als 1000 Menschen in Deutschland an oder mit Corona starben, Tag für Tag beinah ein ganzes Dorf, dass die Öffentlichkeit aber nur noch wenig Notiz davon nahm – anders als im vergangenen Jahr, als Bilder aus dem italienischen Bergamo mit Militärlastwagen voller Särge auch die Deutschen erschütterten. Zu ihnen gesellte sich Matthias Ingenlath, Chefarzt für Anästhesie und Intensivmedizin an den Havelland-Kliniken in Nauen und Rathenow. Fanselow stellte ein Schild neben den Kerzen auf. „Wir gedenken der Corona-Toten”, war da zu lesen, auch die Zahl der Potsdamer, die der Pandemie zum Opfer gefallen waren. Zunächst entzündete er für jeden Toten eine Kerze, „als die Zahl auf über 200 stieg, waren es einfach zu viele”, erzählte er den PNN am Samstag während einer Videokonferenz mit Ingenlath.

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Eindringlich beschrieb der Intensivmediziner, wie sehr die Lage auf den Covid-Stationen Kranke und Angehörige, aber auch Mediziner belaste: „Erst erleben wir die Not der Patienten mit, die keine Luft bekommen und dann beatmet und ins künstliche Koma versetzt werden müssen. Nach drei bis vier Wochen verbessert sich ihr Zustand, man kann wieder mit ihnen sprechen. Und dann sterben sie plötzlich.” Das sei für alle, die sie betreuen, „sehr schwierig”.

Angriff auf Gedenkort

Vor zwei Wochen passierte etwas, das den Hochschullehrer Fanselow fassungslos werden ließ. Schon mehrfach waren seine Schilder gestohlen worden, der Verdacht lag nahe, dass da Corona-Leugner am Werk waren. An jenem Sonntag aber wagte sich ein gut 40-jähriger Mann, der mit seinem Sohn erschienen war, in die Nähe und forderte den etwa Zehnjährigen auf, das Holzschild mit dem Plakat zu stehlen. „Stellt Euern Müll woanders hin”, rief der Vater Fanselow zu. Dann zerriss er das Plakat. Die Verhöhnung der Opfer machte den Professor „sehr wütend”, trotzdem verlor er nicht die Beherrschung. Er sagt, es würde ihn nicht überraschen, „wenn es dieser Mann war, der auch schon vorher unsere Schilder verschwinden ließ.”

Am Mittwoch will auch Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) dabei sein, wenn um 11.30 Uhr zum ersten Mal Kerzen am neuen Gedenkort an der St. Peter und Paul-Kirche entzündet werden. Zum Gedenken werden, den derzeitigen Corona-Regeln gemäß, nur 20 Menschen vor Ort zugelassen. Danach will man sich, wie bisher, sonntags Nachmittag treffen. Der Pfarrgemeinderat, dem der Mediziner angehört, hat die Initiative begrüßt und eine Aktionsgruppe gebildet, evangelische wie katholische Pfarrer unterstützen sie. „Es ist überkonfessionell”, sagt Ingenlath, „es soll ein Gedenkort für alle Potsdamer sein.” Möglichst bald wollen die Initiatoren auch mit einem großen Plakat am Kirchturm auf das Gedenken hinweisen.

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Für die Plakatkosten von rund 3000 Euro wird um Spenden an die Kirchengemeinde St. Peter und Paul gebeten: Konto DE86 3706 0193 6000 4300 20, Stichwort: „Gedenken der Corona-Opfer – Turmplakat”.

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